Magazin 1993/2

Tugenden – Untugenden

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Inhaltsübersicht

  • Griete Rüedi Matters
    Feministin mit Standesgnade
  • Elisabeth Joris
    Wie es den Herren beliebt! | Von der Wandelbarkeit weiblicher Kardinaltugenden
  • Margrit Steinhauser
    Klatsch im Patriarchat
  • Silvia Strahm Bernet
    Die sieben Todsünden | Im Kontext eines Frauenlebens gelesen
  • Frieda Bünzli
    Feministinnen-Himmel
  • Lisa Schmuckli
    Ein Kaleidoskop von Eindrücken
  • Lisa Bachmann
    Madonna meets Madonna

Editorial

Tugend – ein Wort, das nach Staubschmeckt, blutleer und altmodisch. Tugend – ein Wort, mit dessen Hilfe die Lebensmöglichkeiten von Frauen während Jahrhunderten eingeschränkt wurden. Und ausgerechnet dieses Wort setzt sich eine feministisch-theologische Zeitschrift aufs Titelblatt? Lässt sich dazu aus feministischer Sicht überhaupt etwas sagen? Wir haben es versucht.

«Tugend», das ist nicht nur ein altmodisches Wort, es ist auch ein klassischer philosophischer Begriff. Aristoteles – ja ich weiss, auch so einer von diesen «grossen» Männern – Aristoteles zum Beispiel hat ihm mehr als nur ein Buchgewidmet, und nicht zufällig denkt er über die Tugend in der Ethik, in der Lehre vom guten Leben nach. Seine wunderbaren Abhandlungen über die Tugend haben nur einen Fehler, aber einen für Frauen entscheidenden: der Philosoph hat dabei ausschliesslich an Männer gedacht. Frauen – frau ist nicht erstaunt darüber – kommen in seiner Tugendlehre nicht vor. Tugendhaft können nur freie Bürger sein, und das sind nun einmal keine Frauen.

Die Lateiner haben für die Tugend ganz folgerichtig den Ausdruck «virtus» (Mannhaftigkeit) gebraucht. Doch was frau sich entgehen lässt, wenn sie sich voller Abscheu von der Virtus abwendet, das wird erst klar, wenn sie im Wörterbuch weiterliest: Virtus ist nicht nur die Mannhaftigkeit, sondern auch die Tat-, die Lebenskraft. Es ist die Kraft, die es zum guten Leben braucht. Sogenannt weibliche Tugenden haben damit allerdings wenig zu tun. Patriarchales Denken hat für uns aus der Virtus einen Virus gemacht, ein Gift, das die Lebenskraft der Frauen schwächt. Kein Wunder, ist das Wort in der Frauenbewegung in Misskredit geraten. Alles, was einst als weibliche Tugend galt – Bescheidenheit, Demut, Unterordnung unter ein männliches Wesen, um nur ein paar zu nennen – all das ist der Feministin zum Laster geworden. Theoretisch zumindest. Praktisch sitzen diese Tugenden auch solchen Frauen noch in den Knochen, die sich alle Mühe geben, dem Laster der weiblichen Tugend zu entsagen. Dabei sollte die Tugend, verstanden als die Kraft, die es zum guten Leben braucht, der Frauenbewegung nicht fremd sein. Denn was will die Frauenbewegung anderes als das gute Leben für die Frauen? Und in der Tat: Die Frauenbewegung hat ihre eigenen Tugend- und Lasterkataloge entwickelt. Wir wissen alle nur zu gut, wie das «gute Leben» einer Feministin oder besser: das Leben einer «guten Feministin» auszusehen hat. Und wehe, wenn eine diesen Ansprüchen nicht genügt: Auch ohne Päpstin und feministische Glaubenskongregation droht ihr die Exkommunikation aus der feministischen Gemeinde. Griete Rüedi-Mattes hat sich darüber Gedanken gemacht.

Allerdings ist es mit den klaren feministischen Tugenden nicht mehr so einfach, wie in den Anfängen der Frauenbewegung. Die Bewegung ist vielfältig geworden und vom allgemeinen Bröckeln der Werte und Gegenwerte ist auch sie nicht verschont geblieben. Was Frausein heisst, lässt sich je länger je weniger eindeutig bestimmen. Diese Viel-Deutigkeit des Frauseins kann Angst machen. Sie kann aber auch als Chance begriffen werden, denn durch sie wird die einzelne Frau aus jeglicher Fixierung entlassen, eine Vielzahl von Möglichkeiten tun sich für sie auf. Lisa Schmuckli spürt dieser Chance nach und benennt die Fähigkeit zur Verwunderung als die «Tugend», die dieser Chance entspricht.

Jede Tugend hat eine Kehrseite, das Laster. Einige Laster hat die christliche Tradition zu Todsünden erklärt und daraus ein Korsett geschaffen, «das allem Überschüssigen im Leben, aller selbstbezogenen Lust den freien Atem nimmt», wie Silvia Strahm Bern et schreibt. Sie hat die klassischen sieben Todsünden unter die Lupe genommen und liest sie im Kontext eines Frauenlebens. Wie wandelbar weibliche Tugenden sind, je nach dem, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen frau lebt, das zeigt Elisabeth Joris. Sie wirft einen Blick in die junge und jüngste Frauengeschichte. Das Lob einer – in den Augen vieler – typisch weiblichen Untugend singt Margrit Steinhauser: das Lob der Klatschsucht. Stoff für die Klatsch-Spalte einer Boulevard-Zeitung wäre die Begegnung am sonnigen Strand von Florida gewesen, die Lisa Bachmann beschreibt: Madonna trifft Madonna. Und wohin es führen kann, wenn es eine mit den feministischen Tugenden zu weit treibt, darüber setzt uns der Cartoon in der Heftmitte ins Bild: Er zeigt das Schicksal der Violetta Starkmuth, exklusiv für die FAMA gezeichnet von Frieda Bünzli. Viel Spass dabei!

Barbara Seiler