Magazin 1989/1

Liebe

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Inhaltsübersicht

  • Silvia Strahm Bernet
    Zwischen Rausch und Gewöhnung
  • Monika Senn Berger
    Liebe ist Gerechtigkeit
  • Li Hangartner
    Nicht unsterblich, aber ewig
  • Regula Strobel
    Bild-Spiegelbild-Zerrbild-befreiende Vision
  • Barbara Ruch
    Erotik als Da-Seins-Lust
  • Anita Masshardt, Barbara Rieder
    Die Liebe ist ein Kind der Freiheit
  • Roselies Taube
    Nächstenliebe als Frauenpflicht
  • Katharina Belser
    Liebe auf Kosten der Frauen?
  • Dorothee Burkhard, Claudia Weilenmann
    Wenn Frauen zu sehr lieben
  • Ursi Zimmermann
    Abhängige Frauen – eigenständige Männer?
  • Heidrun Richter
    Frauenfreundschaften

Editorial

Liebe als das höchste und überwältigendste Gefühl wird oft so sehr idealisiert, dass die Erwartungen, die mit Liebe verbunden werden, nicht erfüllt werden können. Unzählige Mythen, Lieder, Gedichte, Dramen und Tragödien erzählen von der Liebe. Sie handeln von all dem, was mit ihr zusammenhängt: von Glück, Leidenschaft, Ekstase, Erotik, Sexualität, dein Leben schlechthin, aber auch von Eifersucht, Leiden, Zerstörung und Tod. Angesichts dieses darin entworfenen Ideals von Liebe als dem Grossen, Glänzenden, Überwältigenden bleiben viele Fragen offen. Denn die Liebe zu leben und sie durchzutragen durch Krisen und Schwierigkeiten, scheint nur wenigen zu gelingen.

Unsere Beiträge nähern sich diesem grossen Thema mit Vorsicht und Skepsis, fragen immer wieder nach den gesellschaftlichen Umständen, in denen Liebe gelebt werden soll und benennen die Ursachen, die es verunmöglichen, überhaupt von Liebe zu reden, wenn gewalttätige Strukturen sie an der Entfaltung hindern. Wenn aber das Überwältigende, Grenzensprengende und Verändernde an der Liebe nicht einfach wegdiskutiert werden kann, – denn es existiert tatsächlich –‚ ist es notwendig, der Liebe ihre Lebensgrundlagen zu sichern und zu erhalten, damit sie nicht in unlebbaren Bedingungen zum Scheitern verurteilt ist.

Dass das Thema Liebe in den letzten Monaten auf dem Büchermarkt neu aufgelegt worden ist, hat niemand übersehen können. Durch diverse Bestseller ist sie einmal mehr zu einem grossen Geschäft geworden. Wieso aber stösst «Liebe» auf dieses breite Interesse? Hat es damit zu tun, dass viele Menschen immer wieder von neuem versuchen herauszufinden, was es mit diesen Gefühlen auf sich haben könnte, was sie bisher falsch gemacht haben, oder was sie noch tun könnten, um die Liebe lange und anhaltend geniessen zu können?

Mit dem Thema Liebe beschäftigen sich Frauen anders als Männer, weil es auch einer jener Bereiche ist, für den man sie verantwortlich macht, für den sie sich aber auch verantwortlicher fühlen, sind sie doch durch die Liebe viel mehr gebunden und daher auch existentieller betroffen. Vielen erwächst durch die Liebe nicht nur eine emotionale, sondern auch eine ökonomische Abhängigkeit. So war und ist die Opferbereitschaft von Frauen im Namen der Liebe gross, weil sie es sind, die im nicht zu lebenden Ideal zwangsweise auf der Strecke bleiben. Sie sind es auch, die die Schuld am Scheitern sehr oft auf sich nehmen und wieder neue Anstrengungen machen, dem Ideal Liebe gerecht zu werden: in der Mutterliebe, in der Partner- liebe (seltener in der Partnerinnenliebe), ohne die Strukturen zu kritisieren und zu bekämpfen und diese für die Unmöglichkeit, das Ideal zu leben, verantwortlich zu machen.

Doch darf nicht vergessen werden, dass es sie gibt, die Liebe. Dass sie tagtäglich fähig ist, den Kampf gegen den Hass in dieser Welt aufzunehmen. Dass sie die Kraft hat, gegen das Zerstörerische zu kämpfen, um doch immer und immer wieder Leben hervorzubringen, so dass die Hoffnung trotz allem nicht sterben muss. Schwanken also zwischen Resignation und Hoffnung, auf dass die Liebe gegen den Hass siege und die allzu romantischen und idealisierenden Bilder der Realität Platz machen. Liebe darf dann nicht mehr als das Grosse, Glänzende allein verstanden werden. Sie hat viele Arten, sich zu zeigen und ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Vielleicht ist sie überhaupt nur dort auf Dauer zu finden, wo sie von wenigen gesucht wird: im Alltäglichen, im durch die Gewöhnung durch getragenen Gefühl der Zuneigung, im Sich-freuen an den kleinen Besonderheiten und Aufmerksamkeiten.

Dennoch ist wahrscheinlich Liebe ohne Ideale nicht zu haben. Ein wichtiges, das Wichtigste vielleicht, ist, dass sie zweckfrei sein muss. Liebe ist nur um ihrer selbst willen da, weder verfügbar noch käuflich. Verträge, Arrangements und Abmachungen vermögen sie nicht zufassen. Ein geschenkter Augenblick ist sie.

Cornelia Jacomet