Inhaltsübersicht
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Barbara SeilerZorn und Wut, das tut gut … | Über Wörter und ihre Bedeutung
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Cornelia JacometEin Plädoyer für die Wut | oder was wäre, wenn wir wütend wären
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Claudia WeilenmanWohin mit dem Wutratgeber?
Zu Harriet G. Lerners «Wohin mit meiner Wut?» -
Monika Senn BergerFluchpsalm
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Regula GrünenfelderKein Zorn ist schlimmer als Frauenzorn (Sir 25,25) | Vom Zorn in der Bibel
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Christine GollMut zur Wut ist nicht genug
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Monika HungerbühlerVon einer, die auszog, das Wüten zu lernen
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Katarina FarkasHimmelnomol | So nicht
Editorial
Wut tut gut – Ein verführerisch wohlklingender Satz. Beinahe zu leicht, zu kultiviert, wo doch das, wovon die Rede ist, nämlich Wuuuuuuuuuut, dem guten Ton sich niemals fügt und mit Ästhetik bislang nicht vereinbar schien.
Die Wut ist ja, beim Wort genommen, keine Salontugend, sondern des Kellers Hexenküche, wo nicht die Ratio, sondern der Affekt regiert, und der scheint sich nicht um gut und böse zu kümmern, sondern brodelt und schäumt und kocht. Hier unten, da heisst es gänzlich ungebändigt nicht «Wut tut gut», sondern «Stinkwut tut saugut».
Natürlich sagt uns des Über-Ichs gute Stube, dass Wut gerade Frauenzimmern nicht geziemt, und sie uns nicht nur der Anmut beraubt, sondern auch der Chance, je vorbehaltlos in die Herrenzimmer der Macht eingelassen zu werden. Denn es steht geschrieben: »Bitte klopfen und warten!», und wer Augen hat zu sehen und nicht blind vor Wut durch diese Welt stolpert, wird doch ihre Wut soweit zügeln können, dass das jahrzehntelange fruchtbare Gespräch mit seinen jahrhundertewährenden Vorgeplänkeln nicht vorzeitig abgebrochen, sondern in Ruhe und in alle Ewigkeit weitergeführt wird. Aber verlassen wir an dieser Stelle jetzt einmal den Keller und dislozieren ins Studierzimmer des gereiften Ichs und verhören uns erst einmal richtig gründlich:
«Wann war ich das letzte Mal wirklich wütend?» Wütend! Rasend! Tobend! Brennend! Wann? Warum? Wo? Und mit wem?
Aber ich merke gerade, dass mir da aus unerklärlichen Gründen ein Fehler in der Zeitrechnung unterlaufen sein muss, wir befinden uns ja inzwischen nicht mehr in den Niederungen des Beichtstuhles, sondern den luftigeren Höhen des psychologischen Ratgebers, und da heisst es dann natürlich beispielsweise eher so: «Wut: Die Kunst, sich richtig zu ärgern». Ganz offensichtlich kann frau sich auch falsch ärgern, und das würde man wahrscheinlich unproduktiv nennen, weil es eben nichts bringt, ausser der Wut natürlich, aber die verpufft sowieso, wie wir ja alle wissen, viel zu schnell.
Die Wut soll zwar nicht verlorengehen, aber so richtig wüten soll sie dennoch nicht. Ein Feuer soll sie sein, aber nicht brennen, ein Motor, aber ohne Gestank, eine Motivation, aber nicht ziellos und destruktiv. Vielleicht so etwas wie ein «Englischer Garten» – also eine der Natur abgeschmeichelte harmonische Wildnis?
Wut ist ein Affekt, trübt die Vernunft und gilt daher als strafmildernd. Stimmt dies auch die Leserinnen dieses Editorials nachsichtiger? Denn dessen Autorin ist wütend, weil sie ein Editorial zu schreiben hat, dabei aber immer wieder von ihren Kindern, die nicht schlafen wollen, gestört wird. Sie ist also in einem «Zustand hoher affektiver Erregung mit motorischen und vegetativen Erscheinungen, der sich als Reaktion auf eine Beeinträchtigung der Persönlichkeits- oder Vitalsphäre aus einem aggressiven Spannungsstau entwickelt» (weiterführende Definitionen finden sich im nach-folgenden Artikel von Barbara Seiler).
Wie wahr! Und sie ist, das Lexikon gibt ihr recht, in der Tat wütend und gar nicht etwa voll Unmut, Arger oder Zorn. Nein, zornig ist sie nachgerade nicht, denn im «Unterschied zum Zorn vollzieht sich Wut ohne Überblick und Überlegung und ohne bewusstes Abwägen der Schuld» (ebd.). Aber, wer vor Wut kocht, kühlt auch wieder ab, und das erleichtert in der Regel nicht allein diejenigen, welche damit in Berührung gekommen sind, sondern durchaus das veränderungswillige Handeln selbst, das nicht bloss einen klaren Kopf erfordert, sondern dem wohl auf die Dauer besser gedient ist mit dem etwas langatmigeren Zorn, der die vielfältigen Einsichten in Unrecht wach- und so auch die «Träume geschmeidig» (Monika Hungerbühler) hält.
Silvia Strahm Bernet