Inhaltsübersicht
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Nesina GrütterTextile Textfragmente
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Heidi WitzigAm Wandel spinnen | Gesellschaftliche Umbrüche in der Neuzeit
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Kerstin RödigerIm Verborgenen werden wir bekleidet | Spinntabu und Arbeitsfleiss
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Marianne ReifersAb in die Spinnwinde!
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Moni EggerMädchen am Übergang | Spinnen und Initiation im Märchen
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Franziska Loretan-Saladin«Wähle das Leben!» | Schicksal und Selbstbestimmung
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Béatrice BowaldLebensfaden gerissen
Editorial
In einer gängigen Redensart heisst es: «Spinnen am Morgen bringt Kummer und Sorgen, Spinnen am Mittag bringt Glück am dritten Tag, Spinnen am Abend – erquickend und labend.» Spinnen scheint demnach eine Tätigkeit zu sein, die je nach Umständen ganz unterschiedliche Auswirkungen haben kann. Doch was spinnen Frauen, wenn sie spinnen, und wozu tun sie es? Über Jahrhunderte haben sie Spindeln in den Händen gehalten, Spinnräder getreten, dabei ihren Unterhalt verdient. Das Verfahren verfeinerte sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende schrittweise, aber das Prinzip blieb immer das Gleiche: ein Verziehen und Verdrehen von Fasern endlicher Länge zu einem Garn, das theoretisch unendlich weitergesponnen werden kann. Die Qualität der verwendeten Fasern und die Art, wie sie versponnen werden, sind massgebend für viele Eigenschaften des später daraus entstehenden Textils. Endlos lässt sich das Spinnrad treten. Auch mit dem Gespinst lässt sich verweilen – beim Zwirnen, Weben, Stricken, Wirken, Nähen oder Sticken. Die Wolle, die ich im Laden kaufen kann, ist doch viel feiner und obendrein ganz regelmässig und auf einem schönen Knäuel aufgewickelt. Spinne ich, wenn ich selber spinne?
Wie oft habe ich mich über die Doppeldeutigkeit des Begriffs gefreut, wenn ich an Winterabenden scheinbar endlos das Pedal getreten habe und dabei dachte: Ja, ich spinne. Weit mehr als gedrehte Wollfäden wird verarbeitet und produziert, wenn Frauen sich ans Spinnen machen. Durch das Spinnen findet die eine Ruhe und Erholung, den Ansatz zu einem neuen Lebensfaden die andere und Eingang in Märchen und Mythen die dritte. Was sich hier als Musse westlicher Frauen präsentiert, war zu anderen Zeiten lebensnotwendig, oft bitterer Ernst und eine grosse Last. So haben wir im vorliegenden Heft verschiedene Facetten, Hintergründe und manches mehr zum Thema Spinnerinnen zusammengetragen. Das Vielschichtige und oft auch Schillernde dieser Frauen, ihrer Tätigkeiten und der sie umgarnenden Traditionen und Geschichten widerspiegelt sich auch in der Bildstrecke, in der Moni Egger alte und junge Frauen, Spinnräder und Spindeln in Fotocollagen ineinander hat fliessen lassen.
Esther Kobel