Die Christkatholikin Anny Peter ist religiöse Sozialistin der ersten Stunde, kommt aber in der Geschichtsschreibung des Religiösen Sozialismus kaum vor. Die reformierte Pfarrerin Aline Berger hat nun über dieses wenig erforschte, spannende Leben eine Masterarbeit geschrieben und diese 2023 im Theologischen Verlag Zürich publiziert. In einfachen Verhältnissen in Olten aufgewachsen und früh Halbwaise geworden, erkämpfte sich Anny Peter eine aussergewöhnlich hohe Bildung, zunächst als Erzieherin, später als Primarlehrerin, bis hin zum Universitätsstudium, das sie zur Bezirksschullehrerin qualifizierte. Nach mehreren Berufsjahren als Lehrerin in Schönenwerd kam die bereits verbandspolitisch engagierte und durch den Ersten Weltkrieg pazifistisch eingestellte Anny Peter 1919 für einen Studienurlaub nach Zürich, wo sie wohl mit Leonhard und Clara Ragaz in Kontakt kam und ab 1920 an den Kursen an der Gartenhofstrasse 7, dem «Zentrum» des Religiösen Sozialismus, beteiligt war. Anny Peter war mit zahlreichen Vorträgen rund um das Frauenstimmrecht und die Rolle von Frauen für den Aufbau einer «Neuen Welt», die gerechter und «edler» gestaltet sein soll, in der Öffentlichkeit präsent. Diese Vorträge machen einen Schwerpunkt im Buch aus: Aline Berger analysiert sie ausführlich und bezieht sie auf die Gegenwart. In Anny Peters Vorträgen wird deren Verortung im Religiösen Sozialismus besonders deutlich: «Der Neubau der Welt oder auch die Neue Welt ist für Anny Peter das biblische Reich Gottes, an dessen diesseitiger Verwirklichung auf Erden sie als fromme Christin arbeitet, und gleichermassen die gerechte, solidarische Weltordnung, für die sie als religiöse Sozialistin kämpft.» (S. 185) Einige Vorträge von Anny Peter – und das ist besonders schön und hilfreich – lassen sich direkt im Buch nachlesen und geben einen Eindruck von ihrem Denken und Wirken. Mit dieser Publikation ist ein wesentlicher Teil des Beziehungsnetzes des Religiösen Sozialismus zugänglich gemacht worden: eine eindrückliche Frauenbiografie, endlich eingeordnet in die Bewegungsgeschichte.