Magazin 1989/4

Mitleid

Download PDF

Inhaltsübersicht

  • Elke Rüegger Haller
    Gott – Mutter der Barmherzigkeit
  • Reinhild Traitler
    Mitleid – Mitleiden – Mitleidenschaft
  • Monika Hungerbühler
    Hab Mitleid mit mir
  • Mascha Madörin
    Spenden – Mitleid – Helfen
  • Regula Strobel
    Mitleid oder Gerechtigkeit
  • Anita Holzer Sonderegger
    Mitfühlendes Verstehen ist mehr als Mitleid
  • Ursula Eggli
    Dieses verflixte Wort: Leiden

Editorial

Ist sie vorstellbar, die Zeit, in der wir uns unsere Ohren verstopfen, die Augen schliessen, und in der das bisschen Gefühl, das wir noch aufbringen, nur für uns selber reicht? Wären wir dann noch Menschen?

Die Fähigkeit zum Mitleid sei Teil der menschlichen Natur; so sicher war sich noch J.J. Rousseau. Inzwischen wissen wir, wie instabil solch «natürliche» Gewissheiten sind. Die Unfähigkeit, andere leiden zu sehen, das ist für viele von uns inzwischen ein Synonym für Verdrängung geworden. Inmitten all der Toten, die uns jeden Tag vorgezählt werden, verlernen wir, wofür Zahlen stehen, verlernen wir das Sehen, das Hören. Nein. Wahrscheinlich verlernen wir es nicht. Aber wir halten es für möglich und wir wissen um die Anstrengung, derer es bedarf, um dieses Gefühl am Leben zu erhalten.

Aber es ist ja nicht bloss die Realität, die unsere Fähigkeit zum Mitleid auf die Probe stellt, es gibt daneben noch eine Unzahl denkerischer Einwände, die Mitleid gar nicht mehr unbefragt als Tugend gelten lassen wollen. Was ist überhaupt Mitleid? Versuchen wir es noch einmal mit Rousseau: Mitleid ist die Unfähigkeit, andere leiden zu sehen. Oder positiv formuliert: Eine Fähigkeit, die im Wissen wurzelt, dass der/die andere Ich sein könnte, also im Vermögen, sich in die Situation eines anderen Menschen zu versetzen. Aber würde man das nicht besser Mitgefühl, Anteilnahme, Verstehen nennen? Nicht umsonst ist einer der zentralen Einwände gegen den Mitleidsbegriff der Vermerk, dass der Mitleidende ja eben gerade nicht leidet. Sein/ihr Leiden ist ein vorgestelltes, ein Leiden aus zweiter Hand. So wird diese Tugend imgrunde zu einer Anmassung, suggeriert Teilhabe und übernimmt doch nichts vom Schmerz eines anderen. Mitleid ändert nichts, lindert vielleicht punktuell Leiden, aber nur, wenn es zu etwas anderem wird, beispielsweise zu Barmherzigkeit, also zu einem Tun.

Mitleid ist, so einfach das klingt, keine Handlung, sondern ein Gefühl, und es ist oft ein sehr weiter Weg von einem Gefühl zu einer Tat. Und es ist nicht nur ungewiss, ob sich Mitleid dann tatsächlich in Handlung umsetzt, sondern ungewiss ist auch, oh es in irgendeiner Form Leiden vermindert. Mitleid als Feindin der Gerechtigkeit, als Verhinderung geballter Fäuste, als Ersatz für eine Empörung, die nicht Linderung von Leiden, sondern Verringerung von Leiden durch Strukturveränderung will – auch das ein oft zu hörender Einwand. Und es ist nicht der letzte. Es sei neben all dem zu beachten, dass zwar das Subjekt des Mitleids dieses als Tugend verstehe, die Objekte des Mitleids, also die Leidenden selbst, es in der Regel als demütigend und verletzend empfänden. Und diese Kritik erinnert an einen weiteren Eindruck, der fast vergessen ging, dass Mitleid alltagssprachlich nämlich in den meisten Fällen einen verächtlichen Ton hat und als «mitleidig» sowohl gönnerhaft als auch vernichtend klingt.

Und so stolpert man bei diesem scheinbar so einfachen Begriff von Unklarheit zu Unklarheit, und wer trotz alledem noch den Mut zu einem klaren oder auch nur zaghaften ABER aufbringt, der oder die wird es gewiss auf sichererem Boden tun als vorher.

Wir können mit unserem Heft kein eindeutiges ABER, das ein für allemal positive Gewissheit ins Hin und Her der Gedanken brächte, herausheben aus der Vielfalt der Zugänge. Nur eine Überlegung sei hier noch an den Schluss gestellt: Was immer wir uns im Zusammenhang mit diesem Begriff Mitleid fragen – was er bedeutet, was das Bezeichnete nutzt oder auch schader – wir sollten unsere Zweifel nicht so weit gehen lassen, dass wir meinen, auf dieses Gefühl verzichten zu können. Wir sollten es von der Anmassung reinigen, auch von der Erleichterung darüber, dass es andere getroffen hat und nicht einen selbst, die dem Mitleid beigemischt sein kann, wir sollten es vielleicht anders benennen eingedenk der Grenze zwischen Ich und Du, aber wir sollten weiterhin das Verlangen nach Anteilnahme schüren, einer Anteilnahme. die Veränderung beinhaltet, aber auch Linderung von Schmerz, das grosse Gute meint, aber auch Güte. Eine Haltung also, die immer wieder den schwierigen Versuch unternimmt zu lernt, dass – so André Kaminski – der Mensch dort anfängt, wo sein eigener Vorteil aufhört.

Silvia Strahm Bernet

* Den besten Theorie-Überblick zur Thematik bietet das Buch: Käte Hamburger, Das Mitleid, Stuttgard 1985, dem auch die Texte in den Kästchen entnommen sind.