Magazin 1986/4

Last uns Menschen machen

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Inhaltsübersicht

  • Doris Strahm
    Informationen zu einigen grundlegenden Begriffen
  • Ina Praetorius
    Das «Noli-me-tangere-Argument» oder: Ist Doktor Faust ein Heiliger?
  • Cornelia Jacomet-Kreienbühl
    Mein Körper gehört mir – mein Körper bin ich
  • Sigrun Holz
    Zur Problematik der Legitimation der Reproduktionstechnologien durch den Kinderwunsch der Frauen
  • Li Hangartner
    Bevölkerungspolitik in Indien – Endlösung der Frauenfrage?
  • na Praetorius im Gespräch mit Silvia Bondolfi-Waeber
    Ein Gespräch über pränatale Diagnose
  • Silvia Bernet-Strahm
    «Ein Privileg, immer wieder ein Privileg habe ich gewollt»
  • Monika Hungerbühler
    Unter dem Zwang des Möglichgewordenen
  • Regula Strobel
    Vom mehr oder weniger sanften Druck, Mutter zu werden

Editorial

“Die kleinen Einzelheiten sind es bekanntlich, die tüchtig und glücklich machen. Gesamtüberblicke sind für den Geist nur von Übel”1 – ein Satz, den man, hat man ihn einmal im Kopf nicht mehr loswird und der, auf die Probe gestellt, fast immer zutrifft, auch für den Bereich Gen- und Reproduktionstechnologie.

Die vielen kleinen Einzeltätigkeiten, welche unsere Gesellschaft gestalten, mögen in sich meist stimmig erscheinen und werden erst, in grösseren Zusammenhängen geortet, fragwürdig, so dass man bald nichts mehr für wirklich sinnvoll halten kann. Gesamtüberblicke machen unzufrieden, weil sie die Absurdität eines Grossteils unserer Bemühungen aufdecken. Deshalb verpflichtet man uns gern auf die Einzelheiten, in denen, zugegeben, unser aller Leben stattfindet. Auf den Bereich der Gen – und Reproduktionstechnologie angewendet heisst dies: Wir mögen es für durchaus sinnvoll halten, dass man unfruchtbaren Paaren zu Kindern verhilft, dass man gesundheitliche Schäden am ungeborenen Kind frühzeitig erkennt, dass man Bakterien zu züchten versucht, die uns unsere tödlichen Gifte abbauen u. v. m. Nur, wenn wir uns zu fragen beginnen, was da eigentlich wirklich im Gang ist und welche Haltungen und Wertvorstellungen all diesen zivilisatorischen Glanzleistungen zugrunde liegen, kommen wir von der Vorstellung, unsere Welt sei verkehrt, nicht mehr los.

Weshalb wird so unhinterfragt vorausgesetzt, dass alle Menschen, vorab alle Frauen, Kinder haben müssen und sonst nicht glücklich werden können? Weshalb wird zur Erfüllung des Kinderwunsches unfruchtbarer Menschen ein so immenser technischer Apparat entwickelt, wo doch tagtäglich erfahrbar wird, dass man in unserer Gesellschaft Kinder gar nicht liebt und schon gar nicht die der anderen, weit weg, deren millionenfaches Sterben uns nicht zu verändern vermag? Oder: Weshalb bringen wir es nicht fertig, unsere Welt vor der Zerstörung zu bewahren, anstatt sie erst zu verwunden und dann zu heilen versuchen? Liegt nicht alles daran, dass es in unserer Kultur zum Unerträglichsten gehört, Grenzen akzeptieren zu müssen und vielleicht zur Einsicht gezwungen zu sein, dass unsere Möglichkeiten weiter reichen als unsere Fähigkeit, verantwortlich und sinnvoll zu handeln?

Man mag diese Aussage für naiv halten und doch sind es diese naiven Fragen, die einem dazu verhelfen können, sich dem Sog des Faktischen, den scheinbaren Notwendigkeiten, zu entziehen. Deshalb ging es uns in diesem Heft auch nicht darum, darüber nachzudenken, wo im Bereich Gen- und Reproduktionstechnologie die Grenzen des noch Zulässigen sind, sondern, uns auf den Reproduktionsbereich beschränkend, darüber nachzudenken, weshalb diese ganze Lebensproduktionsmaschine überhaupt angeworfen wird und welche möglichen, nicht zu tragenden Verantwortungen damit verbunden sein können. Wir haben mit unseren Zugängen nur ein paar Fühler ausgestreckt und nach dem Umfeld gefragt, das da etwa heisst: Kinderwunsch, Glücksvorstellungen, Zwang des Möglich gewordenen, Frauenbilder etc. und das alles im Bewusstsein, dass unser Misstrauen angesichts der damit verbundenen Ideologien vom vollwertigen, nützlichen Leben (vgl. pränatale Diagnostik und deren Folgen z.B. in Indien) durchaus angebracht ist, gerade auch wenn bedacht wird, wieviel Geld bereits darin investiert wird. Nicht nur wissenschaftliche Neugier, nicht nur die prometheische Versuchung der Menschenproduktion, «angereichert» durch die mittels Genmanipulation eröffnete Möglichkeit der Perfektionierung von Leben, sind die Triebfedern solchen Tuns, sondern auch ganz konkrete ökonomische Interessen.

Auch das sollte uns nachdenklich stimmen. Und bei alledem trifft so erschreckend genau das Urteil der Untergangsvisionärin Kassandra zu, die unsere Situation auf den einfachen Nenner bringt: “O dass sie nicht zu leben verstehen. Das ist das wirkliche Unglück, die eigentlich tödliche Gefahr.”2

Silvia Bernet-Strahm

1 A. Huxley, Schöne neue Welt, Frankfurt a.M. 1986, 20.
2 Ch. Wolf, Kassandra, Darmstadt 1983, 13.