Das Gedicht von Rose Ausländer hat mir vor einigen Jahren eine Freundin geschenkt und es begleitet mich seither. Wenn ich also über Pause schreibe, will ich damit beginnen. Die Pause braucht mich. Das ist logisch, denn wenn ich keine Pause mache, gibt es sie nicht. Ihre Existenz hängt von mir ab. Die Pause braucht mich, um sich zu sammeln. Verstohlen hol ich aus ihrer entzündlichen Stille den Funken. Rose Ausländer Eine auferlegte Pause, weil unerwarteter Besuch kommt, der Computer nicht funktioniert oder ich krank werde, ist eine ganz andere Art von Unterbrechung. Meine selbst gewählte, selbst gesetzte und gestaltete Pause, diese ist die gemeinte, die mich braucht, um sich überhaupt aus den Fugen meiner Geschäftigkeit heraus sammeln zu können.
Pause machen
Beim Musizieren ist die Pause auch wichtig: Es braucht sie, damit die Töne klingen können, damit ein Rhythmus entsteht, 10 damit die Musik zu uns dringen, damit sie klingen und sein kann. Musik ohne Pause empfinden wir als (vielleicht) störenden Ton, nicht als Musik. Oft denke ich, ohne Pause klingt mein Leben nicht, klinge ich nicht, bin ich nicht, entfalte mich nicht, bin ich nur ein störendes, zerknittertes Etwas weit entfernt von der Fülle meines Lebens und meines Liebens. Ja, das Pause Machen hat etwas mit dem Lieben zu tun, weil sich die Pause aus dem Tun, der Leistung, dem ständigen Zwang, etwas zu produzieren, heraushält und verweigert. Pause machen verweigert sich der Angst, nicht zu genügen, immer leisten zu müssen.
Die Pause ruft
Ihre Stille ist ausserdem entzündlich. Wie viel Entzündliches, Heikles, Verletztes, Störendes, Unterbrechendes, Irritierendes und wie viel Schönes, Eröffnendes funkt aus so einer Pause! Deshalb braucht es auch ein wenig Mut, Pause zu machen, besonders dann, wenn man schon lange keine gemacht hat und kein Gefühl mehr dafür aufbringen kann, was in meiner Stille entzündlich ist. Die Pause braucht mich und ich brauche sie, um aus den Zwängen und Pflichten auszubrechen, mir und der Fülle all dessen, was ich neben dem Funktionieren auch noch sein kann, Zeit und Raum zu geben. Genau deshalb ist mir die Pause auch aus feministischer Sicht in unserer Leistungs- und Überflussgesellschaft ganz wichtig.
Sabbatjahr
Sabbatjahre sind im Kommen – zumindest bei Menschen meines Alters! Immer mehr Menschen sehnen sich danach, ein Jahr Pause einzulegen, um innezuhalten, zu reisen, sich auf Wesentliches zu konzentrieren, eben Pausenleben zu leben. Die israelitischen Rechtsverordnungeninstitutionalisierten dies bereits, wussten also um die physische, psychische, aber auch soziale Lebensnotwendigkeit der Pause.
Das Sabbatjahr ist ein Jahr der Brache und der Freilassung und entspricht dem Siebnerrhythmus des israelitischen Zeitlaufs. Wir kennen den siebten Tag der Woche als Ruhetag, den bereits Gott nach sechs Tagen der Schöpfung gehalten hat. Darüber hinaus gibt es auch «Ruhejahre», die aber in der Hebräischen Bibel unterschiedlich belegt sind: In der bäuerlichen SelbsterhalterInnengesellschaft war es zunächst ein Jahr, in dem die Felder, Weinberge und Olivenbäume brach liegen sollten (Exodus 23). In dieser Zeit gehören die Früchte der Felder, Weinberge und Olivenbäume den Armen und den wilden Tieren (Exodus 23,11). Es geht um eine Profitpause, die auch zugunsten der Armen geschehen soll.
(Schulden-)Frei
Später entwickelte sich die Idee zu einem Jahr des Schuldenerlasses (Deuteronomium 15,1-11.12-18) und der Freilassung von Sklaven und Sklavinnen in jedem siebten Jahr. Man soll einfach loslassen, was man ausgeliehen hat, auch wenn man es nicht zurückbekommen hat. Dahinter steht der wunderbare, idealistische Grund, dass es keine Armen im Land geben soll (Deuteronomium 15,4)! – Zugleich ist man sich aber bewusst, dass es Armut gibt und Menschen deshalb wegen Verschuldung versklavt werden. Sie sollen nach sechs Jahren freigelassen werden und man soll ihnen reichlich Schafe, Ziegen, Getreide und Most mitgeben, damit sie wie der eine Basis zum Leben haben. Man soll für sie sorgen und dabei daran denken, dass es in Israel nie wieder so werden darf wie im SklavInnenhaus Ägypten. Der zentrale Gedanke dahinter ist nicht nur die Vermeidung der Armut, sondern dass es genug für alle geben wird, weil Gott segnet. Dieses Vertrauen, dass Gott alle segnet, wird viermal betont in Deuteronomium 15 und ist die innere Haltung in diesem Gesetz: Geben, Borgen, Loslassen und Freilassen funktioniert nur im Vertrauen darauf, dass für alle genug da ist.
Das Jobeljahr
Das Jobeljahr in Levitikus 25 spannt nun beides im 49. Jahr zusammen: Das Land liegt brach, Schulden werden erlassen, versklavte Menschen freigelassen und zusätzlich sollen gekaufte Grundstücke zurückgegeben werden, damit der ursprüngliche Besitzstand wieder hergestellt und die Verfügungsgewalt der Reichen beendet oder zumindest begrenzt werde. («Jobel» ist hebräisch und heisst «Widderhorn». Es ist das Instrument, das man blies, um das Jobeljahr einzuleiten, einzublasen. Die viel spätere lateinische Übersetzung lautet iubilaeus, das an das deutsche Wort «jubeln» erinnert, woraus dann das Jubiläum, eine immer wiederkehrende Zeit oder ein Fest, entstanden ist.) Der Grund dafür ist, dass das Land Gott gehört, nicht den Menschen. Landbesitz ist immer nur Lehen, es ist immer Gott, die es verteilt. In unserer Welt ist diese Vorstellung von Besitz kaum nachvollziehbar, weil wir davon ausgehen, dass uns gehört, was wir «erwirtschaftet» haben. Da das Land Israel auf alle Stämme verteilt worden war, wird nach 49 Jahren dafür gesorgt, dass alle wieder ihr Land und damit eine Existenzgrundlage haben. Diese Wiederherstellung gerechter Verhältnisse unterbricht die Dynamik sozialer und wirtschaftlicher Elitebildung und Verarmung. Wenn nun im siebten Jahr keine Ernte eingeholt werden soll, wie kann man dann ein ganzes Volk ein Jahr lang ernähren? Levitikus 25,21 gibt darauf eine idealisierende, theologische Antwort: Gott wird immer im sechsten Jahr so viel Ernte geben, dass es für das siebte Jahr und auch für das achte reicht, weil in diesem Jahr erst wieder gesät wird. (Vgl. Rainer Kessler, Erlassjahr, www.wibilex.de.) Soweit die Theorie …
Theologische Weltferne, Naivität und Narrentum
Gibt es zu dieser Theorie aber auch eine Praxis, etwas heute Lebbares? Umfassende Erlassjahre waren nicht einfach israelitische Ideologie, es gab Vergleichbares in Mesopotamien. Auch scheint die römische Steuergesetzgebung auf das Brachjahr Rücksicht genommen zu haben. (Vgl. Josephus Flavius, Antiquitates Judaicae XIV, 10,6, vgl. Kessler, ebd.) Im Ersten Makkabäerbuch wird ausserdem berichtet, dass die belagerte Stadt Bet-Zur den Widerstand gegen Herodes aufgeben musste wegen Lebensmittelmangels aufgrund des Sabbatjahres (1 Makkabäer 6,49.53). In der Neukonstituierung der Gemeinde in Jerusalem nach dem Babylonischen Exil war das Brachjahr ebenfalls unbedingt einzuhalten (Nehemia 10,32). Da das Gesetz wahrscheinlich erst nach dem Exil formuliert wurde, könnte es sogar sein, dass hier die Rückkehrerinnen und Rückkehrer der jüdischen Oberschicht ihren Landbesitz von der im Land verbliebenen ärmeren Bevölkerung zurückforderten. Was wirklich sozialgeschichtlich hinter diesen Gesetzen steht, ist nicht genau rekonstruierbar. Interessant bleibt aber die Frage nach der Theologie der Rückgabe, der Wiederherstellung von Besitzverhältnissen, die alle begünstigen, das Loslassen von Schuldansprüchen und das Vertrauen darauf, dass für alle genug da ist.
Spirituelle Haltung
Dahinter steht eine spirituelle Haltung gegen einen Sozial- oder Wirtschaftsdarwinismus, der Macht und Besitz in den Händen derer belässt, die Gewinn, Leistung und Profit bringen. Die «Jobelordnung» orientiert sich an einer Gerechtigkeit für alle. Begabungen einzelner Menschen bilden nicht Eliten, die sich selbst in die Tasche wirtschaften und ihre eigene Macht stärken, sondern die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Deshalb soll man ja auch freizügig geben, was man hat, weil man gesegnet ist und Gott sorgt, dass genug da ist. Es ist dies eine Haltung der gegenseitigen Sorge und Achtsamkeit, (Vgl. Leonardo Boff, Achtsamkeit. Von der Notwendigkeit, unsere Haltung zu ändern, München 2013) etwas, das nicht in die Ausbeutung und Profitorientierung unserer gegenwärtigen Wertvorstellungen passt, weil es nicht um den Mehrwert für Einzelne geht. So ist die «Jobelpause» eine Unterbrechung des profitorientierten Lebens, der Erstarkung der Starken und der Ermächtigung der Mächtigen. Die Brache stellt gleichwertige Chancen für alle her. So gesehen ist sie zutiefst feministisch, weil sie auf alle schaut, weil sie gleiche Möglichkeiten schafft, weil sie radikal gegen die herrschende Logik des Profits und der Leistung ein Loch in das System reisst.
Werkzeug der Gerechtigkeit
Die Jobeljahrpause ist ein Werkzeug der Gerechtigkeit. Sie ist eine Närrin des Systems, weil sie daran erinnert, wo die dunklen Seiten des Gewinns sind, wo die Verliererinnen und Verlierer kauern, und weil sie das Spiel der Besitzenden und Mächtigen unterbricht. Sie erinnert daran, dass der Profit nie für alle ist und deshalb unterbrochen werden muss, sie zeigt die Unordnung der Verarmung auf, die durch die Ordnung des Reichtums produziert wird. Sie ist die Närrin im Lauf der Zeit, die den Lauf des Gewohnten zum Stehen bringt. Sie ist die Närrin in jedem Leben, das sich der Leistung, dem Ergebnis und dem Fortschritt unterordnet. Die Jobeljahr pause braucht uns, denn aus ihrer entzündlichen Stille holen wir den Funken, um gegen Ausbeutung aller Art zu leben.