Rezension

Unheimlich - Der Einzug der Menstruation in die Literatur.

Anthologie zum Kurzgeschichten-Wettbewerb «Menstruation» von rouge-welt.ch, Quittenduft Verlag, 2023, 160 S.
von Tania Oldenhage / 26.05.2025

Selbst die eifrigsten Leseratten können durchs Leben gehen, ohne dem Thema Menstruation in der Belletristik je zu begegnen. Romanheldinnen tun alles Mögliche: Sie haben Sex, gebären, werden krank, sterben. Monatlich zu bluten scheinen sie nicht. Das literarische Schweigen rund um die Menstruation steht im Widerspruch zu den vielschichtigen Bedeutungen, die das Monatsblut im Leben von Mädchen und Frauen haben kann. Der vom Kollektiv «Rouge» herausgegebene Band mit dem Titel «Unheimlich» will das Schweigen brechen. Die hier versammelten Kurzgeschichten entstanden dank eines öffentlich ausgeschriebenen Schreibwettbewerbs im Jahr 2022 und sind so divers wie die Menstruation selbst. Wie entsorgt frau den sorgsam in Papier gewickelten Tampon, den sie mitten in der freien Natur wechseln musste? Was macht ein erfinderischer Mann in Indien, dessen Frau sich keine Hygieneprodukte leisten kann? Die Menstruation ist eingebunden in Kriminalfälle, Liebesgeschichten und Science-Fiction-Stories. Frauen bluten während Hausbesichtigungen, während einer Jagd oder auch während dem Deutsch-Basiskurs für Mütter. Ein Motiv jedoch taucht in mehreren Geschichten auf, und zwar die diskrete Geste, mit der eine Frau der anderen einen Tampon weiterreicht, so, dass es niemand sieht. Es bleibt zu hoffen, dass der Untertitel des Bandes tatsächlich eine Zukunftsansage ist: Die Menstruation sollte endlich in die deutschsprachige Literatur einziehen. Denn solange die Literatur so tut, als gäbe es die Menstruation nicht, wird die Scham rund um dieses Thema von Generation zu Generation weitertransportiert.

Siehe zum gleichen Thema auch der Podcast von Philine Oldenhage: «Ein dunkel glänzender Fleck war da. Ich wusste sofort, was das ist.» Hier anhören.

aus 2025/1 «wach»