Magazin 1991/2

FrauenBlicke auf die Schweiz

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Inhaltsübersicht

  • Rosmarie Kurz-Hohl
    Gemeinschaft der Traurigen und der Zornigen
  • Stella Jegher, Esther Spinner, Zeedah Meierhofer, Brigitte Vielhaus
    Innen- und Aussenansichten
  • Silvia Strahm Bernet
    Liebe Helvetia
  • Marianne Rychner
    Geschlechterkampf im Bundeshaus
  • Hedi Wyss
    Abschied vom Papiland
  • Heidi Witzig
    Lasst hören aus alter Zeit
  • Eva Ecoffey
    Frauencharta

Editorial

Es wird viel gefeiert, dieses ‚Jahr in unserem Land. Na ja, das stattliche Alter von 700 Jahren ist ja auch ein Grund zum Feiern – oder? 700 Jahre Eidgenossenschaft, 700 Jahre Morgenrot im Vaterland, 700 Jahre Mutter Helvetia (ob Bettina Eichins «Helvetia» manchmal auch über die verscherzte Liebe ihrer Töchter nachdenkt?), 700 Jahre …

Die Schweiz, dieses Land, in dem ich geboren wurde und seither lebe. Dieses Land, das sein Sonderfall-Bewusstsein verkündet mit jenem leuchtend roten Pass, mit dem ich aus dem «Ausland» genannten Rest der Welt jederzeit und meist unbehelligt einreisen kann – ganz im Gegensatz zu vielen, die mit anderen Pässen reisen, türkischen z. B. oder srilankischen. Denn ich gehöre ja hierher (warum?), habe das Recht (wessen?), mich hier aufzuhalten, hier nicht nur Geld auszugehen, sondern auch zu verdienen, hier die Infrastruktur zu benutzen, hier den Mund aufzumachen oder?

Den Mund aufmachen? Erlauben Sie mir einen kleinen historischen Exkurs – nicht in die mythischen Zeiten der grossen Helden. Es geht auch nicht um ein Jubiläum. Für Schweizer Frauen sei es, sagt man(n), ein eher schwarzer Tag ge-wesen: Am 12. Januar 1989 muss die er-ste Schweizer Bundesrätin zurücktreten. Gestolpert ist sie zwar über ihren Ehe-Mann, aber der Stolperstein erweist sich im Laufe der nachfolgenden Untersuchungen als kleine Spitze eines unterirdischen Bergmassivs mit etlichen Ausläufern. Unsere erste Frau im Bundesrat (und darauf dürfen wir Schweizerinnen doch eigentlich stolz sein, oder?) ist unfreiwillig zur Ehre gekommen, ein kleines Ausmisten des Augiasstalles bewirkt zu haben Sicherlich war sie in Anerkennung dieses Verdienstes Ehrengast bei der offiziellen Eröffnungsfeier des Jubeljahres – sie selbst sieht das wohl ein wenig anders, na macht nichts.

Im November 1989 erscheint der Bericht der mit der Untersuchung beauftragten Kommission (PUK) über die «Vorkommnisse im EJPD»‚ ein Schweizer Polit-Krimi erster Güte über die Verflechtungen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und den schmalen Grat zwischen (staatlich) organisierter Gewalt. und organisiertem Verbrechen. Darauf folgt Enthüllung auf Enthüllung. immer neue Schnüffelkarteien erblicken meist gegen den Willen der Hüter des Vaterlands das Licht der demokratischen Welt. Die fast lächerliche Unprofessionalität der Schnüffeltätigkeit wird wettgemacht durch heiligen Eifer und eine beklemmende Form von Fantasie, mit der politisches Engagement und/oder das Wahrnehmen von Rechten, wenn nicht gar die blosse Existenz als Bedrohung der inneren Sicherheit erfasst wurden. Wenn die Tatsache, mit einer klugen und weltgewandten Frau verheiratet zu sein (ihm überlegen, heisst das dann – igitt, igitt), einen Offizier zum Sicherheitsrisiko macht, muss selbst jenen Schweizerinnen, die Bratwürste ansonsten heiss lieben, die Rostbratwurst auf der CH-Festwiese im Halse steckenbleiben. Und angesichts von Abtreibungskarteien, systematischer Fichierung feministischer Gruppen, sexistischer Polizeikommentare zu Frauenaktionen gegen sexistische Werbung ist für uns weder Zeit zum Feiern von 700 Jahren patriarchaler Schweiz, für Dankbarkeit darüber, dass uns die Männer nach 680 Jahren die Mitsprache in ihrem Bund gewährt haben. Nein, es ist Zeit, Fragen zu stellen (z. B. weshalb es trotz über 45-jährigem Verfassungsauftrag noch immer keine Mutterschaftsversicherung gibt) und alten Forderungen Nachdruck zu verleihen (z. B. nach der Realisierung von Strukturen für eine frauen-gerechte Schweiz). Und es ist Zeit, dafür sehr laut und sehr lästig zu werden (Frauenstreik-Tag am 14. Juni nicht vergessen!!!).

Aber genug der leicht zynischen Abgrenzung, die gibt zwar ein wenig Befriedigung und Distanz, hilft aber nur zeitlich begrenzt. Ausklinken aus der (nationalen) Gegenwart können wir uns nicht, und die Erhabenheit «reiner Opfer» hat, das wissen wir seit Thürmer-Rohr, keine politische Veränderungskraft. Die politischen Skandale hier, vor allem aber die weltpolitischen Ereignisse der letzten zwei Jahre: die Umstrukturierungen in Osteuropa und deren Folgen gerade auch für Frauen, der Golfkrieg und die unverminderte Fortdauer des täglichen Krieges, den der industrialisierte und militarisierte Norden gegen die Menschen und Völker des Südens führt – all das hat uns politisch denkende Frauen nachhaltig beeinflusst, hat Träume zerbrachen, Aufbrüche abgewürgt und die gerade erst angefangenen Gedankenfäden zu neuen Möglichkeiten internationaler Frauen-Solidarität abrupt ab- geschnitten. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auch durch diese Ent-Täuschung durchzugehen, uns auch von den letzten Resten des Glaubens, dass sich irgendwo doch noch ein grosser Entwurf zur Rettung der Welt finden lasse, zu heilen. Nehmen wir uns die Zeit, obwohl, wir sie nicht haben, genau hinzuschauen, auf das, was uns noch bleibt: auf unsere Identität als Frauen, als Schweizerinnen, als Angehörige jener «grenzüberschreitenden Gemeinschaft der Verletzlichen und Zornigen, der Traurigen, die nicht mehr über sich verfügen lassen» (Rosmarie Kurz). FrauenBlicke auf die Schweiz zu werfen, heisst, zu schreiben von Zorn und Trauer, von Scham und Trotz, von der Sehnsucht nach Wurzeln und Heimat, von erfahrener Liebe und guten Erinnerungen, vom Lernen des aufrechten Ganges und von der Wut über aufgezwungene Verkrümmung, von Zufall und Verantwortung. Heisst nicht zuletzt schreiben gegen die Überflutung durch Verzweiflung, und gegen die Angebote wohlmeinender Papis (vgl. Hedy Wyss’ Papiland) und netter Onkels, sich mit süssen Sachen sättigen und mit einem Trinkgeld für gute und saubere Bedienung befrieden zu lassen.

Carmen Jud