Inhaltsübersicht
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Rahel HutmacherEin Lob … der Faulheit ???
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Marianne de MestralMüssiggang – aller Laster Anfang?
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Monika Hungerbühler«Zum Sein hat Gott alles geschaffen» | Eine Predigt zum Atemholen
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Dorothee DieterichSo fromm und arbeitsam | Faulheit in den Märchen der Brüder Grimm
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Silvia Strahm BernetStaubiges Glück | Von einer die auszieht, das Putzen zu verlernen
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Heidi WitzigAlles hat seine Zeit | Zeit und Zeiterleben im Laufe der Geschichte
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Pia GygerVersenke Dich in Deinen Grund
– und Du wirst Dich finden
Editorial
Wo eine faulenzt, da sind Armut, Sünde und Laster nicht weit. Wenn es nach dem Volksmund und einzelnen Märchen ginge, dann führte Müssiggang geradewegs in Teufels Küche, wäre Faulheit Einfallstor für den Leibhaftigen persönlich.
Demgegenüber ist das zielgerichtete Nichtstun, die Musse durchaus wohlangesehen. «Freie Zeit von etwas und für etwas – ohne Eile und Hast», so definiert das Wörterbuch. Musse als Erholungsraum, Zwischenraum zwischen Arbeit und Arbeit, das ist erlaubt. Doch scheint die Musse ebensosehr von den Begrenzungen durch die Arbeit wie durch den Freiraum des Nichtstuns definiert. Wohl nicht von ungefähr hat das mit Musse eng verwandte Verb «müssen» eine eigentümliche Wandlung durchgemacht: Meinte es ursprünglich «Raum haben: Erlaubnis haben, dürfen», so begann man mit demselben Verb im Mittelhochdeutschen Zwangsverhältnisse äusserer und innerer Art zu beschreiben. Wir kennen das Verb nur noch in dieser zweiten Bedeutung.
Zwangloses, zweck- und zielloses Sein scheint, parallel zur Entwicklung eines linearen Zeitverständnisses immer schwieriger geworden zu sein. Was keinem Ziel dient, wurde je länger je mehr suspekt, ja verabscheuenswürdig. So schlägt sich’s auch in der Sprache nieder: Wer Zeit verbringt, ohne etwas zu tun, faulenzt. Wer dies aber gar dem Arbeiten vorzieht, gilt als bequem, arbeitsscheu, faul, ja sogar stinkfaul. Unversehens sind wir in Bereiche geraten, wo es fault, verwest und stinkt. Fauliges Obst, modrige Keller, gar totes Fleisch … – wir sind in die Niederungen körperlichen Zerfalls abgesunken. Pfui, dahin wollen wir nicht! Denen, die sich zu sehr treiben lassen, soll’s eine Warnung sein.
Wir ahnen’s schon: Wo Natur und Körper vor sich hin modern, da kann auch die weibliche Natur nicht weit sein. Und tatsächlich: Der indogermanische Stamm fu- (faulen, stinken) kommt nicht nur im Ausruf «pfui!» vor, sondern findet sich auch im Wort «Fotze», der vulgären Bezeichnung für Vulva, wieder. Ein Glück, gibt’s noch die Romantiker, die entgegen allem Gesagten mit dem Müssiggang gleich auch die Frauen aufs höchste Podest gehoben haben. Schlegel etwa lobt in seinem Roman «Lucinde» den Müssiggang als «einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.» «In der Tat», schreibt er, «sollte man das Studium des Müssiggangs nicht so sträflich vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden. Je göttlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen ist, je ähnlicher werden sie der Pflanze … Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.» Einfach nur sein und nichts tun wie eine Pflanze! Wer könnte das besser als die Frauen, «diese schönen Gewächse und Pflanzen im grossen Garten des Lebens» (Originalton Schlegel). Ehe wir’s gedacht, finden wir die Frauen wieder in eins gesetzt mit der Natur.
Einmal mehr sind wir beim Organischen angelangt, diesmal vor der Verwesung, in seiner schönsten Blüte. Ob der Unterschied so gross ist? Die Idealisierung scheint nur die Kehrseite der Medaille. Wer sich dem süssen Nichtstun verschreibt, überlässt sich auf jeden Fall der Natur und die ist eben ambivalent. Wie die Frauen … Und da im Reich der Sinne auch die lüsternen Triebe nicht weit sind, gelangen wir nur allzuschnell in den Pfuhl der Sünden und in die Fänge des Teufels. Wie’s eine Version des Sprichworts sagt: «Müssiggang ist des Teufels Ruhebett». Der Kreis schliesst sich – riecht ihr, wie es modert?!
Trotzdem behält das Nichtstun seinen Reiz – oder vielleicht erst recht. Statt Frauen bieten sich auch andere Projektionsflächen an. Im Fall von Goethe sind es (damals so genannte) “Zigeuner”: «Man beneidete die wunderlichen Gesellen, die in seligem Müssiggange alle abenteuerlichen Reize der Natur zu geniessen berechtigt sind.» Mag hier der Neid noch in halbwegs freundlichem Kleid daherkommen, so schlägt er vielerorts nur allzuschnell um in die Abwehr und Abwertung jener «anderen», die sich nicht nach dem geltenden Arbeits- und Pflichtethos richten. So werden etwa Arbeitslose als faul und arbeitsscheu verunglimpft. Doch was den Neidern fehlt, davon haben die Beneideten zu viel: Zeit – unstrukturierte Zeit. In einer Gesellschaft, die den Wert von Männern und Frauen in erster Linie über bezahlte Arbeit definiert, ist erzwungene Musse kein Freiraum, sondern lähmende Leere. Nicht weniger lähmend ist aber für die, welche im Lohnarbeitsprozess weiter eingespannt sind, der Druck, die doppelte Arbeit in derselben Zeit zu leisten. Die Lösung läge auf der Hand: Bezahlte und unbezahlte Arbeit, Tun und Nichts-Tun müssten so verteilt werden, dass es kein zu viel und kein zu wenig mehr gäbe, sondern für alle von beidem genug.
Da auch wir als Feministinnen uns nur schwer der Auffassung entziehen können, nur ein arbeitsames Leben sei ein gutes Leben, geben wir in diesem Heft der Faulheit Raum.
Ursula Vock