Magazin 1985/1

Schwesternstreit

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Inhaltsübersicht

  • Silvia Bernet-Strahm
    Schwesternstreit
    Konflikte unter Frauen
  • Monika Hungerbühler, Regula Strobel
    Wie gehen Frauen miteinander um?
    Beobachtungen an biblischen Frauengestalten
  • Gisela Recke
    Vom Streiten und Kämpfen
  • Ina Praetorius
    Eine Szene im Café
  • Heidemarie Langer, Herta Leistner
    Inspirationen
    Sara und Hagar
  • Carmen Jud
    Portrait
    Vom rechten Gebrauch des Kopfes

Editorial

FAMA, der neue Name für unser Bulletin, bedeute Orakelspruch, Gerücht, guter oder schlechter Ruf und Ruhm, hiess es in der letzten Nummer. Ein Gerücht ist sie, unsere Zeitschrift, ein Projekt, das vom Weitererzählen lebt. Dass ihr Ruf nicht allzu schlecht ist, das beweisen uns eure Bestellungen von Abonnements und Probenummern, die uns gut tun und Mut zum Weiterarbeiten geben. Den Ruhm, den erträumten wir nicht, nur dem Orakel, dem meist unheilvollen, möchten wir entgehen: dass wir uns zuviel vorgenommen, zu knapp kalkuliert haben und uns die neue, schönere Form finanziell nicht leisten können. Deshalb bitten wir euch, die bezogenen Nummern unserer Zeitschrift auch wirklich zu bezahlen (wenn irgendmöglich mit einem Gönnerabonnement zu unterstützen) oder, wenn ihr sie nicht haben wollt, sie auch abzubestellen.

Schwesternstreit – mit diesem Begriff verbindet sich nicht nur die nüchterne Konstatierung eines konflikthaften Zustands der Frauenbewegung, sondern auch eine Verletzung. Wir haben erfahren und lernen müssen, dass zwar unsere Unterdrückung ans Geschlecht gebunden ist, nicht aber unsere Solidarität. Dass die geteilten Erfahrungen von Einschränkungen und Diskriminierung uns zwar verbinden, jedoch nicht genügen um aneinander auch die Verschiedenheiten zu akzeptieren. Die Tatsache, dass wir alle Freaun sind, ist eine zu schmale Basis, um Solidarität und Schwesterlichkeit leben zu können. Wir sprechen nicht gerne davon und haben uns eine Art Schweigen darüber verordnet – nicht allein deshalb, weil es schmerzlich ist, sich verbunden zu fühlen und doch streiten zu müssen, sondern weil wir niemandem den Triumph gönnen wollten, uns in “Fraktionskämpfe” verstrickt zu sehen.

Was verschwiegen wird, findet trotzdem statt und wir gehen nicht sanft miteinander um, auch wenn wir das von uns unausgesprochen gefordert haben. Wir tun uns schwer damit, individuelle Lebenskonzepte und gesellschaftlich-politische Strategien verbinden zu lernen – und zwar weil es tatsächlich schwer ist. Diese Erfahrung teilen wir wohl mit allen, die an der Veränderung arbeiten.

Was wir uns vorgenommen haben ist nichts Leichtes. Die Schwesterlichkeit ist etwas Schweres, aber auch Gewichtiges und harte Arbeit. Zu Anfang war alles so einfach: ich bin eine Frau, du bist eine Frau, wir entstammen derselben Kultur, denselben Erfahrungsräumen, entdecken aneinander und miteinander unsere Wünsche und das, was uns mangelt und wir nehmen uns vor, uns, wo immer es geht, gegenseitig stark zu machen.

Das Verbindende war und ist noch immer da – aber inzwischen hat sich auch das Trennende, die Vielfältigkeit unserer “Wahl”, unserer Lebens-Wahl, Raum verschafft. Und da wir, wie die meisten, unsere Wahl für die richtige halten, kämpfen wir um deren Anerkennung, als ob sie sonst wertlos würde.

Kämpfen sollten wir schon, aber dafür, dass das feine Netz, das wir zwischen uns gesponnen haben, nicht zerreisst. Wir sollten in aller Sorgfalt nach den Gründen unserer Verschiedenheit fragen und lernen, einander an den Vorteilen, die unsere jeweilige Lebenswahl bringt, teilhaben zu lassen, anstatt sie für alle verbindlich zu machen. Und bei alledem dürften wir nicht vergessen, dass wir einander brauchen, um als einzelne oder als Bewegung nicht unterzugehen. Auf der Ebene der Sehnsüchte und der Verletzungen ist Begegnung, ist Solidarität möglich – ohne die gerade darin erfahrene Nähe verlören wir nicht nur die Verbindung zueinander, sondern auch die Verbindlichkeit unserer Hoffnung auf Veränderung.

Wenn unsere Nummer zum Thema “Schwesternstreit” etwas Nachdenklichkeit in unser Streiten brächte, wäre das sehr schön.

Silvia Bernet-Strahm