Buchtipp

Katharina von Zimmern

Flüchtlingskind, Äbtissin, Bürgerin von Zürich
Publiziert 31.10.2024

«Darf eine Chorfrau des Fraumünsters nachts um 10 Uhr noch allein über die Münsterbrücke gehen? Hensli Bader meinte Nein, und als er der Fraumünster-Chorfrau Barbara von Sargans zu so später Stunde begegnete, fühlte er sich berechtigt, sie zu bedrängen. […]  Im Gerichtsprotokoll beschreibt er nachträglich im Detail, wie er die Frau blutig geschlagen und vergewaltigt habe.»

Das Protokoll, von dem hier die Rede ist, stammt aus dem Jahr 1518 und ist nur eines der zahlreichen Dokumente, die Irene Gysel in Archiven gefunden und studiert hat. Dabei kamen zum Glück nicht nur solch schreckliche Episoden ans Tageslicht wie diejenige von Hensli Bader, der übrigens vom Rat als schuldig befunden und aus Zürich verbannt wurde. 

Irene Gysel hat akribisch alte Urkunden, Briefe und Rechnungsbücher durchforstet, um daraus Zeit und Leben der Katharina von Zimmern nachzuzeichnen, die als letzte Zürcher Äbtissin in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Dabei ist es ihr gelungen, ihr enormes Wissen so anschaulich in Szene zu setzen, dass sich ihr Buch fast wie ein Roman liest, ohne jedoch ins Fabulieren zu verfallen. 

Irene Gysels Spurensuche führt zurück zu Katharinas Herkunftsfamilie und Kindheit und reicht bis zur Grabplatte ihres Enkelsohns, die sich in der Heidelberger Peterskirche befindet. Zusätzlich erzählt Gysel vom Leben um Katharina herum: sowohl vom Alltag im vorreformatorischen Zürich mit seinen vielen Klöstern als auch von der politischen Grosswetterlage im süddeutschen und helvetischen Raum, die für jenen Mann von Bedeutung war, den Katharina nach ihrem Austritt heiratete und der wahrscheinlich auch der Vater ihres Kindes war, das sie noch als Äbtissin im Verborgenen geboren haben soll. 

Es ist eindrücklich, wie beim Lesen ein lebendiges Epochenbild entsteht. Wer bei den Worten «Recherche», «Akribie» und «Archivarbeit» an Langeweile und Staub denkt, staunt bald einmal, was Listen von Losverkäufen, sogenannte «Glückshafenrodel», aus dem Jahr 1504 zu erzählen haben, und was dies wiederum mit der damaligen Äbtissin des Fraumünsters zu tun haben könnte. Ein wirklich lesenswertes Buch.

Christine Stark

aus 2024/3 «Kloster»