Magazin 1985/2

Keuschheit

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Inhaltsübersicht

  • Gisela Recke
    Keuschheit, eine Tugend?
  • Catharina Halkes, Daan Budding
    Keuschheit als Jungfräulichkeit
  • Hildegard Schmittfull
    Keuschheit als Entfaltung der eigenen Liebesfähigkeit
  • Monika Hungerbühler
    Keusche Ahninnen
  • Carmen Jud
    «…schliess mich in deine Wunden ein, dann schlaf ich ruhig, keusch und rein»
  • Silvia Bernet-Strahm
    Die «neue Keuschheit»

Editorial

Wieso wir gerade auf das Thema «Keuschheit» verfallen sind, mögt Ihr Euch gefragt haben. Vielleicht hat sich diese Frage aber inzwischen beantwortet durch all die Bücher, Filme und Zeitschriftenartikel, die sich dieses Themas in den verschiedensten Formen annehmen, angefangen bei Zeitschriften wie Cosmopolitan und Magma, über Teile des neuen Buches der australischen Feministin Germaine Greer (“Die heimliche Kastration”) bis hin zu den eben erst in unseren Kinos angelaufenen Filmen von Jean Luc Godard (“Je vous salue, Marie”) und Ulu Grosbard (“Falling in Love”).

Der Begriff Keuschheit, der für uns vor einem Jahr noch die Ahnung eines Tendenzwechsels festhielt, der sich im Bereich der Sexualität anbahnt – er hat inzwischen einiges an Aktualität gewonnen, so dass man geneigt ist anzunehmen, es handle sich hier tatsächlich um die Entstehung eines neuen Klimas im Bereich der Sexualität. Nicht die Auseinandersetzung mit der eigenen christlichen Tradition und nicht die wachsenden Restriktionen, die allenthalben den “Früchten” der sexuellen Liberalisierung drohen, waren es, die unsere Neugier weckten, sondern die  Absage an eine uneingeschränkte sexuelle Praxis gerade durch die, die sie sich einst als Utopie der Freiheit erkämpften.

Die “neuen Keuschen”, diese “schamlos Lustlosen”, wie es in der Aprilnummer der Zeitschrift Magma heisst, sind nicht im Lager derer zu suchen, die in bürokratischem Eifer heute die Scham wieder dort errichtet sehen wollen, wo es um “Genitalitäten” (nicht etwa um Brutalitäten) geht, sondern im Lager derer, die beileibe nicht aus Prüderie oder prinzipiellem Asketentum, sondern aufgrund der langweilenden sexuellen Unverbindlichkeit sich dieser Idee, wenn auch mit einiger Koketterie, annehmen und sie zeitweilig sogar praktizieren.

Keuschheit wird so, anders als dies zumindest den Intentionen der christlichen Tradition entspricht, nicht mehr zu einer wie auch immer begründeten Lebens-Haltung oder zu einem Zeichen für eine Liebesbeziehung, die anderen Gesetzen gehorcht (vgl. H. Schmittfull,), sondern zu einer blossen Enthaltung aus Ernüchterung und Langeweile. Sie hat, so macht es den Anschein, zu tun mit Überdruss und einer Art von Distanz, die die Sexualität an Banalität und Lächerlichkeit bindet und ist somit eine recht traurige Bilanz der ehemals gehegten Hoffnungen auf eine Sexualität, die jenseits des Verbots und seiner Übertretung so etwas wie Natürlichkeit zurückgewinnen könnte. Ist Keuschheit wirklich die Antwort auf diesen “befreiten Fall von Bett zu Bett” (Magma), in dem “über der Lust am Dürfen die Lust am Wollen” (Magma) vergessen wurde? Nichts als die Folge einer Resignation? Oder doch auch ein Innehalten, das Raum schafft für die Einsicht, dass Sexualität doch mehr zu sein versprach als Triebbefriedigung, als ein paar Minuten Lust. Keuschheit beinhaltete einmal – und zwar jenseits der dummen Alternative Trieb/Geist – auch Autonomie und Selbständigkeit (vgl. M. Hungerbühler). Sie war nicht bloss Kategorie des Verzichts, sondern sie hatte zu tun mit Selbstgewinnung (vgl. G. Recke). Wenn die «neue Keuschheit» dieses Element aufnähme, wenn sie nicht diesen chiquen Sarkasmus behielte und den Charakter des dernier cri, sondern auch ein Neubedenken des Zusammenhangs von Sexualität und Liebe würde, dann lohnte es sich, sie ernst zu nehmen.

Silvia Bernet-Strahm