Inhaltsübersicht
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Regula StrobelKünstlerinnen des Überlebens – um welchen Preis?
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Cornelia Jacomet Kreienbühl«Es ist dieser Zorn, der in einem erwacht, schon wenn man ein Kind ist.» (Nomzamo [Winnie] Mandela)
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Birgit KellerAudre Lordes Kampf um Überleben und Selbstbestimmung
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Dragica Turkalj-LončarWiderstand als Treue zu sich selbst
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N.N.Vom Preis des Widerstands
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Lisa SchmuckliWiderstand: So-tun-als-ob
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Carmen JudFrauenkirche in der Spannung zwischen Integration und Exodus
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Ute Kessel, Ursula Regli, Regula StrobelGemeinschaften des Widerstandes und der Solidarität
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Doris Strahm, Silvia Strahm BernetInspirationen
Editorial
«Fürchtet Euch nicht, der Widerstand wächst!» Dieser Zuspruch von Dorothee Sölle hat mich jahrelang getröstet. Aber irgendwie klingt er mir heute leicht falsch in den Ohren, obwohl ich immer noch glaube, dass der Widerstand wächst – angesichts der wachsenden Bedrohung muss er das ja wohl. Und dennoch fürchte ich mich. Denn vieles andere wächst mit ihm. Vor einigen Wochen hat ein um 1968 herum in Zürich als FdP-Stadtrat amtierender Theologe in der Weltwoche ein Jubiläums-Fazit der 68er Bewegung gezogen – ernüchternd und irgendwie verletzend, obwohl mich die Aussagen eines Vertreters des Establishments über eine Bewegung, zu deren fruchtbarster Zeit politisches Denken für mich noch ein Fremdwort war, eigentlich nicht so tief treffen müssten. Zwei Wirkungen habe die 68er Bewegung gehabt: Erste und verdienstvollste: Die gesellschaftliche Toleranz für verschiedenste von der Norm abweichende Lebensformen habe sich vergrössert, bzw. die Verhaltensnormen hätten sich erweitert. Zweite und letztlich kontraproduktive Wirkung: Die internationale Rechte habe sich im Widerstand gegen die Kritik der neuen Marxisten und linken Alternativen und in der Abwehr des linken Terrorismus konsolidiert. Und die tägliche Erfahrung gibt diesem sich in seiner Rechtschaffenheit sonnenden Liberalen ja irgendwie recht. Das Gewaltmonopol des Staates feiert nicht nur in fernen Diktaturen, sondern auch in sog. aufgeklärten westlichen Demokratien (Jugendbewegung, Tschernobyl-Demo, Zaffaraya, Stadtgärtnerei, Drogenpolitik) ungemütliche Urstände.
Fürchtet Euch, der Widerstand gegen den Widerstand wächst. Ich kann mich nicht mehr so ohne weiteres stark und «geborgen» fühlen in der «Internationale» derjenigen, die weltweit Widerstand leisten gegen Ungerechtigkeit, Herrschaft und Ausbeutung. Die Hoffnung, unser wachsender Widerstand vermöchte die gesellschaftlichen Zustände – dazu gehört ja zentral unsere eigene und die Situation der Frauen weltweit – zu verändern, ist mir zur Ungewissheit geworden. Erfolge haben sich trotz allem Engagement nicht eingestellt, und viele im Widerstand bewegen sich am Rande der Resignation.
Zwischen Wut und Trauer, Verzweiflung und Hoffnung liegt nur die eigene dünne und durchlässige Haut. Wenn mir die Tränen (Wut oder Verzweiflung?) zuvorderst sind, hilft manchmal nichts, aber manchmal doch. Manchmal finde ich so etwas wie Trost in der Erfahrung, nicht allein zu sein, und im Wissen, dass viele sich nicht abfinden mit der Reduktion von persönlichen und politischen Beziehungen auf pure Macht und Gewinnmaximierung. Manchmal finde ich Kraft, wenn ich lese und höre, wo und wie andere kämpfen, aber auch welchen Preis sie dafür zahlen. Ich brauche es mir immer wieder sagen zu lassen, dass es nicht in erster Linie um einzelne greifbare Erfolge geht, sondern darum, dass die eigene Würde leidet, wenn ich meine Stimme – und sei sie noch so leise – nicht erhebe, wenn die Würde anderer angetastet wird. Und was heisst schon Erfolg! Weiss ich/wissen wir, wo wir stünden ohne die jahrelange zähe Arbeit so vieler? Ja, ich erfahre täglich, dass das Patriarchat seine Macht mobilisiert, aber es gibt die Frauenbewegung, Frauenprojekt, Hilfe und Beratung für Frauen, unsere Räume, wo wir Kraft schöpfen, unsere Utopien und Analysen weiterentwickeln. Zugegeben, das ist noch längst nicht die Welt, die wir uns wünschen, aber zumindest ist die Selbstverständlichkeit des alltäglichen Patriarchats in Frage gestellt, sind andere Wege, andere Möglichkeiten von Frauenleben markiert.
Manchmal kommt es mir vor, ich sei bescheiden geworden. Dann lese ich bei Audre Lorde: «Ich brauche keine Siege, um zu wissen, dass meine Träume sinnvoll sind – ich brauche nur an einen Prozess zu glauben, dessen Teil ich bin”, und erkenne, dass es nicht Bescheidung sein muss, das Siegen anderen zu überlassen, sondern etwas zu tun hat mit dem Glauben, dass der Weg zur Realisierung unserer Träume mehr Sorgfalt und Vielfalt erfordert, als Kategorien wie Erfolg und Sieg enthalten können. Dass die Zeit reicht, um diesen Weg zu gehen, ist zweifelhaft. Aber mit dieser Angst müssen wir wohl leben, sie miteinander teilen, wie wir Lust, Energie und Erkenntnisse teilen und dadurch stärker werden.
Carmen Jud