Ausgabe 2023/2

Lügen zerstören. Erfahrungen in der römisch-katholischen Kirche


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©Ninosca Montufar Becerra, Peru.
von Veronika Jehle / 17.05.2025

Es gibt Momente, da wird eine Lüge als solche erkennbar. In anderen Situationen ist es komplizierter: «Sein» und «Schein», «Halbwahrheit» und «Unwahrheit», «vertuschen» und «verschweigen» gehen ineinander über. Wer sich in Organisationen und Strukturen bewegt, kennt das mitunter. Ich lege hier einzelne Erfahrungen offen, die mir exemplarisch erscheinen, aus jener Gemeinschaft, deren Teil ich bin: vier weitgehend unkommentierte Episoden, erlebt in der römisch-katholischen Kirche.

Episode 1

Eines meiner «Worte zum Sonntag», das ich für das Schweizer Radio und Fernsehen SRF zwischen 2018 und 2020 sprechen durfte, widmete ich dem Thema: «Lügen zerstören Menschen und Gemeinschaften». Ich sprach darin von der Leugnung des Corona-Virus – das damals, am 8. August 2020, gerade grassierte –, von der Leugnung des Klimawandels und von der Leugnung von Veränderungen in Kirchen und Religionen. Ich bezog mich auch auf den Papst und warf die Frage auf: «Als zum Beispiel Papst Johannes Paul II. im Jahr 1994 verlauten liess, die römisch-katholische Kirche habe keine Vollmacht, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Hat er sich dabei auf Fakten, nachvollziehbare Argumente oder ein- deutige Quellen berufen? Entscheiden Sie selbst. Ich bin über- zeugt, hier geht es um Macht. Und weil es so ist, sagte der damalige Papst das genaue Gegenteil: Er habe keine Macht. Keine Vollmacht.» Nach der Ausstrahlung dieser Worte dauerte es nicht lange, da bekam ich einen Anruf unseres Personalverantwortlichen im Bistum Chur. Er gab mir zu verstehen, dass es opportun wäre, dem Bischof zu schreiben, ich hätte es nicht so gemeint, das mit der Lüge und dem Papst. Ich müsse doch bedenken, dass ich mit derartigen Worten die Zuhörer:innen verunsichern würde. In meiner Erinnerung sagte er weder explizit, dass ich meine Worte zu widerrufen hätte; noch sagte er explizit, wer ihm den Auftrag gegeben hatte, mich anzurufen. Schriftlich liess ich mir dazu nichts geben. Ich überlegte und rang mit mir selbst. Schliesslich formulierte ich folgende Zeilen, die mir diplomatisch erschienen, und schickte sie an den damaligen Bischof und an den Personalverantwortlichen: «Ich bedaure es, wenn durch mein Wort zum Sonntag vom 8. August 2020 Missverständnisse und Ir- ritationen im Volk Gottes entstanden sind. Dies lag nicht in meiner Absicht. Ich hüte mich davor, den Heiligen Vater Papst Johannes Paul II. als Lügner zu bezeichnen, werde mich auch fernerhin davor hüten.» Als Antwort erhielt ich vom damaligen Bischof per Post eine Karte, auf der ein lächelnder Papst Johannes Paul II. abgedruckt war. Meine Worte hätten ihm Freude gemacht, schrieb der Bischof und versicherte mir sein bischöfliches Gebet sowie seinen Segen.

Episode 2

Argumentiert und auch widersprochen habe ich immer schon gerne. Sei es als Theologiestudentin, dann als Pfarreiseelsorgerin, schliesslich als Spitalseelsorgerin. Wann immer ich in diesen Kontexten über Fragen diskutierte, die die Lehre und die Struktur der Kirche betrafen, stiess ich meist auf offene Ohren und überraschend oft durchaus auf Verständnis: Nicht selten teilten wir Kritik und die Wahrnehmung von Missständen. Selbstverständlich und regelmässig gehörte zu diesen Gesprächssituationen aber für mich der Moment, in dem das Gesicht meines Gegenübers vielsagend wurde: «Aber gell, pass auf, was Du sagst … » Wegen der «Missio canonica»: Der jeweilige Bischof vergibt eine Beauftragung, die einer Arbeitserlaubnis entspricht, und er kann seine Beauftragung entziehen. Während des Studiums hörte ich: «… sonst bekommst Du womöglich keine Missio.» Später dann, als ich die Missio hatte: «… sonst hast Du bald keine mehr.» Umgekehrt kamen wir in inhaltlichen Auseinandersetzungen nicht selten an den Punkt, an dem klar wurde, dass es eigentlich notwendig wäre, unter diesen Bedingungen die Missio aktiv zurückzugeben. Wer möchte schon unter einem Ticket arbeiten, das zum Beispiel jenen entzogen wird, die zu ihrer homosexuellen Liebesbeziehung stehen? Oder die zu ihrer neuen Beziehung stehen, nachdem sie geschieden sind? Missbrauch von Macht in unterschiedlichen Ausprägungen wurde und wird hingegen weitgehend nicht wahrgenommen, geschweige denn durch Entzug der Missio geahndet. An keiner Stelle ist transparent geregelt, wann genau die Missio entzogen werden kann, und ebenso wenig, wann sie entzogen werden muss. Anders gesagt: Nirgendwo wird klargestellt, was genau jemand in welchem Kontext gesagt oder getan haben muss, damit sie oder er die Missio verliert. Dieses Faktum führt nach meiner Erfahrung zu einem Klima der Angst und zu Grauzonen, die missbräuchliches Verhalten erleichtern. Ein Gespräch mit einer meiner Vorgesetzten erinnere ich, in dem wir offen – und durchaus emotional – über all die Fragen diskutierten und sie schlussendlich sagte: «Die Missio zurückgeben, das macht doch sowieso keiner. Wer möchte denn schon auf die Privilegien verzichten?»

Episode 3

Ich gab dem Bischof meine Missio zurück und legte in einem Brief meine Beweggründe dar: «Ich möchte mit Nachdruck darauf aufmerksam machen, dass das Festhalten an den mo- mentanen Strukturen den Rahmen für die Seelsorgearbeit un- tergräbt, das heisst konkret, die Kirche als Gemeinschaft un- tergräbt und sie ruiniert. Schon jetzt sind wir konfrontiert mit unzähligen Opfern, die dieses Festhalten kostet, schon jetzt ist unsere Glaubwürdigkeit weitgehend zerstört. Opfer werden Menschen nicht ausschliesslich durch die Verbrechen Einzelner – Opfer werden Menschen auch durch Strukturen, die Verlet- zungen leicht erlauben, sowie durch das Nicht-Ändern dieser Strukturen wider vernünftige Einsicht.» Dazu listete ich konkrete Kritikpunkte auf: den Ausschluss von Frauen aus dem Amt zum Beispiel, die Diskriminierung von homosexuell Lebenden und von Geschieden-Wiederverheirateten. Ich distanzierte mich also inhaltlich klar und offen vor dem Bischof von einigen Eckpunkten kirchlicher Lehre – die zu teilen ja eine konstitutive und notwendige Voraussetzung ist, um mit seiner Missio im Dienst dieser Kirche zu stehen.

Bevor wir uns zu einer Aussprache trafen, erhielt ich vom Bischof ein Schreiben, in dem er bemerkte, dass ich «mit der heutigen Realität der Kirche nicht einverstanden» sei und «ihr ekklesiologisches Wesen» nicht akzeptiere. Der Bischof (wir sind per Du, weil wir uns aus der Spitalseelsorge kennen) schrieb weiter: «Als Amtsträgerin einer Kirche zu wirken und als solche zu erscheinen, welche Du prinzipiell in Frage stellst und mit der Du Dich nicht mehr identifizieren willst, würde zu einer konstanten inneren Zerrissenheit führen.» Das Problem daran, «das Wesen der Kirche» nicht mehr zu akzeptieren, wäre demnach also ausschliesslich meine innere Zerrissenheit. Als der Bischof und ich uns dann zur Aussprache trafen, brachte er mir die – an sich wertschätzende – Frage mit, ob ich nicht schlichtweg die Missio zurücknehmen könnte, sodass er mich weiterhin beschäftigen könne? Die Fragen der Lehre, der Inhalt, war offenbar vollkommen in den Hintergrund getreten. Ich war mehr als überrascht. Die Willkür war also sogar eine doppelte: Nicht nur, dass nirgendwo transparent festgehalten war, nach welchen Kriterien ein Bischof die Beauftragung und damit die Arbeitserlaubnis entziehen kann. Im Ernstfall wurde es möglich, dass jene Lehre, auf die gerne und immer so wortgewaltig gepocht wird, plötzlich gar keine grundlegende Bedeutung mehr hat. Vor allem, wenn Personalmangel herrscht.

Episode 4

Auch ich habe bereits Teile des Hochgebets während einer Eucharistiefeier gesprochen – anlässlich einer Osternacht, in Absprache mit dem Priester. Dabei ist das Sprechen des Hochgebets, wie das Feiern von Sakramenten allgemein, Priestern vorbehalten. In meiner Missio stand ausserdem der Satz, dass «mit dieser Beauftragung keine Predigterlaubnis innerhalb der Eucharistiefeier verbunden» sei, und gleichzeitig predigte ich selbstverständlich regelmässig. Rein kirchenrechtlich und streng genommen wäre das zumindest «liturgischer Wildwuchs», und es ist an vielen Orten Normalität, weil naheliegend und verantwortbar. Ausserdem gibt es eine reale Not, für das, was dem Priester vorbehalten sein soll, auch tatsächlich einen Priester zu finden. Bis wieder eine Theologin einen Teil des Hochgebets sprach – und der Bischof das plötzlich «liturgischen Missbrauch» nannte und befand, eine «kanonische Voruntersuchung» eröffnen zu müssen. Die betroffene Kollegin ist weitherum bekannt. Es war der Gottesdienst zu ihrer Pensionierung. Die Kirche war randvoll. Eine Kamera filmte das Geschehen. Und das Geschehen wurde öffentlich, auch über die Landesgrenzen hinaus. Eine andere Kollegin aus einem benachbarten Bistum stand daraufhin in einem Beitrag im Schweizer Radio und Fernsehen SRF dazu, dass sie Sakramente feiere, ohne das Einverständnis des Bischofs. Hier folgte keine kanonische Voruntersuchung.

Ist es nun der «Wildwuchs», der schadet? Oder ist es die Inkonsequenz im Umgang mit der Spannung zwischen Theorie und Praxis? Es herrschen Verwirrung und Ungewissheit. Zum Schaden der Lehre, zum Schaden der Regeln, die jede Gemeinschaft braucht, vor allem aber zum Schaden der involvierten Menschen.