Im Wetterbericht von heute steht: «Im Mittelland verbreitet Nebel oder Hochnebel mit einer Obergrenze um 800 m. Er löst sich teilweise auf.» Tja, das ist leider nicht gelogen. Also wahr? Wobei: Gerade noch stand ich am Bahnhof an der strahlend warmen Sonne. Jetzt aber zieht eine seltsam vage Nebel-Landschaft vor den Zugfenstern vorbei. «Seltsam, im Nebel zu wandern» begleitet in meinem Kopf die Zeile aus Hermann Hesses Gedicht das Surren der Räder. Allein wie ein Baum im Nebel fühlt sich Hesses lyrisches Ich. Wenn ich nach draussen schaue, kann ich unmittelbar an dieses Gefühl anknüpfen. Solche Nebelphasen kenne ich in meinem Leben zur Genüge. Das Gedicht birgt eine Wahrheit, die nichts an Gültigkeit verliert, auch wenn es in einer völlig anderen Zeit geschrieben wurde. Und selbst im schönsten Sonnenschein kann ich mich so neblig fühlen, wie das Gedicht es beschreibt – vorausgesetzt, dass ich in meinem Leben bereits genügend physische Nebelerfahrungen gemacht habe: mich im Nebel verloren gefühlt, den Zauber der Schemen gespürt, das seltsame Lichtspiel mit leichtem Schauer genossen habe. Wäre ich aber in einem Land aufgewachsen, wo steter Sonnenschein das Wetter prägt – das Gedicht von Hesse wäre für mich so fremd und irrelevant wie der Wetterbericht, wenn ich am sonnigen Bahnhof stehe.
Von der Wahrheit in Mythos und Logos
Wenn Wetterbericht und Gedicht von Nebel schreiben, dann verwenden sie zwar dasselbe Wort, aber nicht dieselbe Sprache. Es sind zwei unterschiedliche Sprachspiele, also verschiedene Verwendungsarten von Sprache mit je unterschiedlichen Konventionen. Der Wetterbericht steht im Sprachspiel des Logos. Logos will erklären, begründen, Fakten darlegen. Logos ist überprüfbar. Das Gedicht steht im Sprachspiel des Mythos. Mythos lässt anklingen, will deuten, zum Denken anregen, Sinn stiften. Mythos ist erfahrbar. Ob etwas «wahr» ist, wird in Logos und Mythos unterschiedlich entschieden. Bei Logos gibt es eine objektiv nachprüfbare Wahrheit, die sich im «passiert sein» resp. «korrekt sein» erschöpft. Beim Mythos hingegen geht es nicht um das, was einmal passiert ist, sondern um das, was bleibend trägt. Die Wahrheit des Mythos ist nicht überprüfbar, sie ist erfahrbar. Hier gibt es Wahrheit nur in Verbindung mit dem eigenen Erleben.
Religiöse Sprache ist Mythos
Beim Nachdenken über religiöse Sprache ist die Unterscheidung von Mythos und Logos wichtig. Dass religiöse Texte wie etwa jene in der Bibel zum Sprachspiel des Logos gehören würden, ist wohl das am weitesten verbreitete Missverständnis bezüglich Religion. Pikanterweise sind sich in diesem Missverständnis rationalistische und biblizistische Menschen verblüffend einig. Beide verstehen biblische Texte als Tatsachenberichte, woraus die einen deren ewige Gültigkeit ableiten, die anderen die Unvernunft aller Gläubigen. Aber wenn dem so wäre, wenn die Bibel bloss berichten würde über Ereignisse, die irgendwann vor einigen tausend Jahren passiert sind, und wenn sich ihre Bedeutung darin erschöpfte – dann wäre sie doch längst passé. Wie könnte sie heute noch sinnstiftend sein, wenn sie nicht zeitlose Wahrheiten enthielte, die heute noch tragen können: In der Kraft Gottes teilt sich das Wasser vor den Fliehenden zu einem schützenden Korridor; in der Kraft Gottes gibt es ein Wiederaufstehen aus dem Tod. Das sind Hoffnungsbilder, die eine andere Wahrheit haben als der heutige Wetterbericht. Diese Unterscheidung ist die Basis für jedes religiöse Lernen, ja sie macht dieses Lernen erst möglich.
Zwei Naivitäten und der Drache unter dem Bett
Die Unterscheidungsfähigkeit zwischen den verschiedenen Sprachspielen entwickelt sich im Laufe eines Lebens. Nehmen wir zum Beispiel die vierjährige Anna. Sie schreit und will nicht ins Bett. Denn dort lauert ein gefährlicher Drache mit glühenden Augen und spitzigen Zähnen. Kein Wunder, hat sie Angst. Ihre Schwester Doris ist elf. Sie lacht Anna aus: «Es gibt gar keine Drachen und überhaupt ist unter deinem Bett nur Staub und sonst nix!» Mutter Klara sagt: «So eine drachengrosse Angst habe ich manchmal auch. Dann singe ich ganz laut, das können die Drachen nicht ausstehen.» Und schon hocken die drei auf Annas Bett und singen zusammen. In der Religionspädagogik ist bezüglich der religiösen Entwicklung die Rede von der 1. Naivität, der Phase der Symbolkritik und der 2. Naivität. Zu Beginn eines Lebens dominiert in der Regel die 1. Naivität. Während die 2. Naivität ständig zunimmt, nimmt die 1. laufend ab. In der 1. Naivität gibt es keine Unterscheidung zwischen Mythos und Logos. Anna weiss, der Drache unter ihrem Bett ist gefährlich! Spätestens in der Pubertät folgt die Phase der Symbolkritik. Altersgemäss verlacht Doris den Drachen als Hirngespinst. Mit zunehmender 2. Naivität werden Symbole als Symbole erkannt, aber deswegen nicht verworfen. Jetzt gelingt die Unterscheidung von Mythos und Logos, und beide Sprachspiele werden als wichtig und potentiell wahr anerkannt. Klara nimmt Annas Angst ernst und gibt ihr ein Mittel gegen sie in die Hand.
Mythos ist sinnstiftend
Eine besondere Kraft liegt im geteilten Mythos, wenn also zur eigenen Erfahrung eine Erzählgemeinschaft dazukommt. Indem die Geschichten Generation um Generation als erzählwürdig erachtet und weitergegeben werden, verdichtet sich ihre Wahrheit immer mehr. Jedes Weitererzählen vermittelt die Botschaft: «Schau, darauf vertraue ich, darauf kannst auch du vertrauen.» So kann sich die Wahrheit bis zu einem gewissen Grad vom eigenen Erleben lösen. Die Gemeinschaft bürgt für die Erfahrung. Indem ich mich der Erzählgemeinschaft zugehörig fühle, kann ich mich dem überlieferten Erleben und dessen Deutung anschliessen. So ermöglicht Mythos Zugehörigkeit und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Gleichzeitig ist Mythos auch insofern sinnstiftend, als darin das eigene Leben und Erleben gedeutet werden kann.