Inhaltsübersicht
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Bernadette Mbuy BeyaAls Afrikanerin Theologie betreiben
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Maria Clara BingemerTheologie von Frauen in Lateinamerika
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Aruna GnanadasonDie auferstehende Shakti | Frauen und Spiritualität in Asien
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Schwestern über KontinenteGedichte
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Reinhild TraitlerEATWOT – Frauenkonferenz in Costa Rica | Tagebuchnotizen
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«Frauen gegen Gewalt»Schlusserklärung des Dialogs von Theologinnen der Dritten und der Ersten Welt
Editorial
Vom 7.-12. Dezember 1994 fand in Costa Rica ein Dialog zwischen Befreiungstheologinnen der Dritten und Ersten Welt statt, zu dem die Frauenkommission der Ökumenischen Vereinigung von Theolog:innen der Dritten Welt (EATWOT) eingeladen hatte. Nach einem dreijährigen Vorbereitungsprozess, der nationale und kontinentale Konsultationen von EATWOT-Theologinnen in Afrika, Asien und Lateinamerika zum Thema «Spiritualität für das Leben – Frauen kämpfen gegen Gewalt» umfasst hatte, kamen in San José nach über zehn Jahren erstmals wieder Befreiungstheologinnen der Dritten und Ersten Welt miteinander ins Gespräch. Ein erster Dialog 1983 in Genf hatte den Theologinnen der Dritten Welt die Notwendigkeit bewusst gemacht, zunächst einmal unter sich zu bleiben und eine Befreiungstheologie aus der Sicht von Frauen der Dritten Welt zu entwickeln, d.h. unabhängig von der «Bevormundung» durch Dritte-Welt-Theologen und durch die westliche feministische Theologie.
Reinhild Traitler hat als eine von fünf europäischen Delegierten an diesem neuen Dialog-Versuch teilgenommen, in dessen Zentrum ein Thema stand, das, trotz unterschiedlicher kontextueller Ausprägungen, Frauen auf der ganzen Welt verbindet: Gewalt gegen Frauen. Sie schildert in ihrem Beitrag ihre persönlichen Eindrücke von der Konferenz, die Momente von Gemeinsamkeit, aber auch das schmerzhafte Wahrnehmen von Ungleichzeitigkeit und Verschiedenheit zwischen Frauen der Ersten und der Dritten Welt. Die gemeinsam verfasste Schlusserklärung der Konferenz, die wir leicht gekürzt abdrucken, signalisiert vielleicht dennoch eine neue Phase in der Beziehung zwischen Theologinnen des Südens und des Nordens. Mit ihrer umfassenden Analyse des weltweiten Gewaltkontextes und ihren Leitlinien einer befreienden und lebensfördernden Hermeneutik, die von der Befreiungsarbeit von Frauen der ganzen Welt inspiriert ist, legt sie einen gemeinsamen Grundstein für den weiteren Kampf von Frauen der Dritten und der Ersten Welt gegen Gewalt und für eine Spiritualität des Lebens.
Wir möchten die Konferenz von Costa Rica zum Anlass nehmen, einen Einblick in die Befreiungstheologien, die Kämpfe und Visionen von Frauen der Dritten Welt zu vermitteln, die bei uns noch immer wenig bekannt sind. Der Begriff «Dritte Welt» bezieht sich dabei nur auf Afrika, Asien und Lateinamerika mit ihrem gemeinsamen Erbe von Kolonialismus und Neokolonialismus und schliesst die Minoritäten bzw. «Women of color» in den USA, die häufig dazugezählt werden, nicht mit ein, da dies den Rahmen dieses Heftes sprengen würde.
Die Beiträge von Theologinnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die ich für dieses Heft ausgewählt habe, können selbstverständlich nicht die ganze Bandbreite und Vielfalt der feministisch-theologischen Bewegung in ihren Kontinenten repräsentieren. Dennoch ermöglichen sie m. E. einen gewissen Einblick in die kontextuellen Schwerpunkte, welche die Entwicklung feministischer Befreiungstheologien in den drei Kontinenten in den letzten Jahren bestimmt haben und die ich hier einleitend ganz kurz skizzieren möchte.
Für afrikanische Theologinnen, deren Identität von zwei Kulturen geprägt ist, der traditionellen afrikanischen und der christlich-westlichen, ist die Befreiung der afrikanischen Frauen vom unterdrückenden Erbe von Kolonialismus, Rassismus und eurozentrisch-patriarchalem Christentum wie auch von den frauenfeindlichen Elementen in den traditionellen afrikanischen Kulturen und Religionen zentrales Anliegen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt deshalb in der Untersuchung der Auswirkungen von kulturellen Bräuchen und religiösen Riten auf das Leben afrikanischer Frauen sowie im Versuch, die positiven Aspekte afrikanischer Riten und Traditionen mit den befreienden Elementen des christlichen Glaubens zu verbinden. Afrikanische Theologinnen vertreten also nicht einfach eine Inkulturationstheologie, sondern verbinden diese mit einer feministisch-kritischen Sicht der afrikanischen Kulturen.
Lateinamerikanische Theologinnen entwickeln ihre Theologie im Kontext von spanisch-portugiesischen Kolonialerbe, von Macho-Ideologie und kapitalistischem Ausbeutungssystem. Mit ihrer Option für die (armen) Frauen korrigieren sie die androzentrische Sicht der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung und erweitern deren Analysen und theologische Modelle aus der Sicht der Unterdrückungs- und Widerstandserfahrungen von Frauen. Die armen Frauen, die mit ihrem vielfältigen Engagement die Basisgemeinden prägen, sind die Geburtshelferinnen dieser Theologie, die nicht nur eine Reformulierung der theologischen Themen aus weiblicher Sicht, sondern ebenso eine neue theologische Methode mit sich bringt. So werden das konkrete Leben, der Alltag, Körperlichkeit, Begehren, Zärtlichkeit und Schmerz als neue Bezugspunkte einer allzu rationalen Theologie zur Seite gestellt, die weder die gegenwärtigen Erfahrungen von Frauen noch die Tiefendimensionen menschlichen Daseins anzusprechen vermag.
Für asiatische Theologinnen, die in einem Kontinent leben, der vom religiösen Pluralismus jahrtausendealter spiritueller Traditionen geprägt ist und in dem die (Christ:innen 3% der Bevölkerung ausmachen, ist die Entwicklung einer kosmischen, frauenbejahenden, körperliebenden und naturbewahrenden Spiritualität zentral, die asiatische Frauen in ihrem Kampf um volles Menschsein in einer frauenverachtenden Welt nährt und unterstützt. Die Entwicklung einer solchen Spiritualität, die nicht nur aus christlichen, sondern ebenso aus den spirituellen Quellen Asiens bzw. den alten kosmischen Volksreligionen schöpft und eine interreligiöse Solidarität zwischen asiatischen Frauen anstrebt, ist verbunden mit einer kritischen Analyse der frauenunterdrückenden Elemente in den asiatischen «Hoch»-Religionen wie auch im Christentum, die Frauen in Unterdrückung und Selbstentfremdung gefangenhalten.
Trotz der unterschiedlichen Schwerpunkte haben die Befreiungstheologien von Dritte-Welt-Frauen vieles gemeinsam. So verstehen sie sich als kontextuelle Theologien, die von den konkreten historischen, sozio-ökonomischen, politischen, kulturellen, ethnischen und religiösen Erfahrungen der Frauen in ihren Kontinenten ausgehen. Die Theologinnen sehen sich selbst als Sprachrohr ihrer armen Schwestern, deren multiple Unterdrückungserfahrungen und deren Überlebenskampf sie sichtbar machen und solidarisch begleiten wollen. “Doing theology” – Theologie als befreiende Praxis, gegenseitige Ermächtigung, ganzheitliche und umfassende Befreiung, Gemeinschaftscharakter, Vernetzung, Kämpfen und Feiern sind wichtige Merkmale dieser Theologien, die vom Leiden und vom Widerstand, vom Schmerz und der Hoffnung, den Träumen und der Poesie von der Dritten Welt genährt sind und von ihrem leidenschaftlichen Glauben an die Schönheit und Kraft des LEBENS erzählen.
Dieses Heft kann nur einen winzigen Einblick in die reiche Vielfalt der theologischen Stimmen dieser “Schwestern über Kontinente” geben. Ich hoffe jedoch, dass es Sie, liebe Leserinnen und Leser, anregt, sich intensiver mit diesen Stimmen auseinanderzusetzen – z. B. mittels der Bücher, die am Schluss des Heftes vorgestellt werden.
Doris Strahm