Inhaltsübersicht
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Cornelia JacometVon der Zählebigkeit der Rollenmuster
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anonymFrauenbeziehungen und Geschlechterrollen
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Lucie Hauser, Cornelia JacometFür die Gleichberechtigung müssen wir nicht dankbar sein
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Luise PuschPäpstin und Frau Kanzlerin
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Monika HungerbühlerDer un/heimliche Lehrplan
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Doris StrahmUnbeschreiblich weiblich
Editorial
Mit dem Begriff der Rolle werden Verhaltensvorschriften umschrieben, die vom Einzelnen unabhängig sind, und deren Inhalt von der Gesellschaft bestimmt ist. Die Frauen- und die Männerrolle sind solche zugeschriebene Rollen, die – an das unveränderbare Merkmal des Geschlechts geknüpft – uns als gesellschaftliche Verhaltenserwartungen begegnen, denen wir uns nur schwer entziehen können. Denn das Rollenverständnis der Gesellschaft schlägt sich in jeder einzelnen Familie nieder und beeinflusst das Verhalten von Eltern ihrem Kind gegenüber von der Stunde seiner Geburt an. So haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass Mädchen und Knaben von allem Anfang an unterschiedlich behandelt werden. Mädchen wer- den beispielsweise in den ersten beiden Lebensjahren zu wenigerAktivität und Expansion, dafür zu mehr sozialem Verhalten und zu mehr Abhängigkeit angeregt als Knaben. Dazu kommt, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die fast ausschliessliche Zuständigkeit der Mutter für die Kinder, die Entstehung der unterschiedlichen weiblichen und männlichen Geschlechtsidentität bewirkt: Knaben müssen ihre Identität durch Abgrenzung, Mädchen durch Bindung/Identifikation entwickeln.
Eine weitere wichtige Etappe in der Zementierung geschlechtstypischer Verhaltensweisen von Mädchen und Knaben stellt die Schule dar, die bis heute nicht nur die gesellschaftlichen Rollenbilder reproduziert, sondern Mädchen gleichzeitig der subtilen, aber äusserst wirkungsvollen Botschaft ihrer relativen Unwichtigkeit aussetzt, wie der entsprechende Beitrag in unserem Heft zeigt. Inwiefern auch biologische Komponenten die geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen beeinflussen, lässt sich nicht eindeutig beantworten, da der Einfluss des sozialen Umfeldes nie ausgeklammert werden kann. Fest steht aber, dass die sozialen Einflüsse für die Entwicklung der bestehenden Geschlechterrollen entscheidend sind. Die Erkenntnis, dass wir nicht als Frauen geboren, sondern zu Frauen gemacht werden, die von Simone de Beauvoir schon 1949 formuliert und von der neuen Frauenbewegung im Hinblick auf eine Veränderung der Frauenrolle vertreten wurde, stellt das scheinbar Selbstverständlichste in Frage: unsere Geschlechtsidentität als Frau – und damit verbunden auch die des Mannes. Dies macht vielen Menschen Angst, da mit den Geschlechtsrollen nicht nur das Identitätsgefühl, sondern auch ein Arrangement der Geschlechter und damit Schutz und Sicherheit bzw. Privilegien verbunden sind, und erklärt wohl auch, weshalb sich nicht nur die Mehrheit der Männer, die immerhin handfeste Privilegien zu verlieren haben, sondern auch ein Grossteil der Frauen gegen eine Veränderung der Rollenbilder sperrt, wie der Artikel von Cornelia Jacomet zeigt.
Für eine wachsende Zahl von Menschen aber sind die Geschlechterrollen zu einem allzu engen Korsett geworden, das vielen, vor allem Frauen nicht mehr passt. Für sie ist die Auseinandersetzung mit der internalisierten Frauenrolle sowie die Suche nach einer Identität jenseits gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen von grosser persönlicher und gesellschaftlicher Dringlichkeit. Dass eine solche Befreiung aus den vorgegebenen Geschlechterrollen jedoch nicht ganz so einfach ist, zeigt nicht nur die Diskussion um eine weibliche Identität, sondern auch die Erfahrung der Wirksamkeit von Rollenbildern selbst in Frauenbeziehungen.
Was steht uns mit all dem bevor? Ich denke, ein langer, ein schwieriger, aber auch spannender Weg, auf dem aus starren (Rollen-)Bildern allmählich Menschen mit all ihrer Individualität und Kreativität herauszutreten beginnen. Und eines scheint gewiss: Uns steht kein langweiliges Leben bevor, wenn wir erst sein werden, was wir sein wollen, und nicht, was wir sollen.
Doris Strahm