Februar 2015. Wir sind in den Skiferien und holen wie jeden Abend mit den Kindern Milch beim Bauern. Heute ist es endlich soweit: Die Kuh mit dem dicken Bauch hat am Nachmittag gekalbt! Da steht sie in der Reihe der anderen Kühe und mampft Heu, aus ihrem Hintern hängen blutige Schleimfäden. Wenige Meter davon entfernt liegt in einem separaten Bretterverschlag das neugeborene Kalb. Immer wieder versucht es vergeblich aufzustehen und saugt ungeschickt am Riesenschoppen, den ihm die Bäuerin hinhält. In ein paar Tagen, wenn es kräftig genug ist, kommt es dann zu den anderen Kälbern, erklärt sie uns.
Leibseligkeit
Nachts im Bett verfolgt mich das Bild des einsamen Kalbes und raubt mir den Schlaf: Niemand da, die es mit ihrem Körper wärmt und ihm zärtlich zuflüstert, wie schön es ist. Und die Kuh – wieviel ahnt sie vom Glück, dessen sie beraubt wird? Mitleid und Schuldbewusstsein überfluten mich. Ganz nahe ziehe ich meinen kleinen Moritz an mich, lausche auf seine Atemzüge und atme den Duft seines Köpfchens ein. Ein paar Tage später erzähle ich in geselliger Runde, wie mich die Kühe dauern: Ein ganzes Leben lang schwanger sein, gebären und Milch produzieren, die ganzen körperlichen Strapazen, ohne je das Glück des Kleinen an ihrer Seite zu spüren. Ich realisiere, wie merkwürdig ich rüberkomme: Niemand scheint meine Gedanken so richtig nachvollziehen, geschweige denn nachfühlen zu können. Gut möglich, dass ich an einer Überdosis Oxytocin (sog. «Kuschelhormon») leide. Ich bin in der Babypause, vor zwei Monaten ist unser drittes Kind zur Welt gekommen. Wie nie fühle ich mich als leibliches Wesen, tief verbunden mit allen anderen Säugetieren. Meine Babypause erlebe ich als wohltuende Pause von der Geistigkeit des Lebens und als Offenbarung seiner Leiblichkeit, weich und warm und triefend.
Erfüllung
Ebenfalls geniesse ich, dass sich die vielspurige Komplexität meines Lebens für ein paar Monate drastisch reduziert. Nie brauche ich mir so wenig Gedanken zu machen, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, könnte, möchte. Meine Aufgaben sind simpel und klar und decken locker 24 Stunden ab: Das Baby versorgen, daneben den Bedürfnissen seiner beiden Geschwister irgendwie Rechnung tragen und sicherstellen, dass der Haushalt einigermassen funktioniert – säugen und saugen halt. Keine Agenda voller beruflicher Termine. Keine wilden Pläne und brennenden Wünsche, ausser vielleicht demjenigen nach mehr als drei Stunden Schlaf am Stück. Mag sein, dass ich unter starkem Oxytocin-Einfluss stehe. Jedenfalls erlebe ich meine Babypause als erfüllte Zeit, in der Sinnfragen angenehm in den Hintergrund treten.
«Moments»
Drei Millionen Pfund hat das Entwicklungsprogramm für die englische Kekssorte Moments gekostet – das Guetzli ist weiblich rund, mit Schokolade überzogen und verwöhnt die Naschende mit Rosinenbröseln und Schokoladenstückchen. Entwickelt wurde es vom Design-Direktor der Firma United Biscuits für das Kundensegment von einkommensschwachen Müttern, die sich nach Mitgefühl, Zuneigung und «Zeit für sich selbst» sehnen. (Alain de Botton, Freuden und Mühen der Arbeit, Frankfurt a. M. 2012, S. 75ff.) Diese Geschichte aus Alain de Bottons «Freuden und Mühen der Arbeit» ist mir hängengeblieben. Während ihn die Frage umtreibt, ob man es als sinnvolle Tätigkeit erleben kann, in der Keksproduktion Karriere zu machen, haben mich die keksessenden Mütter empört und belustigt. Zeit für mich selbst? Wahrlich ein rares Gut in der Babypause, in der ich rund um die Uhr durch die Bedürfnisse meiner Familie in Anspruch genommen werde. Wie schön, wenn ich mir mit wenig Geld die Illusion erkaufen kann, es gäbe sie. Moments – der Name ist perfekt gewählt. Auch ich schätze mich zurzeit glücklich, wenn ich es an einem Tag schaffe, ungestört eine Tasse Kaffee zu trinken, ein Stück Schokolade zu knabbern und in der Zeitung zu blättern.
Kontrapunkt
Echte Pausen, die ihren Namen verdienen, schenkte mir mein Chor. Bachs Johannespassion zu singen, wollte ich auf keinen Fall verpassen und habe darum im Chor auf die übliche Babypause verzichtet. Intensiv wie selten habe ich mich auf dieses musikalische Werk eingelassen, es an langen Abenden mit unruhigem Säugling immer wieder angehört, mir anspruchsvolle Harmonien und widerständige Texte beharrlich angeeignet. Die Chorproben brachten mich körperlich an meine Grenzen und regenerierten mich geistig für die ganze Woche. Das Chorwochenende am Walensee, ersehnt und erbangt als die ersten zwei ganzen Tage ohne Baby, fand schliesslich ohne mich statt: Ich lag mit einer Brustentzündung im Spital, Moritz ganz nah bei mir, Kopfhörer mit Bachs Johannespassion in den Ohren.
Happy End?
Oktober 2015. Moritz krabbelt schon munter dem Ende seiner Babyzeit entgegen, und mich drängt es langsam aber sicher, einen Weg aus dem Ausnahmezustand der Baby pause zu finden und wieder Familien- und Berufsfrau zu sein. Das Happy End ist jedoch noch nicht in Sicht, weil ich auf der nicht ganz einfachen Suche nach einer neuen Stelle bin, Teilzeit «natürlich» … Vierzehn Wochen bezahlte Babypause werden uns Müttern in der Schweiz gesetzlich zugestanden. Fast alle verlängern sie um ein paar Monate unbezahlten Urlaubs, jede vierte Mutter mit Partner und jüngstem Kind unter sieben Jahren verzichtet ganz auf eine Erwerbstätigkeit. (www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/20/05/blank/key/ Vereinbarkeit/01.html) Wie lange kann soll darf muss will ich Babypause machen? lautet die Gretchenfrage, die jede von uns zu beantworten hat, immer haarscharf an der Skylla der Rabenmutter und der Charybdis des Karriereknicks vorbei. Es ist Zeit, dass sie zu einer Gretelfrage wird, die im gleichen Atemzug auch an Hänsel geht. Und es ist vor allem Zeit, dass unsere Gesellschaft ihren Hänseln und Greteln mehr als die Brotkrumen von vierzehn Wochen Mutterschaftsurlaub und einem freien Tag für den Vater gewährt. Wann endlich gibt es auch in der Schweiz eine bezahlte Elternzeit, die sich Väter und Mütter flexibel aufteilen dürfen, wie sie sich im übrigen Europa bereits durchgesetzt hat?