Magazin 1994/3

Multikulturalität

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Inhaltsübersicht

  • Doris Strahm
    Mit den Augen der «Anderen» sehen lernen
  • Gita Steiner-Khamsi
    Frauensichten auf multikulturelle Ansätze
  • Silvia Strahm Bernet
    Universale Menschenrechte?
  • Li Hangartner, Lise Schmuckli
    Muslima in der Schweiz | Zwischen Religionsfreiheit und Bildungschancen
  • Dorothee Dietrich
    Eine wandernde Aramäerin war meine Mutter | Vom Umgang mit Fremden in der biblischen Tradition
  • Lisa Schmuckli
    Fremd ist frau sich selbst | Assoziative Annäherungen
  • Regula Bachmann
    Das Konfliktophon | Eine Beratungsstelle für Kulturkonflikte

Editorial

«Moderne Kulturen sind multikulturell in sich (und das selbst vielfach, nicht nur – wovon man meist allein spricht – ethnisch).» (W. Welsch) Ja, so ist es, nicke ich dem Autor zu und denke punkto «Vielkultur», was Multikulturalität übersetzt heissen könnte, sofort an vielerlei Dinge: Nilanthi (ein indisches Mädchen), Resul (ein türkisch-schweizerischer Bube), Sanna (ein schwedisches Mädchen) und Martin (ein Schweizer Bube) usw. heissen die Spielkamerad:innen meiner beiden Kinder in der staatlichen Krippe. Dann kommt mir meine über mir wohnende gleichaltrige Nachbarin in den Sinn, von der mich nebst diversen Gemeinsamkeiten wie der gleiche Dialekt, die Tatsache, dass wir ein Kind/Kinder haben, Mittagessen kochen, putzen und Wäsche waschen, dermassen viel trennt – das mühevolle Suchen nach gemeinsamem Gesprächsstoff, das Spüren von klaffenden Abgründen hinter der Benutzung derselben Wörter, die harte, oft stumme Linie beim Offenkundigwerden völlig verschiedener Lebensanschauungen – ‚ dass ich insgeheim schon von verschiedenen Kulturen, sogar Welten, in denen wir leben, geredet habe.

Handkehrum arbeitet im Haus, wo wir wohnen, ein gebürtiger Kolumbianer, aufgewachsen in New York, der heute mit seiner Frau in der Schweiz (und zeitweise anderswo) lebt. Der Kontakt mit ihm verläuft auf einer sehr vertrauten Basis. Wir spüren Nähe, was unsere Anschauungen und Werte anbelangt, wir wissen zu reden, zu diskutieren. Und man lebt zusammen – alle im selben Haus: viele Kulturen, eben Multikultur. Diese Erfahrung machen heutzutage sehr viele Menschen: sogar im äussersten Dorf lebt man vielkulturig. Aber die Probleme in diesem Zusammenhang kulminieren.

Im weltweiten Migrations- und Flüchtlingsstrom kommen immer mehr Menschen von immer ferneren Ländern zu uns. Weder die Sprachwurzel noch die Religion sind gemeinsame Nenner und so möglicherweise Anknüpfungspunkte im Umgang mit diesen Menschen.

Wer bist Du? Wer bin ich? Woher kommst Du? Was glaubst Du? Warum bist Du hier? (Wo) Arbeitest Du?

Auch die Verständigungsbasis für Menschen, die verschiedene Lebensformen leben: Generation Y, Yuppies, ältere Leute, Jugendliche, Menschen mit Arbeit, Menschen ohne Arbeit, Frauen mit Kindern, Frauen ohne Kinder, Frauen mit Erwerb, Frauen ohne Erwerb, Homosexuelle, Heterosexuelle … wird immer dünner und die Kommunikation schwieriger.

Wer bin ich? Wer bist Du? Wie denkst Du über dies? Warum handelst Du so? Gilt es heute nicht zunächst einmal einer tiefen Verunsicherung standzuhalten, die mitansieht, wie Kulturen und Wertsysteme nach und nach zerbröseln und faktisch auseinanderfallen: die herkömmliche Zwei-Personen-Beziehung, die herkömmliche Familie, die gute alte politische Partei, Vereine, Gewerkschaften … Auf der anderen Seite werden uns täglich die sich zusammenballenden, blutigen Zentren des Nationalismus via Medien ins Haus geliefert: Ex-Jugoslawien, Rwanda …

Die Kultur-Verunsicherung in unserem Land, das «in einer Krise ohne Alternative» (Andreas Blocher) steckt, ist so gross, dass das Ausländerrecht verschärft werden soll, dass die «Innere Sicherheit» der Schweiz plötzlich ein Thema ist, dass die ethnische Multikultur in unserem Land zu der Bedrohung heranwächst und für alle möglichen und unmöglichen Sündenbock-Mechanismen herhalten muss.

Doch was meinen wir heute, wenn wir Kultur sagen? Gibt es zu umschreibende Gemeinsamkeiten, Einheitlichkeiten verschiedener Menschen bzw. Menschengruppen überhaupt (noch)? Der oben bereits erwähnte Wolfgang Welsch setzt hier grosse Fragezeichen. In seinem Aufsatz: «Transkulturalität. Lebensformen nach der Auflösung der Kulturen» (erschienen in: Information Philosophie 2192, Basel) beschreibt er schlüssig die gefährlichen Tendenzen, die einem festumrissenen Kulturbegriff innewohnen, wie z. B. ein sich aufzwängender Kulturrassismus: wenn die Inhalte und Grenzen «meiner» Kultur und «deiner» Kultur sehr klar sind, sind Mischungen äusserst gefährlich bis unmöglich, Sanktionen sind die Folge.

Wenn es aber «die schweizerische Kultur», «die muslimische Kultur» oder «die Alternativkultur» nicht (mehr) gibt, müssen wir ganz neu fragen, nachdenken und uns situieren. Im Rahmen dieser «Kultur-Diskussion» um Eigenes, Anderes, Fremdes tauchen einige Begriffe immer wieder auf: «Interkulturalität» geht von einem festumrissenen Kulturbegriff aus und überlegt, wie die verschiedenen Kulturen sich miteinander vertragen, einander ergänzen, verstehen und anerkennen können (Bsp. Pädagogik). «Multikulturalität» ist dem Programm nach ein Beitrag, der vielen Kulturen, sprich Lebensformen – «Kultur» gibt es so nicht (mehr) – zu einer common culture. Faktisch hat sich aber das Gemisch der vielen Kulturen, die in der Gesellschaft zusammenleben, nicht gekreuzt, durchdrungen, überlagert und gemischt, sondern eher separiert. Laut Wolfgang Welsch gibt es in unserer Gesellschaft Anzeichen für «Transkulturalität» – der Mischung, Neuschaffung, Überlagerung verschiedenster Kulturformen. Hier geht es nicht mehr um die Alternative: entweder eigen oder fremd, sondern das Suchfeld ist inmitten oder jenseits dieser Alternative.

Damit (Zusammen-)Leben funktionieren kann, müssen Weltensprünge zwischen Ich und Du, zwischen Menschen fremder Herkunft und sog. Einheimischen, zwischen Frauen und Frauen und Frauen und Männern immer wieder gewagt werden: Transkultur in der Multikultur – Neu hinhören und sorgfältig Fremdes bei sich selbst und an anderen Menschen erkennen, betrachten und sich danach richten.

Dies ist kein einfacher und bequemer Weg, und Wegweiser müssen gesucht werden. Vielleicht kann das vorliegende Heft ein paar solcher Wegweiser oder Wegmarken durch das Gewirr multikultureller Welten, durch das Ineinander und Gegeneinander von Eigenem und Anderem/Fremdem bieten …

Monika Hungerbühler