Magazin 1987/4

Landnahme

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Inhaltsübersicht

  • Doris Strahm, Silvia Bernet-Strahm, Monika Hungerbühler, Carmen Jud
    Landnahme | Gedanken
  • Birgit Keller
    Ohne Hoffnugn auf Landnahme leben lernen
  • Li Hangartner, Lucia Lucci
    Die Frauenhausbewegung
  • Carmen Jud
    Frauenkirchentage und ihre Wirkung
  • Shelley Berlowitz
    Villa Kassandra: Frauen an der Grenze
  • Judith Trinkler
    Die Verwirklichung des gesetzlichen Gleichheitsgebots
  • Ulfa von den Steinen
    Institut für ganzheitlich-feministische Pädagogik und Psychologie
  • Cornelia Jacomet-Kreienbühl, Irène Gysel
    Frauen feiern im Fraumünster
  • Béatrice Acklin-Zimmermann
    Nicht in der «Prozession der Söhne der gebildeten Männer»

Editorial

Die Welt der Frauen ist klar markiert: Sobald sie die Schwelle ihres Hauses hinaus in die Öffentlichkeit betreten, verlassen sie damit auch ihren Einflussbereich. Ihre Arbeitskraft, ihre Gesundheit, ihre Bildung und ihre Kultur, ihre Erotik und ihre Sexualität werden von Männern kontrolliert, verwaltet und vermarktet. Der Ausdruck «die Frau in der Gesellschaft» trägt genau dieser Situation Rechnung, nämlich dass es sich um eine Männergesellschaft handelt, in der Frauen zugelassen sind, aber nichts zu sagen haben. Schon seit Jahren protestieren Frauen dagegen, einfach nur «zugelassen» zu sein. Das Entstehen der Frauenprojekte Mitte der Siebziger Jahre war der Beginn eines langjährigen Prozesses, in welchem sich Frauen Stück für Stück das Land zurückeroberten, das ihnen im Laufe der Geschichte genommen worden war. Gesundheitszentren und feministische Therapie, Frauenbuchläden und -verlage, Frauenhäuser und -beratungs- stellen, Frauenkulturzentren und -restaurants sind alle von denselben Konzeptideen getragen: sie sind autonom, selbstverwaltet, gemeinschaftlich organisiert und – die meisten von ihnen – ökonomisch weitgehend unabhängig von staatlichen Geldern. Frauen bringen in diesen Projekten zum Ausdruck, dass sie Gesellschaft sind und es schon immer gewesen sind. Als ein Teil davon versteht sich auch die «Kirche der Frauen», ein Ausdruck, der vor ein paar Jahren von Elisabeth Schüssler-Fiorenza in Anlehnung an «die Kirche der Armen» geprägt wurde und am schweizerischen Frauen-Kirchen-Fest vom 24. Oktober durch Marga Bührig in unserem Bewusstsein wieder wachgerufen wurde. Frauenkirche heisst, dass wir uns nicht damit zufrieden geben, in der Männerkirche zugelassen zu sein, auch nicht dann, wenn einzelnen von uns Eigenständigkeit, Kompetenz und eine gewisse Entscheidungsfreiheit zugestanden wird. Frauenkirche ist ökumenisch, weil die Überwindung der gemeinsamen Unterdrückungserfahrung die Grenzen zwischen den Konfessionen sprengt. In unserem Bewusstsein, dass wir Frauen Kirche sind, erobern wir das religiöse Erbe unserer Vorfahrinnen der biblischen Glaubensgeschichte zurück und entziehen es dem Zugriff der Männertheologen, gewinnen wir unsere Fähigkeit, die Welt «religiös-rituell» (E. Schüssler-Fiorenza) zu benennen, zurück. Diese Schritte ins Land der geistigen und religiös-spirituellen Autonomie führen Frauen verschiedensten Alters und unterschiedlicher Herkunft: zusammen und lassen die Kraft in der Gemeinschaft erfahren. Was uns noch bevorsteht, ist die konsequente realpolitische Durchsetzung unseres Anspruchs, dass wir Frauen Kirche sind, dass die Gestaltung unserer Kirche in unseren Händen, in unserem Mut und in unserer Macht liegt. Die Hoffnung und die Kraft, die aus diesem Anspruch erwächst, ist immer auch gepaart mit der aus den täglichen Erfahrungen erwachsenden Resignation, die müde werden lässt und oftmals nur die eine Perspektive zulässt, ewig Wandernde zu bleiben in der Wüste, betrogen um unsere Sehnsucht, die das Land der Träume in einer Fata Morgana aufgehen lässt.

Die folgenden Gedankenassoziationen, die wir an den Anfang der weiteren Überlegungen zum Thema Landnahme gestellt haben, sind Ausdruck dieser persönlichen Erfahrungen zwischen Hoffnung und Resignation, die wir alle machen.

Li Hangartner