Inhaltsübersicht
-
Bea WylerTraumhaft
-
Jaqueline Sonego MettnerJakobs Traum und die Frauen
-
Li HangartnerDer Traum vom offenen Himmel
-
Irina BossartBild(w)orte oder:
Eine Dattelpalme in der Schmerzenkapelle von Mariastein -
Antonia-Michaela Himmel-Agisburg«Gott wurde Mensch, damit wir Gott werden» | Aspekte der Bedeutung der Vergöttlichungslehre für orthodoxe Frauen heute
-
Rosmarie WipfUnterwegs mit Jakob | Reisenotizen
Editorial
Eine Leiter in den Himmel: wie schön, wie anstrengend! Sprosse um Sprosse hinauf. Aber wohin? Und wie lehnt man sie an den Himmel, die Leiter? Den Boden, den kennen wir zur Genüge. Auch wenn wir ihn ab und zu unter den Füssen verlieren, und doch immer wieder auf ihm landen. Schmerzlich, tröstlich ist er uns vertraut. Bloss der Himmel, der ist trotz mancherlei Wissens träumerisch gezeichnet. Bläue, Strahlen, Tiefe, Horizont, Zukunft. Selten sagen wir Himmel und meinen: bedrohlich dunkel, voller zerstörerischer Wucht – die Winde fahren hindurch, das Wasser strömt herab, belebend, aber auch vernichtend und noch im Fehlen vermag es zu töten. Beim Himmel geht uns meist das Herz auf, ist eher Weite als Beklemmung. Alles in allem aber bleibt er erfahrungslos und offen für allerlei Phantasien.
Himmel ist ein anderes Wort für den Wunsch nach einem Ort, wo es gut ist. Wo alles ist, wie es sein soll. Einen Ort, den es nicht gibt. Aber an den wir gerne glaub(t)en. Den wir erwarten, den wir erreichen möchten, von dem wir uns wünschen, er würde sich vor uns auftun wie ein Tor und wir träten ein und es wäre einfach zum Tanzen und Lachen und Strahlen schön. Einfach nur schön. – Der Himmel der Poesie, des Traums, der Phantasie. Ein Raum für RomantikerInnen. Man kann sie auch religiös nennen. Menschen, die sich zurückbinden an einen Grund, der nicht Erde heisst, aber ebenso trägt. Und den sie in die Himmel verlängern. Und manchmal Gott nennen.
„Wozu sind wir auf Erden?“ fragte uns einst der Katechismus. „Um in den Himmel zu kommen!“ lautete eine der knappen Antworten, die so kurz ausfällt wie das Leben dabei gewichtlos erscheint. Ein Sprung nur zwischen Kommen und Gehen? Möglichst schnell vom einen Ende zum anderen? Eine Idee, ein Glaube, der gegenwärtig erneut sichtbar wird: man schafft damit sich und andere problemlos aus der Welt. Die nicht zählt. Weil das, was ist, nie das sein kann, was noch kommen wird. Mit dem Himmel im Gepäck liess man immer schon schamlos andere bluten. Im Glaubenskoffer, den man auspackte, war nicht nur die Sonne und das tiefe, herzerwärmende Blau, da waren scharfe Messer und Schlösser und Särge zu Hauff. Da waren Türen für die Guten und Abgründe und Feuer für die Verdammten.
So wandelbar wie der Himmel, den wir Tag für Tag sehen, sind die Bilder, die er erzeugt. Und die Tatsachen, die er auf Erden schafft. Der Wunsch, von der Erde in die Himmel zu steigen, wie vom Mangel ins richtige Leben, mag die Bilder vom Himmel prägen. Und doch wird im Lichte des Himmels auch die Erde begriffen, gedeutet und gestaltet. Ein ewiges Hin und Her, Hinauf und Hinab. Da muss man kein Engel sein, wie auf der Leiter, die der Jakob träumt.
Wobei ich endlich bei Jakob angekommen wäre. Um den es uns nicht ging, nicht in erster Linie. Die Himmesleiter war es, die uns FAMA-Frauen faszinierte und zu dieser Nummer inspirierte und natürlich vor allem unsere Autorinnen, die sich auf vielfältige Weise der Leiter nähern, die am Himmel lehnt und die Gedanken und Wünsche leitet, wohin auch immer – zum Himmel, auf die Erde zurück.
Bea Wyler geht dabei den Hintergründen des biblischen Textes und der rabbinischen Interpretation dieses Traumes nach, den Jakob träumt – dem Hin und Her der Engel und der Besorgtheit Gottes, der sich schützend vor den Schlafenden stellt.
Jaqueline Sonego Mettner beschäftigt sich mit der Mutter von Jakob – Rebekka –, die betrügt und doch das Rechte tut. Die es ermöglicht, dass Traditionen aufgebrochen werden, damit Neues geschieht. Sie fragt aber nicht nur nach der Bedeutung von Rebekka, sondern auch danach, ob es denn unter all den Ehefrauen, Müttern und Schwestern nicht auch Frauen gab mit eigenen, grossen Träumen.
Li Hangartner hält in ihrem Text die ganze Ambivalenz dieser Leiter fest – die Sehnsucht nach dem Himmel, im Wissen, «dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hin- gehören und von woanders kommen.» Und das gleichzeitig gefährliche Vergessen der Erde als dem Ort, der mit dem Himmel verbunden ist und auf den der Himmel herabkommen soll, damit es sich erfülle, dieses «Wie im Himmel, so auf Erden».
Irina Bossart geht der Himmelsleiter in der marianischen (Bild)Tradition nach, wo die «Maria-Palme» zur Himmelsleiter wird. Die aufgrund ihrer schuppenartigen Rinde leicht zu ersteigende Palme gleicht Maria, der Himmelsleiter aller Gläubigen. Als Gottesgebärerin schafft Maria zunächst eine Verbindung zwischen Himmel und Erde – Christus ist sozusagen über die «Marien-Leiter» auf die Erde herabgestiegen; sodann eröffnet Maria als Fürbitterin den Menschen den Weg zum (himmlischen) Heil.
Antonia-Michaela Agisburg-Himmel beschäftigt sich mit der Deutung des Traumes aus der Sicht orthodoxer Theologie. Die Himmelsleiter symbolisiert darin den Weg der Vergöttlichung des Menschen. Einen Weg, der zwar eingebettet ist ins sakramentale und liturgische Leben der Kirche, aber auch radikal «in die Liturgie ‚nach der Liturgie’» führt, das heisst zum politischen und sozialen Engagement für Menschen am Rande und zur Verantwortung für die Schöpfung.
Rosmarie Wipf lässt sich auf Jakob und seine Leiter nur widerwillig ein – hält sie ihn doch eigentlich für ein hinterlistiges, janusköpfiges Muttersöhnchen: auf der einen Seite brav, angepasst, kriecherisch. Auf der anderen durchtrieben, fies, berechnend. Ein paar versöhnliche Töne lässt sie verlauten ab und zu, aber alles in allem mag sie ihn nicht sonderlich oder nur, wenn er schläft.
Mit beiden Beinen auf der Erde träumen, so hat einmal Christa Wolf eine Art Lebensprogramm umschrieben. Das zu tun heisst: die Leiter anlehnen. In den Himmel schauen, immer wieder. Den Blick weg vom Boden, von dem, was hält und der Phantasie im Machbaren den Atem nimmt und den ungebärdigen Schwung. Und doch dabei die Träume derer nicht vergessen, die neben uns sind und Anderes träumen. Einen Himmel zwar, aber nicht den unsern. Einen andern. Es soll keinen Klammergriff des einzig Wahren geben, auch im Bestehen auf dem eigenen. Weil das einzige, was zählt, ist, dass der Himmel die Erde befruchte, sie bewohnbar mache für alle. Und mit Heinrich Heine im Kopf, könnten wir uns auch immer daran erinnern, dass das Gute zuallererst das Naheliegende ist:
…
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann, S
obald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.
Silvia Strahm Bernet