Inhaltsübersicht
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Rahel HutmacherKrypta | Das Eingesunkene, das unter der Erde Liegende, das Verborgene, der Keller
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Li HangartnerKrypta | Abstieg in die Räume des Herzens
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Ursa Krattiger TingaVon der Windrose zum achtfachen Stern der Inanna
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Hildegard E. KellerIm Verborgenen ausersehen | Krypten religiöser Literatur des Mittelalters
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Silvia Strahm BernetKrypta | Eine architektonische Meditation
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Monika HungerbühlerKrypta | Schoss der Frauenkirche
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Luzia Sutter Rehmann«Und er packte ihre Händer voller Macht …» | Auferweckungen im Markusevangelium
Editorial
Kindheitserinnerung. Sommer um Sommer haben meine Schwestern und ich bei unseren Grosseltern verbracht. Der Geräteschuppen im Garten, die Büsche im Park, der Boden über dem Schweinestall und die riesige Küche waren ein Paradies für uns Kinder. Aber kein Ort war so geheimnisvoll wie das Kellergewölbe unter dem alten Haus: Die schwere, eisenbeschlagene Türe knarrte, wenn wir sie öffneten. Feuchte kühle Luft schlug uns entgegen, selbst wenn die Hitze draussen über den Steinen flimmerte. Die nackten Glühbirnen im Hauptgang funzelten vor sich hin und vertieften die Schatten in den Seitengewölben mehr, als dass sie sie erhellten. Dort hineinzugehen brauchte jedesmal wieder Mut. Dort redeten wir leise und lachten fast nie. Dort bewegten wir uns nur schleichend, spähten erst um jede Ecke und versuchten mit den Augen, die Dunkelheit in den Winkeln zu durchdringen.
Wohl fast jede findet in ihren Erinnerungen einen solchen Ort: dunkel und geheimnisvoll, lockend und erschreckend zugleich. Es muss gar kein modriges Gewölbe sein. Jeder Gang in den Keller kann für die kindliche Fantasie zum Abenteuer werden: Es braucht Mut, die Hand ins Dunkle zu recken, den Lichtschalter zu ertasten und den Fuss auf die oberste Stufe zusetzen. Der Weg zurück, die Kartoffeln, die Pelatibüchse oder die Flasche mit Most ans pochende Herz gedrückt, scheint endlos lang. Schnell das Licht ausgedreht und die Türe ins Schloss geworfen. Wer weiss, was sich dahinter im Dunkeln alles tut.
Gewölbe, Höhlen, Krypten sind der Inbegriff des Geheimnisvollen. Sie ziehen uns magisch an, und wir scheuen gleichzeitig davor zurück. Wir wollen den Schatz, den sie bergen, heben und fürchten zugleich, dass in ihren dunklen Winkeln Schreckliches lauert. Oder fürchten wir die Enttäuschung? Dass das kostbare Gut, das wir im Verborgenen suchen, sich bei Licht betrachtet als blosse Spinnweben und Staub entpuppen könnte?
Keine Zweifel in diese Richtung sind hei Ursa Krattiger Tinga zu spüren. «Weibliche Gestalten, weibliche Inhalte und Werte sind in der abendländischen religiösen Tradition eo ipso krypto», schreibt sie. Nach diesem Verborgenen, Kryptischen in unserer Tradition sucht sie schon seit Jahren und hat für sich dabei schon manche Kostbarkeit ans Licht geholt. Li Hangartner vergleicht den Abstieg in die Krypta einer Kirche mit dem Abstieg in die Räume des Herzens. Die Krypta ist für sie Hüterin verborgener Sehnsüchte und Wünsche, Leiden und Ängste.
Sehnsüchte und Wünsche, Leiden und Ängste bilden auch den Hintergrund für Silvia Strahm Bernets Gang durch eine Kirche, vom Portal bis hinunter in die Gewölbe unter dem Altar. Was sich dabei ihrem Auge bietet, ist für sie mehr als Mauer und Stein, mehr als eine Folge von Durchgängen und Räumen. Sie versucht, die in Stein gebaute Botschaft zu verstehen, die für uns heutige je länger je kryptischer wird.
Fast als eine Geheimbotschaft, ein Kryptogramm, erscheint auch das Markus-Evangelium im Beitrag von Luzia Sutter Rehmann: Worte aus einer scheinbar bedeutungslosen Episode am Anfang des Evangeliums werden für sie zum Ariadnefaden, der sie in die Untergründe der Schrift führt und ihr den Weg zu neuen Deutungen weist. Was wir schon immer zu kennen glaubten, erscheint in einem neuen Licht. Zu Recht sagt sie: «Eigentlich ist die ganze feministische Theologie eine Arbeit am Kryptischen. » Kryptisch haben sich auch die Frauen ausgedrückt, die im Mittelalter in der Kirche nicht schweigen wollten. Mit ihnen befasst sich Hildegard E. Keller. Der Rückzug dieser Frauen ins Verborgene, in symbolische Krypten, war gewählt und doch erzwungen. Nur aus dieser Verborgenheit heraus war es für sie überhaupt möglich, sich theologisch zu äussern.
Ebenfalls aus einer Krypta heraus, aber aus einer realen, melden sich Frauen in Basel zu Wort. In der Krypta der Leonhardskirche feiern sie seit einiger Zeit die hohen kirchlichen Feste und versuchen, sie für sich mit neuer Bedeutung zu füllen. Monika Hungerbühler denkt über diese Krypta als Schoss der Frauenkirche und über ihr Verhältnis zur «Oberkirche» nach.
Dass es sinnvoll sein kann, das, was im Verborgenen erfahren wird, auch im Verborgenen zu lassen, davon spricht Rahel Hutmacher. Unserer extravertierten Welt setzt sie die Intro-Version entgegen, dem Drang unserer Zeit nach Veröffentlichung von allem und jedem, den Wert des Ver-Bergens und Ver-Schweigens. Die Krypta ist für sie «der Ort für Kräfte, die wir nicht wahrnehmen können, die aber antworten, wenn wir sie rufen.»
Barbara Seiler