Inhaltsübersicht
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Silvia Strahm BernetTheodizee
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Reinhild TraitlerVom Verstummen über das ganz gewöhnliche Unglück
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Dorothee SölleGottes Schmerz teilen
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Barbara SeilerGib ihnen ihre Ruhe nicht …
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Brigitte AmreinAuch wenn die Finsternis noch wächst | Erfahrungen einer Krankenhaus-Seelsorgerin
Editorial
Die Theodizee ist eine theoretische Frage. Sie versucht zwei Vorstellungen – «Gott ist gut» und «Gott ist allmächtig» – angesichts des Leidens der Menschen zusammenzudenken.
Sie ist eine labyrinthische Frage, sagen die einen. Sie ist eine falsche Frage, die andern. Ganz zu schweigen von jenen, die sich ihr verstummend oder äusserst beredt unterwerfen. Aber mit der Theodizee ist es vielleicht manchmal auch so:
Eine einfache Frage beschliesst, sich nicht länger an sich selber abzuquälen und sucht deshalb Rat hei der dafür als zuständig geltenden Stelle für «Allgemeine Sinn- und Trostvermittlung», der, wie sie dem Schild beim Eingangsportalentnehmen kann, auch noch eine Gerechtigkeitskontrollstelle und eine übergeordnete Beschwerde- und Schlichtungsstelle angeschlossen sind. Den allgemeinen Hinweisen folgend gelangt sie relativ mühelos zum Empfangsschalter, wo man ihr einen Passierschein mit dem Vermerk «Theodizeefrage» aushändigt und sie auf ihren Weg schickt. Als einfache Frage, des Wählens einer sinnvollen Route durch die verwirrende Anzahl von Büros unkundig, ist sie bald versucht, sich geschlagen zu geben. Doch dann fällt ihr Blick – zu ihrem Glück oder Unglück sei hier nicht entschieden – auf eine Hinweistafel, die es ihr geraten scheinen lässt, es einmal im Büro 1 Abt. 1 «Philosophische und theologische Antworten: Begriffs- und Ideengeschichte» zu versuchen. Man nimmt sich ihrer dort auch äusserst freundlich an und zeigt sich beglückt darüber, dass überhaupt noch jemand, und sei es eine einfache Frage, sich die Zeit nimmt, zurückzublicken auf die Wege, die sich die Frage früher zu bahnen suchte. Heute, wo immer mehr gefragt sei, was sich als sofortlöslicher Instantsinn leicht und schnell verfügbar machen liesse, sei das beileibe keine Selbstverständlichkeit. Man würde ihr empfehlen, zuerst, quasi als Grundlage, die gnostischen Theorien zu studieren, auch Platon wäre dabei von Nutzen, dann sicher die grossen Denker wie Augustinus oder Leibnitz und eine Mystikerin wie Theresa von Avila, nicht zu vergessen natürlich das Buch Hiob und, selbstverständlich – man sollte es eigentlich nicht erwähnen müssen – die christologischen Versuche, um nur das Allernotwendigste zu nennen.
Unsere einfache Frage, so brav wie naiv, machte sich pflichtschuldigst ein paar Notizen, bedankte sich für die Hilfe und verliess das Büro l Abt. 1. Es macht an dieser Stelle wenig Sinn, die Odysee unserer Frage durch die gesamte Bürokratie der wahren Antworten, die jedes Büro für sich reklamierte, nachzuzeichnen, aber es soll hier doch nicht unerwähnt bleiben, dass unserer einfachen Frage zwar eine neue Welt des Verstehens ihrer selbst zuteil wurde und sie der Reichtum der Antworten beeindruckte, sie aber auch reichlich eingeschüchtert an der Berechtigung ihrer Existenz zu zweifeln begann.
Es war nämlich nicht so, dass man ihr überall bereitwillig die Antworten anbot, die ihr angemessen hätten sein können, wie es beispielsweise jene taten, die ihr vorschlugen, es mit Leiden als Prüfung, als Strafe oder als Läuterung zu versuchen, ihm also einen Zweck zuzuordnen, oder jene, die ihr rieten, Gott ganz einfach aus ihrem Fragehorizont wegzustreichen, da Leiden und Gott nie und nimmer zusammen denkbar seien, wenn man nicht verzweifeln wolle. Einige meinten, sie müsse zuerst gründlicher darüber nachdenken, wer sie überhaupt sei, ob es ihr um Leiden ganz allgemeinginge oder vor allem um das eigene oder um das Leiden der anderen. Ob sie eine «Warum»- oder eine «Wozu»-Frage sei und ob sie mehr am Leiden, das Menschen verursachen oder am Leiden als Teil der physischen Existenz des Menschen interessiert sei. Und ob sie dabei auch an andere Lebewesen dächte.
Schon dies allein hätte ja genügt, um unsere einfache Frage noch restlos konfus zu machen, aber jene, die ihr vorwarfen, eine naive und verwöhnte Luxusfragemit einem bedenklich kindlichen Gottesbild zu sein, brachten es schlussendlich fertig, dass sie ihre frohgemut begonnene Pilgerfahrt zur erlösenden Antwort abbrach und niedergeschlagen das vielversprechende Haus verliess.
Wütend wurde sie nach einer Weile, wütend auf all jene, die sie immer wieder dazu zwangen, sich zu schämen. Enttäuscht war sie, dass alles immer so furchtbar kompliziert war, man immer so viele Fehler machte und einem kaum je eine einfache Antwort zuteil wurde. Mit der Zeit verwandelte sich aber ihre Niedergeschlagenheit in jene Art von Gelassenheit, die es zu Zeiten gut seinlässt, auch unbeantwortet zu leben und die Hoffnung offenlässt, dass die Möglichkeit nie auszuschliessen ist, dass eine Frage zur Antwort begnadigt wird.
Silvia Strahm Bernet