Ausgabe 2024/2
Geschlechterkonstruktionen im Sport
Text:
Corinna Schmechel
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08.03.2025
Am 19. April 1967 schrieb Kathrine Switzer Sportgeschichte.
Sie lief in Boston einen Marathon mit einer Zeit von vier Stunden und zwanzig Minuten. Das ist weit von irgendwelchen Rekordzeiten entfernt. Das Besondere war, dass Kathrine Switzer als Frau an diesem Lauf teilnahm. Das war damals nämlich noch nicht zulässig. Tatsächlich hatte sie sich quasi eingeschlichen, indem sie bei der Anmeldung statt eines Vornamens nur ihre Initialen angegeben hatte. Es gingen Bilder um die Welt, in denen zu sehen ist, wie der Organisator des Marathons, John Semple, nachdem er sie unter den Läufern entdeckt hatte, versucht, ihr die Startnummer abzureissen und sie aus dem Rennen zu drängen. Kathrine Switzers damaliger Partner, der neben ihr lief, schubst Semple rabiat zur Seite und ermöglicht es seiner Freundin so, den Lauf zu beenden. Erst fünf Jahre später, 1972, wurden das erste Mal Frauen zum Boston Marathon zugelassen. Offiziell begründet wurde der Ausschluss von Frauen, nicht nur aus Marathonläufen, sondern bei vielen sportlichen Aktivitäten, vorwiegend durch eine angebliche biologische Unfähigkeit des weiblichen Körpers zu hoher sportlicher Leistung. So galt es lange als schädlich für die weibliche Gesundheit und vor allem auch Fruchtbarkeit, sich sportlich zu verausgaben.
Heute laufen Frauen selbstverständlich Marathon und sind auch in vormaligen Männerdomänen des Sports, wie dem Fussball oder dem Boxen, sichtbar. Sport zu treiben ist für Frauen heute Alltag und Teil einer gesunden und freudvollen Lebensführung. Nichtsdestotrotz bleibt Sport ein Feld, in welchem Geschlecht immer wieder relevant ist bzw. relevant gemacht wird. Dabei geht es auch heute noch um Stereotype körperlicher Unterlegenheit von Frauen, aber auch alte und neue Körper- und Schönheitsideale, vergeschlechtlichte Machtstrukturen und nicht zuletzt auch um die emanzipa- tiven Möglichkeiten, die der Sport bietet.
Körperliches Geschlecht im Sport
Geschlechtertheoretisch wird zwischen dem sozialen und körperlichen Geschlecht unterschieden. Die sozialen Aspekte von Geschlecht, also geschlechtlich konnotierte und verteilte Eigenschaften, Rollenbilder und Verhaltensweisen – von der Kleider- bis zur Berufswahl – werden aus dem Englischen entlehnt oft als gender bezeichnet; die körperlichen Aspekte – Genitalien, Hormonhaushalte und zugrundliegende Chromosomensätze – als sex. Da im Sport Körper und ihre Kompetenzen im Zentrum stehen, be- kommt auch das körperliche Geschlecht eine zentrale Rolle. So werden Frauen zwar nicht mehr aufgrund angeblicher biologischer Einschränkungen vom Sport abgehalten, doch wird es generell als legitim und richtig erachtet, dass in den meisten Sportarten Wettbewerbe und zum Teil auch der Trainingsbetrieb zwischen Männern und Frauen aufgeteilt werden und nur Männer mit Männern und Frauen mit Frauen verglichen werden.
Wann ist eine Frau eine Frau?
Als zentral wird hierbei das Hormon Testosteron erachtet. Es gilt als «Männlichkeitshormon» und als Grund für eine allgemeine sportliche Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen. Auf dieser Annahme basieren auch Geschlechtertests, welchen sich Menschen unterziehen müssen, die als Frauen am Wettkampfsport teilnehmen möchten und deren Frausein aufgrund ihres äusseren Erscheinungsbildes und / oder ihrer sportlichen Leistung in Frage gestellt wird. Der aktuell wohl bekannteste Fall ist jener der südafrikanischen Läuferin Caster Semenya, aber historisch wie aktuell gab und gibt es immer wieder Fälle, in denen das Geschlecht besonders erfolgreicher Sportlerinnen in Frage gestellt wurde. Die Teilnahme an Frauenwettkämpfen wurde Semenya nur unter der Auflage erlaubt, mittels Medikation ihren Testosteronspiegel künstlich zu senken. Diese Fokussierung auf Testosteron begründet auch spezifische Beschränkungen der Wettkampfteilnahme für transgeschlechtliche Frauen: Sie dürfen nur am Frauenwettkampf partizipieren, wenn bestimmte Kriterien erfüllt werden und ihr Testosteronspiegel während einer bestimmten Zeit unterhalb der willkürlich gesetzten Normgrenze liegt.
Sport als Doing Sex
Dabei wird ein recht einfaches Bild körperlicher sportlicher Leistungsfähigkeit entworfen, welches sämtliche anderen Faktoren, die die sportliche Performanz beeinflussen, als akzeptabel betrachtet, nicht aber einen bestimmten Testosteronwert. So gelten die besonders langen Beine eines Usain Bolt, die 2,13 m Körpergrösse des Basketballers Dirk Nowitzki oder das spezifische Verhältnis von Unter- und Oberkörper des Schwimmers Michael Phelps als Glück, ein ungewöhnlich hohes Level an Testosteron (welches allerdings unter dem Normwert von Männern liegt) bei Caster Semenya als disqualifizierender Wettbewerbsvorteil. Die Fokussierung auf Testosteron unter Akzeptanz vieler anderer leistungsbeeinflussender Unterschiede auch innerhalb der Geschlechtergruppen lässt die Deutung zu, dass es hier nur vordergründig um die Gewährung von Wettbewerbsfairness geht und dahinter die Verteidigung einer Geschlechterordnung liegt, die auf einer klaren Binarität biologischer Körper und der Annahme einer Unterlegenheit von Frauen basiert. In diesem Sinne wird die körperliche Unvergleichbarkeit von Männern und Frauen hier aktiv sozial hergestellt, im Sinne eines Doing sex, und ist mitnichten natürlich-biologisch aufgrund des Geschlechts gegeben.
Doing Gender im Sport
Bekannter als das eben beschriebene Doing sex ist der Mechanismus des Doing gender, also des aktiven sozialen Herstellens scheinbar naturgegebener unterschiedlicher Geschlechtscharaktere und geschlechtlicher Rollenverteilungen. Iris Marion Young beschreibt in ihrem berühmten Essay «Werfen wie ein Mädchen» von 1993, wie eine klassisch weibliche Sozialisation das eigene Körperbild und Körperverhalten beeinflusst. Sie beruft sich auf Studien, die ausgehend von Befunden über unterschiedliche Weitwurfleistungen bei fünfjährigen Jungen und Mädchen eine grundlegende sportlich-körperliche Unterlegenheit des weiblichen Körpers attestieren. Entgegen dieser Deutungen führt Young die ineffiziente Art, mit der Mädchen ihren Körper beim Weitwurf einsetzen, darauf zurück, dass Mädchen von Beginn ihres Daseins an anders behandelt werden als Jungen. Mädchen werden zu einem Körperbild erzogen, welches den eigenen Körper als fragil und gefährdet, als schwach und inkompetent fasst. Während Jungen ermutigt werden, sich raumgreifend und risikobereit zu bewegen, lernen Mädchen früh, dass sie und ihr Körper vor- rangig nach ästhetischen Kriterien beurteilt werden und es als positiv für sie gilt, zurückhaltend und vorsichtig zu sein. Diese geschlechtsspezifische körperbezogene Sozialisation ist es, die laut Young die athletische Minderbefähigung von Mädchen gegenüber Jungen schon von frühen Jahren an be- gründet. «Frauen sind in der sexistischen Gesellschaft körperlich behindert,» schlussfolgert sie provokativ.
«Frauensport» und «Männersport»
Auch wenn Youngs Text nicht mehr der Jüngste ist und sich einiges seit seiner Entstehung geändert hat, wirken im Sport auch heute geschlechtliche Stereotype und werden immer wieder reproduziert. So gelten bis heute viele Sportarten als klar geschlechtlich konnotiert: Frauen tanzen Ballett, machen Gymnastik oder gehen zum Aerobic, Männer spielen Fussball oder schlagen sich im Ring. Die Werte, an denen sich weiblich bzw. männlich konnotierte Sportarten ausrichten, orientieren sich weiterhin an klassischen Stereotypen. «Weibliche» Sportarten sind ästhetisch orientiert, «männliche» sind konkurrenzorientiert und risikobehaftet. Die Wahl einer Sportart wird dadurch immer auch durch geschlechtliche Stereotypen mit beeinflusst. Ein Mann, der ein Ballettstudio besuchen will, oder eine Frau, die in einen Boxverein eintritt, muss sich jeweils mit geschlechtsgebundenen inneren und äusseren Widerständen auseinandersetzen.
Medienberichterstattung
Dazu trägt nicht zuletzt auch die Präsentation von Sport in den Medien bei. Auch heute noch finden sich starke Ungleichgewichtungen in der Sportberichterstattung über Männer und Frauen. Zudem wird über männliche und weibliche Sportler_Innen auch inhaltlich unterschiedlich berichtet. So spielt die eigentliche sportliche Leistung bei Frauen seltener eine Rolle, vielmehr werden Sportlerinnen öfter auf verniedlichende und abwertende Weise beschrieben, z.B. als «hübsch», während sie «hopsen». Auch wird von Sportlerinnen häufiger sexualisierendes Bildmaterial verwendet, wenngleich diese Tendenzen rückläufig sind. In der Berichterstattung werden dennoch Stereotype und Ungleichwertigkeiten reproduziert. Das erschwert es Kindern weiterhin, sich weibliche sportliche Vorbilder zu suchen, was wiederum auch das Selbst- und Geschlechterbild in Bezug auf Sportlichkeit beeinflusst.
Machtstrukturen im Sport
Die Berichterstattung hängt natürlich auch mit unterschiedlichen Sponsorenlagen für Männer- bzw. Frauensport und damit mit dem Einkommen der Sportler_Innen im professionellen Sport zusammen, welches von einem starken gender pay gap gekennzeichnet ist, also einer mit dem Geschlecht korrelierenden, schlechteren Bezahlung für Frauen als für Männer. Zudem bekleiden Frauen im professionellen wie auch im Breitensport deutlich weniger Führungs- und Entscheidungspositionen. Von der Trainer_Innenposition über den Vereinsvorsitz bis zur Geschäftsführung eines Sportverbandes, die meisten Machtpositionen im Sport sind auch heute noch in Männerhand. Kathrine Switzer war letztlich auch auf die Unterstützung ihres männlichen Partners angewiesen, um sich gegen einen männlichen Lauf-Veranstalter und dessen gewaltvolles Verhalten durchzusetzen. Tatsächlich ist Sport ein Feld, in welchem es häufig zu Gewalt und Machtmissbrauch, auch sexualisierter Art, kommt, was durch stark männlich dominierte Strukturen verstärkt wird.
Struktureller Ausschluss durch Bekleidungsvorschriften
Eine spezifische Diskriminierung erleben Frauen, die einen Hijab tragen, in vielen Sportarten im Wettkampfbetrieb. Einerseits haben zwar führende Sportartikelhersteller inzwischen einen neuen Absatzmarkt entdeckt und produzieren seit einigen Jahren spezielle Sport-Hijabs, gleichzeitig aber verbieten viele Wettkampfbekleidungsvorschriften eine Kopfbedeckung. 2016 wurde bei den Olympischen Spielen im Beachvolleyball deutlich, wie sehr Frauenkörper im Sport, auch anhand von Bekleidungsvorschriften reguliert werden. Zwar war seit 2012 die sexistische Bikini-Pflicht, die Frauen ein extrem knappes Outfit bei Wettkämpfen vorschrieb, gelockert worden – Frauen durften nun mehr als nur sehr knappe Bikinihöschen und Bustiers tragen –, doch brauchte die ägyptische Spielerin Doaa Elghobashy eine Sondergenehmigung, um einen Hijab tragen zu dürfen. Populär ist auch die junge Berliner Boxerin Zeina Nassar, die sich derzeit um eine Olympia-Qualifikation bemüht und als Frau mit Kopftuch in einem auch heute noch stark männlich konnotierten Sport viele Vorurteile aufbricht und jungen Frauen ein Vorbild ist. Auch sie musste erst eine Änderung der Wettkampfbestimmungen im Boxverband erstreiten, ehe sie zum ersten Mal in den Ring steigen konnte.
Auf Bäume klettern ist politisch
Nicht unerwähnt bleiben soll schliesslich die Feministische Sport- und Bewegungskultur, die sich ab den späten 1970er Jahren aus der FrauenLesben-Bewegung in Westdeutschland entwickelte. Diese suchte explizit mit feministischem Ansatz nach Wegen, Sport jenseits patriarchaler Strukturen zu treiben und Sport als Mittel der Frauenemanzipation zu nutzen. So entwickelten sich sowohl feministische Selbstverteidigungstrainings (sowie die eigens von und für Frauen konzipierte Selbstverteidigungs-/Kampfsportart Wendo) als auch feministische FrauenLesben-Sportgruppen, welche z.T. aus Mangel an Turnhallen in öffentlichen Räumen wie Parks trainierten und nicht zuletzt auch gemeinsam auf Bäume kletterten, um damit ansozialisierte Bewegungsängste zu überwinden. Wichtig war diesen Frauen, sich als Alternative zum leistungs- und wettkampforientierten organisierten Sport zu verstehen und explizit auf hierarchische und leistungsbasierte Strukturen zu verzichten, also auch übliche Rollen von Trainer_In und Trainierenden, die Bestenauswahl in Teams und ähnliches zu hinterfragen.
Feministischer Sport heute
Im Laufe der Zeit professionalisierte sich die feministische Sportkultur. Heute ist sie in eingetragenen Vereinen organisiert und damit Teil offizieller Sportverbandsstrukturen. Lizensierte Trainer_Innen leiten Trainings an, z.T. arbeiten im Vereinsbüro bezahlte Kräfte. Beispielsweise hat sich «Seitenwechsel e.V.» aus Berlin in den 1980er Jahren aus der FrauenLesben-Bewegung heraus gegründet und ist heute mit über 1000 Mitgliedern Europas grösster FLINTA*- Sportverein. Damit ist auch eine weitere Veränderung in der feministischen Sportkultur angesprochen: Während die ersten feministischen Sportgruppen unter dem Credo «Von Frauen für Frauen» trainierten, sind heutige feministische Sportangebote häufig für FLINTA*-Personen, richten sich also auch an trans* und inter*geschlechtliche Menschen (FLINTA* = FrauenLesben-Trans-Inter-Nicht- binäre* und ageschlechtliche* Menschen).
Stark ist das neue Schlank
Sportlichkeit hat heutzutage geschlechterübergreifend einen hohen Stellenwert. Auch Frauen treiben oft bis ins hohe Alter regelmässig Sport. Körper- und Schönheitsideale haben sich in den letzten Jahrzehnten stark in Richtung Sportlichkeit gewandelt. Auch für Frauen ist Sportlichkeit und eine gewisse Muskulosität inzwischen ein Ideal, welches oft unter Slogans wie «strong is the new skinny», «strong is the new pretty» oder «Muskeln sind die neuen Kurven» vertreten wird. Viele Fitness-Influencerinnen, Sportartikelhersteller und Fitnessstudios richten sich gezielt an Frauen als Zielgruppe. Das kann einerseits als Ausdruck einer neuen starken und selbstbewussten Frauenrolle in der Gesellschaft gesehen werden, aber auch als ein neues Körperideal, das den Druck erhöht, nicht nur schlank, sondern auch noch muskulös auszusehen, dabei gleichzeitig aber nicht «männlich». Als solches wird die neue weibliche Sportlichkeit als Ideal auch von feministischer Seite schon seit Längerem kritisiert.
Ausblicke
Eine Herausforderung im Sport stellt weiterhin die Inklusion queerer Menschen dar. Sport basiert trotz vielfacher Erkenntnisse über die Komplexität von Geschlecht fast vollständig auf einem binären Geschlechtermodell und diskriminiert damit Menschen, die dem nicht entsprechen, sei es auf körperlicher oder sozialer Ebene. Gleichzeitig bietet Sport, z.B. in Form explizit queerer und feministischer Sportvereine einen Raum, in welchem Frauen und queere Menschen einander begegnen sowie Selbstbewusstsein und Sichtbarkeit erlangen können. So streiten trans* und inter*geschlechtliche Menschen heute öffentlich für eine Teilnahme am Sport. Damit zeigt sich, dass Sport ein Raum ist, in welchem einerseits weiterhin patriarchale und sexistische Strukturen vorherrschend sind und auch stets reproduziert werden. Ebenso werden aber andererseits im Sport auch Geschlechterrollen und sexistische Stereotype aufgebrochen und für die Gleichberechtigung aller Frauen und aller Geschlechter gekämpft.
Autor:innen
Text: Corinna Schmechel
Corinna Schmechel ist Akademische Rätin in der Geschlechterforschung an der Universität Göttingen, wo sie im Wintersemester 23/24 die Professur für Sport- und Gesundheitssoziologie vertrat, und ehrenamtliche Boxtrainerin.
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