Magazin 1986/2

Frauenfraugen – Luxusfragen?

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Inhaltsübersicht

  • Angela Bausch
    Rückwende? Oder: Die Frauenfrage ist kein Hobby
  • Doris Strahm, Renate Wilke-Launer
    Selbstbewusst und unbescheiden
  • Amparo dos Santos, Regula Strobel
    Frauenfrage in der Favela
  • Doris Huber
    Befreiung für wen?
  • Roselies Taube
    «… dieser Schuss Unverschämtheit»
  • Luzia Sutter
    Luxusdenken. Beim Wort genommen
  • Monika Hungerbühler
    Die neuen Sklavenmärkte

Editorial

Sind Frauenfragen Luxusfragen? Ja, woll(t)en mir bisweilen linke Freunde klarmachen. Ein Luxus für mittelständische und akademische Frauen aus Europa und Nordamerika. Und sie klären mich erneut auf (zum wievielten Mal wohl schon?) über die Hierarchie der Unterdrückungsformen: die ökonomische Ausbeutung sei der Hauptwiderspruch in der Gesellschaft. Dann gebe es auch Nebenwidersprüche wie die rassistischen und sexistischen. Eine solche Rangordnung überzeugt mich nicht, zumal mich als Frau sowohl die ökonomischen wie auch die sexistischen Herrschaftsformen existentiell treffen, oft gleichzeitig und miteinander vermischt (wie z.B. beim tieferen Grundlohn der Frauen). Auch werden die sogenannten Nebenwidersprüche nicht einfach gelöst sein mit der Aufhebung des Hauplwiderspruchs. (Allerdings lassen sich auch die Nebenwidersprüche nicht ohne den Hauptwiderspruch lösen!)
Unsicherer machen mich die Anfragen von Frauen aus den arm gemachten Ländern südlicher Regionen: Wie könnt ihr euch aus der sozialen Wirklichkeit zurückziehen, hinter verschlossenen Türen oder in romantisch-bewaldeten Schluchten nach Urmüttern und Göttinnen suchen, während wir gleichzeitig zu Grunde gehen? Wie könnt ihr in Spiel und Bewegung eure Körperlichkeit neu entdecken, während die Körper unserer Frauen euren emanzipationsgesättigten Männern zu bezahlbaren Lustobjekten werden und der Skla- venhandel mit “exotischen” Frauen floriert?1

Diese Anfragen treffen mich und ich verstehe sie. Sie sind meines Erachtens auch berechtigt, wenn sich das Suchen von uns europäischen, mittelständischen Frauen auf individuelle, nur uns betreffende Lösungen beschränkt. Ohne wieder einem neuen, sogenannt christlichen Altruismus das Wort zu reden und wie es sich für Frauen schon seit jeher geziemt hat immer zuerst an das Wohlergehen anderer zu denken, träume ich trotzdem von einer weltweiten Schwesterlichkeit. Wie kommt diese Schwesterlichkeit aber zustande? Indem wir auf den “Luxus” der Fragen nach unserem Ganzwerden verzichten? Ich meine nicht. Denn Luxus ist nicht – wie in den Vorwürfen formuliert – immer einfach etwas Überflüssiges, Unnützes. Luxus meint auch das Leuchtende und Überschwengliche unseres Lebens, das, was uns Freude macht und unser Leben vom nackten Überlebenskampf unterscheidet, das, was uns zur sprudelnden Kraftquelle werden kann auch für das Engagement mit Schwestern, die mitten in diesem Überlebenskampf sind.

Solange noch Frauenfragen ungehört verklingen oder absichtlich unter den Tisch gewischt werden in irgendeinem Teil der Welt, können wir Europäerinnen die Hände nicht über “gelösten Frauenfragen” in den Schoss legen.

Regula Strobel

1Vergleiche dazu Bärbel von Wartenberg-Potter. Brief an Elsa, In: Wir werden unsere Harfen nicht an die Weiden hängen. Engagement und Spiritualität. Kreuz Verlag Stuttgart. 1986.