Magazin 1993/1

Sexuelle Ausbeutung

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Inhaltsübersicht

  • Regula Strobel
    Der Beihilfe beschuldigt | Christliche Theologie auf der Anklagebank
  • Mary Hunt
    Gewalt ist das Selbstverständliche
  • Beatrix Schiele
    Kein Thema | Sexuelle Ausbeutung in der christlichen Ethik
  • Cornelia Jacomet
    Damit es nicht so bleibt | Prävention von sexueller Ausbeutung
  • Li Hangartner
    Frauen – Verkauft, beherrscht, vergewaltigt | Fragmente

Editorial

«Verzeihen ist ein Reflex, wenn man das, was man weiss, nicht erträgt. Ich habe diesem Reflex widerstanden.» (Jane Smiley) Dieser Entschluss, den eine sexuell ausgebeutete Frau gefasst hat, macht Mut, wenn wir in einer Gesellschaft weiterleben wollen, in der sexuelle Gewalt an Frauen zur Normalität gehört. Frauen und Mädchen sind Opfer sexueller Gewalttaten, die in der überwiegenden Mehrheit von Männern verübt werden. Es waren und sind vor allem Frauen, die nicht erst in unserer Zeit die sexuelle Gewalttat aufdeckten und auf die strukturellen Ursachen in der patriarchalen Gesellschaft hinwiesen. Wesentliches Merkmal ist das Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, zwischen verschiedenen Schichten und zwischen Angehörigen verschiedener Völker und Kulturen. Der grösste Teil der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Macht liegt in der Hand des männlichen Geschlechts. Merkmal einer patriarchalen Gesellschaft ist auch, dass Frauen und Kinder als minderwertig und zweitrangig gelten, dass sie zum Besitzstand gehören über den Männer als Väter, Grossväter, Ehemänner, Brüder, Onkel oder Männer ganz allgemein, beliebig meinen, bestimmen und verfügen zu können.

Der weibliche und kindliche Körper gilt in diesem Denken als Ware, die verkauft, gekauft und benutzt werden kann. Besonders krass sind die ungleichen Machtverhältnisse sichtbar in der wirtschaftlichen Abhängigkeit, aufgrund derer es für Millionen von Frauen, besonders in der Dritten Welt, nichtmöglich ist, selbstbestimmt und untergerechten Bedingungen zu leben. Begründet und legitimiert werden diese Machtverhältnisse noch immer durch die natürliche Überlegenheit des männlichen über das weibliche Geschlecht und werden nicht auf eine historisch begründbare Fehlentwicklung zurückgeführt.

Jahrzehntelang kämpften Frauen zäh und ausdauernd dafür, dass auf Frauen und Mädchen mit sexueller Gewalterfahrung der Begriff Opfer angewendet wird. So wird in der Schweiz den Opfern erst in jüngerer Zeit durch das neue Opferhilfegesetz das Recht zugestanden, Aufmerksamkeit und Anteilnahme zubekommen, Hilfe beanspruchen zu können und Genugtuung zu verlangen. Noch immer müssen aber die Opfer ihre Unschuld beteuern und ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen, weil breite Teile der Bevölkerung an alten Vorstellungen, Bildern und Mythen hängen, die den Täter entlasten und die Schuld den Opfern zuweisen.

Die christliche Religion hat unsere Kultur wesentlich mitgeprägt. Wir haben uns daher als feministische Theologinnen bei der Bearbeitung dieses Themas darauf konzentriert, herauszuarbeiten, welchen Beitrag die christliche Tradition zur Tatsache leistet, dass die sexuelle Gewalttat dermassen häufig ist, dass sie in unserem gesellschaftlichen Kontext jedes 3. Mädchen trifft. Wir haben dieser Aufarbeitung drei Beiträge gewidmet, die alle Antworten auf die Fragen geben, wie und welche christlichen Glaubensinhalte die sexuelle Gewalt fördern und das Leiden Millionen von Frauen und Mädchen religiös legitimieren und überhöhen.

Die jüngsten systematisch organisierten und durchgeführten Massenvergewaltigungen haben sehr vielen Frauen aber auch Männern bewusst gemacht, dass Vergewaltigung im Krieg nicht als Verbrechen geahndet wird. Es bedeutet, dass vergewaltigte Frauen und Mädchen nicht zu den Kriegsopfern gezählt werden. Der Begriff Opfer muss also noch immer für die sexuelle Gewalttat in nationalen Kriegen, aber auch für den alltäglichen Krieg der Geschlechter gefordert werden, was nicht heisst, dass Frauen der selbstgerechte und selbstmitleidige Ausweg offensteht, darauf zu beharren, dass Frauen in der patriarchalen Gesellschaft überhaupt die Rolle des Opfers haben.1 Daher kommen Frauen nicht um die unbequeme Frage herum, welchen Beitrag sie zur Aufrechterhaltung der bestehenden Gewaltverhältnisse leisten, wenn sie, wie viele das tun, den Zusammenhang zwischen der Gewalt, der Frauen in der patriarchalen Gesellschaft täglich ausgesetzt sind, und der sexuellen Gewalt nicht sehen wollen. Frauen dürfen nicht länger versuchen, möglichst unbeschadet bezüglich sexueller Gewalttaten davonzukommen, sie tragen so noch nichts dazu bei, dass sich die bestehenden Verhältnisse verändern können. Das ist erst dann der Fall, wenn sie den Machtanspruch der Männer nicht länger hinnehmen, wenn sie sich nicht mehr freiwillig fügen, einschränken und unterordnen. Das heisst, dem Reflex und der Tradition zu widerstehen, die Frauen gelehrt hat, entschuldigen, abschwächen und verzeihen zu wollen.

Cornelia Jacomet

1 Christina Thürmer-Rohr, Frauen in Gewaltverhältnissen – Frauen als Opfer – Frauen als Mittäterinnen, in: Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Dokumentation der Aktionswochen, München1989.