Magazin 1987/1

Wurzeln

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Inhaltsübersicht

  • Li Hangartner
    Mahnung der Toten an die Lebenden
  • Silvia Bernet-Strahm
    «Ich setzte einen Fuss in die Luft und sie trug»
  • Li Hangartner
    Indien | Die Konfrontation mit dem Fremden wird zur Kritik an der eigenen Herkunft
  • Cornelia Jacomet-Kreienbühl
    Wachsen | Ein Leben lang wachsen
  • Dorothé Casalis, Ruth von Brunn, Ursula Kleeb, Monika Stocker-Meier, Agnes Brosy, Rosemarie Thalmann
    Inspirationen: Wurzelerfahrungen | Frauen verschiedener Generationen erzählen

Editorial

Die Diskussionen innerhalb des FAMA -Teams bezüglich Umweltschutzpapier gehen viel weiter zurück als die Auseinandersetzungen zum Thema Wurzeln. Und doch muss der Zusammenhang zwischen beiden nicht erst hergestellt werden. Dieser Beitrag zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur ist zwar klein und fällt nicht ins Gewicht, aber letztlich sind es doch diese kleinen Schritte, auf denen die grossen Veränderungen aufbauen. Eine andere Frage, die uns auch seit längerem beschäftigte, hat nun ebenfalls ihre vorläufige Antwort gefunden. Die stetig wachsenden Abonnementzahlen wirken sich erfreulich aus auf die finanzielle Situation der FAMA. Dies war der Anlass, die Frage der Vergrösserung der Zeitschrift und des Honorars eingehend zu diskutieren. Um dem Anspruch einer Drehscheibe näherzukommen, liegt die FAMA im ersten und dritten Quartal in einem grösseren Umfang vor, ohne dass dadurch der Abonnementspreis den dadurch entstehenden Mehrkosten angeglichen wird. Unsere Arbeit rund um die FAMA leisten wir weiterhin unentgeltlich, doch ist es uns möglich, die einzelnen Beiträge der Autorinnen zwar nicht zu entlöhnen, aber doch mit einer kleinen Anerkennung zu honorieren. Dies soll als kleiner Schritt in die Richtung von dem verstanden werden, was wir uns vor- stellen.’ ein Schritt dorthin, wo Frauen nicht mehr gezwungen sind, Gratisarbeit zu leisten, um solche Projekte zu realisieren.

Wurzeln – Kletterwurzeln – Luftwurzeln – Schlingwurzeln – Wasserwurzeln – essbare Wurzeln – Knollenwurzeln – Wurzeln, durch die Nahrung aufgenommen wird – Wurzeln, die sich tief in die Erde graben und den Standort der Pflanze. des Baumes bestimmen … Sind es nicht gerade die Wurzeln, die einem Vergleich mit dem Menschen – auch im übertragenen Sinn – nicht standhalten? Ist das Bild der Wurzel, des Verwurzeltseins nicht eine voreilig und viel gebrauchte, abgenützte und bequeme Metapher, der die menschlichen Erfahrungen nicht standhalten – bloss “weil der Mensch nicht zu Ende denken will?”1 Bilder sind immer unzulänglich, lösen vielseitige und widersprüchliche Empfindungen und Reaktionen aus. Dass es bei der Frage nach der menschlichen Verwurzelung nicht um die Herkunft im eigentlichen Sinn geht, setzen wir voraus. Wer kann schon von sich sagen, dass sie dort lebt, wo sie geboren ist. Doch Wurzeln verunmöglichen nicht nur ‚jegliche Mobilität des Baumes, sie sind auch das, was hält, was trägt.’ die Krone, Blätter und Früchte. Nach einer Antwort suchend, was uns trägt und Kraft gibt, werden gerade wir Frauen uns schmerzlich bewusst, wie wir überlieferte und verinnerlichte Werte in Frage stellen, Bilder, mit denen wir gross geworden sind, auflösen müssen. Wir werden uns bewusst, dass die Nahrung, die wir dem Boden entnommen haben, auf dem wir gewachsen sind, Gift war: Gift das Äste und Blätter verdorren liess, Qualitäten in uns verkümmern liess, die uns erst zu ganzen Menschen machen würden. Wurzeln können zwar gewaltsam ausgerissen werden, der eigenen Geschichte jedoch kann kein Mensch entrissen werden. Auf der Suche nach unserer Identität werden wir uns nicht nur der dicken Wurzeln bewusst, die sich aus dem Strom der Zeit die Nahrung beschaffen, sondern werden auch aufmerksam auf die feinen, verästelten Nebenwurzeln, die beharrlich zwischen Steinen und Geröll nach Quellen und unterirdischen, unbekannten Gewässern suchen und so Blätter und Blüten neues Leben treiben lassen.

Li Hangartner

1 Hugo Lötscher. Die Papiere des Immunen, Zürich 1986.