Inhaltsübersicht
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Elga SorgeDas Kreuz mit dem Kreuz
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Doris Strahm«Wahrlich, erlöst sehen sie nicht aus, diese Leute, an deren Erlöser ich glauben soll»
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Ruth SteinmannKreuz – Symbol für Leben?
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Silvia Bernet-Strahm, Monika HungerbühlerDie gekreuzigte Frau
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Kusum GokernIch bin eine Frau, an das Manneskreuz genagelt
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Carmen JudenDie Faszination der Kunst zu leiden
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Lisbeth Zogg-HohnGedanken zu einem Bild
Editorial
Im vergangenen Sommer in Nicaragua haben mich die vielen Kreuze an den Strassen- und Wegrändern betroffen gemacht. Meist waren sie weiss bemalt, damit sie den Vorübergehenden auffallen mussten. Es waren Kreuze, die an den gewaltsamen Tod von Frauen und Männer erinnerten, die vor 1979 gegen Tod, Diktatur und Unterdrückung kämpften, oder seit 1981 hinterlistig getötet wurden von den sogenannten Contras, die das aufbrechende Leben im neuen Nicaragua zu zerstören suchen. Die Kreuze wurden schon zu Somozas Diktaturzeiten errichtet – als Zeichen des Protestes und der Anklage. Zeichen des Protests gegen dieses mörderische Regime, das jene Frauen und Männer brutal tötete, die sich für das Leben engagierten, mehr noch: das Menschen ermordet – auch Kinder – für deren Leben und Überleben die anderen kämpfen: ein empfindliches Druckmittel gegenüber diesen, die für das Leben kämpfen: dass sie nicht nur sich selbst, sondern viele andere dem blutrünstigen Rachehandeln der herrschenden Todesmächte aussetzen. Die Kreuze an den Wegen sind Zeichen des Protests und der gefährlichen Erinnerung: Die Täter werden an ihr Morden erinnert und können sich nicht schuldlos davonschleichen. Aber auch eine gefährliche Erinnerung für jene, denen jetzt neue Lebensmöglichkeiten gegeben sind – dank dem Kampf anderer, die nicht vergessen und verraten werden dürfen, und deren Erbe sie als Geschenk und Auftrag in Händen halten.
Für mich war das Kreuz lange Zeit kein Zeichen und Symbol des Protests und auch nicht Ausdruck einer gefährlichen Erinnerung. In der Stube, oberhalb des Tisches vertrug es das Zeichen des Protests, den brutal Ermordeten nicht. Der gekreuzigte Jesus musste salonfähig werden, bei Essen erträglich, nicht mehr so anstössig. Und in den Stuben der Mächtigen erregt der Gekreuzigte dann am wenigsten Anstoss, wenn er, Jesus, diesen Tod selbst gewollt – oder doch zumindest um unserer Sünden willen auf sich genommen hat. Dann erst können Pilatus und all seine Nachfolger ihre Hände in Unschuld waschen. Weiter kann die Entschuldigung nicht getrieben werden: Der Mörder ist unschuldig und der brutal und ungerecht Ermordete ist schuldig. In den Stuben der Machtlosgehaltenen ist das Kreuz so zum Instrument geworden, das Herrschaft rechtfertigt. Der von den Mächtigen Ermordete soll diejenigen ohne Macht dazu bringen, Ruhe zu geben, nicht zu rebellieren, den Kopf sanft zur Seite zu neigen und das ihnen von Menschen auferlegte Kreuz protestlos zu tragen. Ist es diesem Bedeutungswechsel zu verdanken, dass das Kreuz ins Zentrum christlichen Glaubens gestellt wurde? Immer wieder im Lauf der Welt- und Kirchengeschichte wurden Frauen Kreuze aufgeladen, die sie gehorsam tragen sollten.
Deshalb ist es uns wichtig, dieses Thema anzugehen, den Verletzungen nachzuspüren, die mit dem Kreuz verbundenen Bilder aufzuschlüsseln – in der Hoffnung, irgendwann einen eigenen Zugang zum Symbol Kreuz zu finden. Die Fragen und Antwortversuche sind tastend, verbunden mit Schmerzen, nicht abgeklärt und definitiv – eine erste, lebendige Auseinandersetzung.
Regula Strobel