Inhaltsübersicht
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Dorothee WilhelmFeministische Theologie für das Dritte Jahrtausend
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Silfia Strahm BernetVom brennenden Dornbusch
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Monika HungerbühlerIn der Welt wurzeln
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Sibylle SchärSpirituelles Feuer | Kraft für echte Begegnung
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Marga BührigDas Ziel ist Gerechtigkeit
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Dorothee DieterichFeuer hüten
Editorial
Heiliges Feuer haben wir unsere Nummer «getauft». Nicht bloss Feuer. Nein, «Heiliges Feuer».
Wieso uns Feuer nicht genügt hat? – So genau weiss ich das eigentlich gar nicht mehr, nur, dass wir es alle richtiger fanden so.
Ja, wahrscheinlich haben wir mit dem Begriff «heilig» dieses Lebens-Feuer, um das es uns in dieser Nummer ging, tatsächlich getauft. Wir haben ihm damit etwas ganz Besonderes verliehen, etwas absolut Notwendiges, etwas unendlich Kostbares.
Unser Begriff «heilig», so belehrt mich das Neue Handbuch theologischer Grundbegriffe, leitet sich vom lateinischen sancire her, was begrenzen, festsetzen bedeutet und das «aus religiösen Gründen Abgesonderte und Ausgegrenzte» meint. Das Zweite Testament hatte aber offenbar eher jene griechische Übersetzung des hebräischen kadosch im Blick, welche dieses «Ausgegrenzte» mit dem Begriff hagios bezeichnete und ihm damit die Bedeutung von «rein» verlieh.
Nicht diesen Zusammenhang von Heiligkeit und Reinheit hatten wir aber im Sinn, als wir dieses Feuer heiligen wollten, sondern vielmehr jenen Charakter des «ganz Anderen», welcher dem Begriff heilig in fast allen Religionen anhaftet. Der deutsche Philosoph Max Horkheimer nennt dieses «ganz Andere», nennt die Sehnsucht danach, Gott. Heilig ist uns dieses Feuer, müssten wir nun nach diesem kurzen begrifflichen Exkurs sagen, weil in ihm auch ein gut Teil dessen brennt, was göttlich genannt werden kann:
- Ein Feuer, das brennt und doch nicht verbrennt, wie uns die Dornbuschgeschichte im Buch Exodus erzählt,
- Ein Feuer, das ein Leben lang dem eigenen Arbeiten für jene erträumte «bessere Welt» den Funken Leidenschaft erhält, den es braucht, um damit nie zu einem Ende zu kommen, auch wenn es müde macht und ab und zu zuviel wird.
- Ein Feuer, das manchmal bloss glimmt und nur, wenn wieder Wind hineinfährt, als Glut erkennbar wird.
Uralt ist die Symbolik des Feuers, natürlicherweise, denn ohne Feuer gäbe es das nicht, was wir mit dem Beginn von Zivilisation verbinden. Feuer ist vielleicht aber auch der Inbegriff menschlicher Autonomie – Prometheus wusste das, als er den Göttern das Feuer stahl, und auch die Götter verstanden die Botschaft und liessen mit der Strafe nicht auf sich warten. Feuer ist Macht, und wie jede Macht grundlegend ambivalent: eine Macht lebendig zu machen, und eine Macht zu töten.
Kein Wunder, verbindet sich mit ihm göttliche Qualität, und kein Wunder auch, wird sie vom Menschen in Besitz zu bringen und dienstbar zu machen versucht. Feuer ist göttliche Energie, ob in Shivas Feuerkranz oder in den Feuerzungen des christlichen Pfingsten, ob in der Feuersäule, die den Israelit:innen den Weg durch die Wüste weist, oder in den Geheimnissen jener Tempel, die die Vestalinnen hüten.
Feuer ist aber auch das, was die Menschen aus ihrer Welt heraustreten liess und ihnen einen annähernd göttlichen Status verlieh: Herr:innen über Leben und Tod, über Herd und Schmiede, über Fabriken und Brandbomben sind sie geworden, und auch ihre Götter regieren, ihnen gleich, mit lebendig machenden Feuern und mit Schwefel und Scheiterhaufen und Granatfeuer und Auto bomben, um den Menschen, also auch uns, auf die Pfade der Gerechten zu zwingen. Kaum etwas bindet Leben so eng an Tod und Zerstörung wie das Feuer. Kaum etwas symbolisiert in so unheimlicher Weise die Zweideutigkeit dessen, was uns als Kraft, als Leidenschaft und Stärke beeindruckt, anzieht und auch begehren lässt.
Immerzu schieben sich in Beschreibungen grosser Wünsche und Sehnsüchte dieselben Worte, Begriffe und Bilder. Immerzu glüht und brennt da etwas, immerzu lodern Feuer, schlägt etwas Funken, wird etwas entflammt und verzehrt … egal ob es um Erotik oder um Politik, um körperliche oder intellektuelle Leidenschaft geht. Und immerzu ist in allem ein Stück Gewalt. Und auch jener Feuereifer im Kampf für Gerechtigkeit und eine neue Welt und noch die glühendste Leidenschaft der Liebe zu den Menschen drängen vielleicht immer zu jener Gratwanderung zwischen nie endender Geduld und Explosionen der Gewalt, laufen ständig Gefahr, die einen zu töten, damit die andern leben.
Der Begriff «heilig» tauft so das Feuer nicht nur mit den Farben des Lebens und des Lichtes, sondern auch mit Asche und Tod. Mit all den beängstigenden Merkmalen der Macht und der Kraft, die seine Faszination und seinen Schrecken ausmachen.
Feuer macht lebendig, schützt, wärmt, hilft zu überleben, ist der Kraftstoff unserer Zivilisation und gleichzeitig eine ihrer ältesten Waffen. Es ist nützlich und tödlich, je nachdem, wer damit spielt. Das Feuer hat keine gute oder böse Natur, es ist Feuer, und es brennt. Wenn es uns heilig ist und wir es heilig nennen, dann ist es immer mit dieser doppelten Natur versehen, und es lässt uns nicht mit Lagerfeuern, Backöfen und Kerzen verkohlte Menschen und die rauchenden Trümmer bombardierter Städte überblenden.
«Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers» – so oder ähnlich hat es Ingeborg Bachmann einmal formuliert und damit auf eine schreckliche Weise recht gehabt und noch immer recht. Man kann nichts über das Feuer wissen, wenn es einen nicht auch brennt. Und man muss es genauestens studieren, dieses Brennen, um es aus der Kultur des Todes in jene des Lebens zu überführen.
Silvia Strahm Bernet