Magazin 1988/2

Erlösung

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Inhaltsübersicht

  • Lisanne Enderli
    Heil-ungs-geschichten
  • Regula Strobel
    Erlösung von der Welt oder Erlösung der Welt
  • Silvia Strahm-Bernet
    «Es ist ein Fluch, Erlöser zu sein»
  • Carmen Jud
    Feminisierung der Gesellschaft oder heilsame Weiblichkeit – heilende Frauen?
  • Marie-Rose Blunschi
    Die Befreiung der Ärmsten erfordert den Einsatz von Menschen
  • Carmen Jud im Gespräch mit Verena Hofer, Andrea Jäkle, Ulrike Metternich, Ingrid Näf, Rita Pürro, Ruth Theler, Ingeborg Voss
    Erlösung – ein Gespräch
  • Li Hangartner, Cornelia Jacomet-Kreienbühl
    «Christus war und bleibt ein Mann»
  • Cornelia Jacomet-Kreienbühl
    Märchen und Erlösung
  • Doris Strahm
    Inspirationen

Editorial

Noch nie hat ein Thema uns solche Schwierigkeiten bereitet. Nicht, weil wir nicht verstünden, was Erlösungsbedürftigkeit hiesse, also die Hoffnung hegten, ab und zu, es vermöchte uns etwas nicht Selbsterkämpftes zu Hilfe kommen, sondern weil wir uns nicht klar werden konnten, was wir mit dem christlichen Versprechen, durch das Leben und Sterben dieses Jesus tatsächlich erlöst worden zu sein, anfangen sollen. Nichts als Fragen: Erlöst? Ein für alle Mal, durch diesen göttlichen Sohn? Erlöst wovon und wozu? Wir sehen uns an, sehen uns um und nichts ist erlöst, etwas anderes zu behaupten wäre Zynismus. Oder war das etwa gar nicht gemeint? War «Erlösung» nicht einfach ein einmaliger historischer Akt, sondern das Eintreten einer neuen Möglichkeit, gut zu sein und verantwortlich zu handeln? Ein eingeleiteter Prozess, den es zu verwirklichen, eine Vorgabe, die es zu aktualisieren gilt? Aber ist Erlösung nicht ein zu grosses Wort für die Möglichkeit, befreit zu werden – zu dem, was ein Mensch wirklich sein könnte? Ein zu grosses Wort für etwas, das kaum sichtbar wird, nicht am Einzelnen, nicht in der Welt.

Erlösung – Befreiung aus dem Sklavenhaus, Loskauf aus der Macht des Todes, die Verheissung, in die Heils-Geschichte einzutreten, so die biblische Sicht. Neutestamentlich geknüpft an Tod und Auferstehung Jesu, in der Tradition weitergeführt als immerwährender erzieherischer Prozess, der – stellvertretend durch Jesus Christus – eröffnet wurde als Befähigung des Menschen, sich zu sich selber, erneut zum Bild Gottes, zu erziehen (so die Version des griechischen Ostens). Erlösung auch als Heilung des durch die Sünde entstandenen Rechtsbruches zwischen Mensch und Gott, als durch Jesus Christus ermöglichte Wiederherstellung der richtigen Beziehung zwischen ihnen. Erlösung nicht einfach als Imitation Jesu Christi, als Selbsterziehung, sondern als durch Christus geschenkte Vorgabe, die allein zur Aktualisierung verhilft (so die Version des lateinischen Westens). Mag sein, es gibt einiges, was wir verstehen, neu benannt, weitergedacht auch teilen können mit diesen Traditionen. Aber es gibt auch einiges, was dagegen zu sagen bleibt: dass Erlösungsvorstellungen jedwelcher Art anfällig sind für Totalitarismen, anfällig dafür, die Menschen notfalls mit Gewalt zu ihrem Glück zu zwingen. Dass es nicht angeht, von Erlösung zu sprechen und jahrhundertelang eine Spur von Blut und Feuer hinter sich herzuziehen. Heils-Geschichten müssten andere Muster hinterlassen. Erlösung als blosse Möglichkeit, das ist zu wenig. Was sich nicht einlöst, individuell, kollektiv, geschichtlich, das ist vielleicht nicht unwahr, aber sinnlos.

Erlösung, das ist nichts, was uns abgenommen würde, aber es bezeichnet einen Anteil an dem, was wir Befreiung nennen, der uns zukommt, und zugleich als Fähigkeit, das Gute zu tun, Gerechtigkeit zu verwirklichen und das Böse zu zerstören, zugemutet wird. Erlösung als gemeinsames Projekt von Gott und Mensch, so die feministische Theologie Carter Heyward, als etwas, das weder Gott, noch Mensch alleine bewirken, sondern als Aufgabe, an der Gott und Mensch gemeinsam kooperieren. Dies wäre ein Ansatz, der sich lohnte weiterzudenken.

Weiterdenken, nicht aufhören zu fragen, lernen, die richtigen Fragen zu stellen, das und nichts anderes möchten wir mit dieser Nummer bekräftigen. Hinweisen auf mögliche Orte, wo sich zu fragen lohnt, in der Hoffnung, es seien in diesen Fragen auch Keime möglicher Antworten, vielfältigen und vorläufigen, verborgen.

Silvia Strahm-Bernet