Inhaltsübersicht
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Johanna Müller-von der MühllVorurteile und Feindbilder
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Ina PraetoriusHerrje, diese Schulterpolster … | Frausein gleich Nichtmannsein oder Frausein gleich Mannsein?
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Vernea NaegeliAschenputtel und seine Feindbilder
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Luzia Sutter Rehmann, Monika Hungerbühler, Doris Strahm, Pat Remy, Elsi Arnold, Else Kähler, Helen Geiser, Marga BührigGegen das «Katastrophenwissen» anarbeiten | Ein Gespräch über unsere Friedensvisionen
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Luzia Sutter RehmannKein Opium fürs Volk | Biblische Visionen vom Frieden
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Christine Müller im Gespräch mit Cécile BühlmannNeue Formen des Zusammenlebens erlernen | Friedensvisionen konkret
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Anaba GurtnerFrauen-Fantasy als Friedensvision?
Editorial
«Feinbilder-Friedensvisionen»: so lautete ursprünglich das Thema des 3. Schweizer Frauen-Kirchen-Festes, das nun unter dem Titel «Der Hoffnung liebliche Töchter: Zorn und Mut» am 17./18. Oktober in Basel stattfinden wird. Im Hinblick auf diesen Anlass möchten wir uns im vorliegenden Heft etwas näher mit dem Thema «Feindbilder-Friedensvisionen» auseinandersetzen.
Wohin wir heute blicken, herrscht Krieg und Gewalt. Nicht mehr nur weit entfernt, sondern plötzlich ganz nah, vorunserer Haustür sozusagen. Und fassungslos sehe ich diesen Bürgerkriegen zu, diesem Aufflammen von Nationalismen, Gewalt und Hass. Aber auch da, wo scheinbar Friede ist, wird in verdeckteren Formen Krieg geführt: durch Waffenexporte, durch eine Weltwirtschaftsordnung, die Millionen von Menschen in der sog. Dritten Welt das Leben kostet, durch strukturelle und physische Gewalt gegen Frauen, durch Rassismus, der überall zunimmt, auch bei uns, und sich immer häufiger in zerstörerischen Gewaltakten gegen Fremde äussert, durch Ausbeutung und Zerstörung der Natur u.v.m. Wir leben in einer Welt, in der selbst der Friede nichts anderes als Vor-Krieg ist.
«Wann Krieg beginnt, das kann man wissen», heisst es in Christa Wolfs «Kassandra», «aber wann beginnt der Vorkrieg?» Beginnt er z. B. da, wo Vorurteile sich zu Feindbildern verdichten und den Boden für Hass und Gewalt bereiten? Wozu brauchen wir Vorurteile und Feindbilder, und wie entstehen sie? Welche Funktion kommt ihnen für unsere Identitätsbildung als Individuum und als Gruppe zu? Und wir Frauen, oder genauer: wir Feministinnen, die wir auf der Suche sind nach unserer eigenen Identität? Wie weit ist unsere Identitätsbildung gekoppelt ans Vor- bzw. Feindbild «Mann», bilden wir unsere Identität entweder in Anlehnung oder in Abgrenzung vorn Mann? Und: Wie könnte eine Identitätsfindung aussehen, die ohne Abgrenzung und Feindbilder auskommt oder zwischen Frauen geschieht? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die drei ersten Artikel des Heftes.
Während die Dringlichkeit der Auseinandersetzung mit dem Thema «Feindbilder» angesichts der gegenwärtigen Weltlage wohl unmittelbar einleuchtet, mag die Frage nach unseren Friedensvisionen vielen naiv erscheinen, vor allem im Hinblick auf eine Zukunft, von der wir realistischerweise nur noch Katastrophen- oder Negativvisionen haben können. Wer heute von Friedensvisionen redet, setzt sich leicht dem Vorwurf aus, zu den ewig gestrigen Träumerinnen und Utopistinnen zu gehören, die den hoffnungslosen Zustand der Welt einfach nicht wahrhaben wollen.
Aber stimmt dies wirklich? Dienen Visionen zu nichts anderem als zur Flucht aus der schlechten Realität? Oder ist es nicht gerade die Vision von einem wirklichen Frieden und einem Leben in Gerechtigkeit, die uns nicht zufrieden sein lässt mit einem Scheinfrieden und über unsere «Katastrophenrezitative» (Sölle) hinaus eine Kraft mobilisiert, die um Widerstand befähigt und gegen alle Hoffnungslosigkeit immer wieder den Willen zur Veränderung setzt? Die Vision als Platzhalterin des Wissens, dass es so nicht sein soll, wie es ist: so voller Unrecht und Gewalt.
Es sind vor allem die Bilder und die Sprache der Bibel, die dieses Wissen als Kind in mir verankert haben und bis heute meine Vision nähren von einem Frieden, der mehr meint als die Abwesenheit von Krieg. Die Vision vom Schalom, vom umfassenden Frieden für alle, der eine Frucht der Gerechtigkeit ist, durchzieht die hebräischen und neutestamentlichen Schriften, wie ein Artikel zu den biblischen Friedensvisionen in diesem Heft zeigt, und wird in verschiedenen Bildern ausgemalt – z. B. im Bild von der Wüste, die zum Garten wird, indem die Gerechtigkeit siedelt, oder vom Reich Gottes als einer Welt, in der keine/r mehr Unrecht erleidet und Gewalt, in der Leben in Fülle sein wird für alle …
Doch es sind nicht nur die biblischen oder auch andere, heutige Verheissungsbilder einer friedvolleren Welt, die meine Vision am Leben erhalten, sondern ebenso die «kleinen», konkreten Projekte «gelebter» Vision, die konkreten Schritte der Friedensarbeit, die Menschen hier und anderswo tun. Denn Friede geschieht ja nicht einfach; wir müssen ihn lernen. Er beginnt z. B. da, wo wir durch konkrete Begegnungen mit Fremden und ihrer Kultur lernen, Vorurteile abzubauen. Ein Beispiel solcher «Friedensarbeit» stellt das Projekt «Interkulturelle Erziehung und Bildung» in Luzern dar, das wir in diesem Heft vorstellen als eine kleine, konkrete Friedensvision.
«Du musst immer wieder an die kleinen Winzigkeiten denken, sonst würdest du durchdrehen», sagt eine der Frauen in einem Gespräch über unsere Friedensvisionen in diesem Heft. Für mich brauchtes beides: die konkreten Erfahrungen und kleinen Projekte «gelebter» Vision, das Wissen um diese «Winzigkeiten», mit denen wir gegen das Katastrophenwissen anarbeiten, und die
«grosse» Vision, die über das bereits Mögliche und Machbare hinaus die ganze Emphase des ersehnten Friedens und der Hoffnung auf ein allumfassendes Schalom für alle Menschen und die ganze Schöpfung am Leben erhält. Eine Vision, eine Hoffnung, ohne die ich kaputtgehen würde, und von der ich gleichzeitig, weiss, dass sie sich nicht erfüllen wird. Ingeborg Bachmann hat das Paradox dieser Hoffnung für mich unübertroffen in Worte gefasst: «Ich glaube wirklich an etwas, und das nenne ich ‘ein Tag wird kommen’. Und eines Tages wird es kommen. Ja, wahrscheinlich wird es nicht kommen, denn man hat es uns ja immer zerstört, seit so vielen tausend Jahren hat man es immer zerstört. Es wird nicht kommen, und trotzdem glaube ich daran.»
Doris Strahm