Dabei ist die Kontrolle weiblicher Sexualität ein Zeichen patriarchaler Gesellschaften, zu der u.a. eine Verknüpfung des sozialen Status von Frauen mit der Mutterschaft gehört und auch, dass Frauen die Kompetenz, die Fähigkeit und die Ernsthaftigkeit abgesprochen wird, eine Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung zu treffen. Die rechtliche Situation und die Diskussion werden von den christlichen Kirchen mitgeprägt. Während die evangelische Sozialethik neben der Frage nach dem Schutz des Embryos die komplexe Situation einer möglichen Mutterschaft mit berücksichtigt, geht die katholische Lehre von einer sündhaften Handlung aus.
Die Liberalisierung und die Einrichtung von Fristen- und Indikationslösungen seit den 70er Jahren werden wieder stärker in der Öffentlichkeit diskutiert, u.a. werden bestehende Regelungen in Frage gestellt, der Informationszugang eingeschränkt oder die öffentliche Finanzierung in Frage gestellt. In der Schweiz trat die Fristenlösung am 1. Oktober 2002 in Kraft. Sie besagt, dass innerhalb der Frist von zwölf Wochen die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch durch die Frau getroffen wird und legal ist. Die Abtreibungsrate in der Schweiz gilt im internationalen Vergleich als niedrig, etwa 6 von 1000 Frauen zwischen 15 und 45 Jahren brechen eine Schwangerschaft ab, rund 95% davon innerhalb der ersten zwölf Wochen. Das Thema Schwangerschaft und Abtreibung wird neben den genannten Faktoren auch durch die gesellschaftliche Debatte beeinflusst. Die enge medizinische Begleitung einer Schwangerschaft sowie die Anwendung von Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik erhöhen die Möglichkeiten, den Schwangerschaftsverlauf sowie den Zustand des Embryos und Fötus zu kontrollieren. Wie wirken sich all diese Entwicklungen auf die Situation in Bezug auf das Thema Abtreibung in der Schweiz aus?
Wie erleben Sie grundsätzlich die Angebote der Beratung und die medizinischen Möglichkeiten für Frauen, die über eine Abtreibung nachdenken?
Jeder Frau in der Schweiz steht das Recht zu, selber zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft austragen will oder nicht. Die Frauen können sich in Zentren der Frauenkliniken informieren und beraten lassen oder bei ihrer Gynäkologin bzw. ihrem Gynäkologen. Der Zugang ist einfach. Normalerweise genügt ein Telefonanruf, um ein Gespräch zu haben. Die Termine werden sehr rasch angesetzt, damit die Frau sich vorerst mal aufgehoben fühlt und darüber reden kann. Natürlich hat nicht jede Frau schlussendlich eine Abtreibung, sondern muss und darf sich das überlegen und dann entscheiden, ob eine Abtreibung eine Lösung ihres Problems ist. Meine Erfahrung ist, dass dieser Entscheid für alle Frauen schwierig ist und sehr belastend. Ich kenne keine Frau, die dies auf die leichte Schulter nimmt. Da ist oft eine Ambivalenz und grosse Angst vor den Folgen, sei es physisch oder psychisch. Auch die Angst vor späterer ungewollter Kinderlosigkeit spielt eine Rolle. Den Frauen wird psychologische Unterstützung angeboten, und sie werden auf Unterstützungsmöglichkeiten beim Austragen der Schwangerschaft hingewiesen.
Was beobachten Sie in Ihrer langjährigen Praxis in Bezug auf die Frauen, die sich für eine Abtreibung entschieden haben – sind diese heute selbstbewusster, besser informiert als früher? Gehen Sie «leichtfertiger» an das Thema heran, was z.B. in Bezug auf die Einführung der sog. «Abtreibungspille» Mifegyne befürchtet wird?
Die Frauen sind aufgeklärter als früher. Selbstbewusster? Eher nicht. Jede Frau ist in Not vor einem solchen Entscheid und unsicher. Trotz Mifegyne ist der Umgang mit einer Abtreibung nicht leichtfertiger. Natürlich will keine Frau in einen Operationssaal und ist froh, «nur» Tabletten einnehmen zu müssen. Jedoch ist die Abbruchblutung mit all den Schmerzen nicht zu unterschätzen. Die Statistik zeigt, dass wir heute nicht mehr Abtreibungen haben als vor einigen Jahren, trotz einfacherer Zugänglichkeit und Abtreibungspillen.
Das gesellschaftliche Klima wird seit einigen Jahren restriktiver, was Abtreibung betrifft, sogenannte Abtreibungsgegner erhalten Aufwind, auch in politischen und kirchlichen Kreisen. Wirkt sich dies auf die Frauen aus, die eine Abtreibung vornehmen lassen wollen? Wirkt sich dies auf Ihre Kolleginnen und Kollegen aus? Bisher habe ich bei den Patientinnen keine Verhaltensänderungen festgestellt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass meine Kolleginnen und Kollegen sich anders verhalten wegen dieser Trendwende. Wir sind Ärzte und nicht Politikerinnen und auch keine Geistlichen. Kollegen und Kolleginnen, die keine Abtreibungen durchführen wollen, aus welchen Gründen auch immer, mussten dies auch bisher nicht machen.
Was sind die wichtigsten Motive für eine Abtreibung?
Der falsche Partner, keine Beziehung zum Erzeuger, die Frau ist noch in der Ausbildung und fühlt sich zu jung. Oder die Frau ist über 40, hat ihre Familienplanung abgeschlossen und kann sich kein Leben mit einem weiteren Kind vorstellen. Oder bei der Diagnose einer Missbildung des Kindes, die nicht mit dem Leben vereinbar ist. Sei es mit dem Leben des Kindes oder der Frau, der Eltern.
Wie hat sich die Definition der sogenannten Risikoschwangerschaften verändert? Inwiefern spielt das steigende Alter von Frauen, die schwanger sind, eine Rolle für die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung?
Eine Risikoschwangerschaft ist per definitionem eine Schwangerschaft über 35 Jahre. Diese Definition hat sich nicht verändert, obwohl diese Schwangerschaften zunehmen, da die Frauen in der Schweiz vermehrt lange Ausbildungen und auch Karriere machen, eine weiterführende Ausbildung anstreben und erst danach eine Partnerschaft eingehen und einem Kinderwunsch Raum geben können. Hier handelt es sich um ein gesellschaftliches Problem. Beruf und Familie sind noch immer sehr schwer miteinander zu vereinbaren. Angestrebt wird von unserer Gesellschaft, dass Menschen sich bilden, danach Erfahrungen sammeln und erst später eventuell reduziert arbeiten.
Es gibt da andere Länder, zum Beispiel Dänemark: Das Elternpaar hat dort Anspruch auf bis zu zwei Jahre Urlaub nach der Geburt eines Kindes. Wie sie diesen Urlaub unter sich aufteilen, ist ihnen überlassen. Den Job können sie nach dem Urlaub garantiert wieder übernehmen. Die Eltern arbeiten zwischen 8.30 und 15 Uhr, in dieser Zeit ist eine Kinderbetreuung garantiert, bereits für Kleinkinder bis zum Abschluss der Schule. So haben beide Elternteile Zeit für die Kinder und für die Karriere. Ich habe ein befreundetes Paar in Kopenhagen, sie sind als Professorin und Professor tätig. Die Frau arbeitet an der Universitätsklinik als Reproduktionsmedizinerin und Dozentin. Der Mann ist Neurochirurg mit Lehr-und Forschungstätigkeit. Dazu haben sie 4 Kinder!
Wie ist das bei uns in der Schweiz?
In der Schweiz ist dies undenkbar. Einer der beiden Elternteile steht meist zurück, überwiegend die Frau, und gibt damit die Chancen auf einen interessanten, verantwortungsvollen Job auf. Meist hat sie auch später kaum mehr Möglichkeiten, wieder einzusteigen. Die Fortschritte in praktisch jedem Beruf sind enorm, die Digitalisierung nicht aufhaltbar und kaum mehr erreichbar nach einer längeren Pause. Wenn sich ein Paar entscheidet, ihre Kinder ausserhäuslich betreuen zu lassen, gelten sie sehr schnell als «Rabenmütter» oder «Rabeneltern». Wenn die Frauen älter sind, sind sie meist in einer besseren Position und haben mehr Selbstbewusstsein, um Kinder zu haben und einen Weg zu finden, ihr Leben zu verändern. Natürlich steigt damit das Risiko auf chromosomale Veränderungen der Kinder. Zum Beispiel nimmt die Häufigkeit des Downsyndroms mit dem Alter der Mutter zu. Da erlebe ich beides: Frauen und Paare, die sagen, dieses Kind gehört zu uns, und andere, die eine Abtreibung wollen. Ältere Frauen müssen sich mehr mit diesem Thema beschäftigen als jüngere, da sie mehr damit konfrontiert sind.
Die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik nehmen zu (u.a. Ultraschall, Fruchtwasseruntersuchungen, Bluttests), seit 2017 ist Präimplantationsdiagnostik unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Damit nehmen auch die Möglichkeiten zu, Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten festzustellen. Wie wirkt sich dies auf das Nachdenken über Abtreibungen aus – setzt dies Frauen unter Druck?
Vielleicht. Dies wurde immer als Argument gegen die Fristenregelung gebracht. Aber wie vorher gesagt, haben die Abtreibungen nicht zugenommen. Die Paare sind sehr gefordert heute. Sie müssen sich in der Frühschwangerschaft entscheiden, welche Diagnostik sie wollen. Und natürlich müssen sie sich mit den möglichen Konsequenzen sehr früh auseinandersetzen. Dies kann bedeuten, dass sie bei Fehlbildungen eine Abtreibung bevorzugen oder sich bewusst für das Kind, das krank ist, entscheiden.
Natürlich kann man auch jegliche Pränataldiagnostik ablehnen, um nicht entscheiden zu müssen. Auch dies wird von Paaren wahrgenommen. Sicher heisst Pränataldiagnostik nicht, dass man sich nach einem negativen Resultat, das heisst zum Beispiel einer Trisomie, zur Abtreibung entscheiden muss. Es kann auch heissen, dass das Paar bewusst die Zeit nach der Geburt plant und sich mit der Zukunft konkret auseinandersetzt. Ich habe bisher niemanden getroffen, der aus gesellschaftlichem Druck abtreibt. Die Freiheit des Entscheides muss dem Paar offen gelassen werden, schliesslich lebt das Paar mit dem Kind, mit allen Konsequenzen, und niemand anderer hat die Verantwortung für das Kind, ob gesund oder behindert.
Beobachten Sie ein verbreitetes Interesse in der Gynäkologie, mit den Möglichkeiten pränataler Diagnostik «Kasse zu machen», oder ist dies ein Vorurteil?
Dies ist kein Vorurteil, sondern eine Unterstellung! Die Pränataldiagnostik ist ein sehr belastendes Thema, gerade auch für die beteiligten Ärzte. Als Ärztin bin ich auch emotional mit dem Paar verbunden. Wenn das Resultat normal ausfällt, sind wir alle erleichtert, nicht nur das Paar. Aber teilen Sie einem Paar, das sich riesig über die Schwangerschaft freut und erleichtert ist, dass die Frühschwangerschaft gut verlief, einmal mit, dass das ersehnte Kind behindert ist. Dies ist eine sehr schwierige Aufgabe. Es braucht viel Einfühlungsvermögen, Empathie und trotzdem Professionalität!
Bereits das Aufklären über die mögliche Diagnostik ist sehr schwierig. Die Paare haben verschiedene Ausgangslagen. Einige sind bereits sehr gut informiert, andere fallen aus allen Wolken und möchten am liebsten nichts wissen. Trotzdem müssen und sollen wir das Paar aufklären, sonst können sie ja nichts entscheiden. Dazu kommt der Druck durch Krankenkassen, die uns nur noch wenig Zeit bezahlen für Aufklärungsarbeit und Gespräche. So gesehen ist all das nicht nur Segen. Aber es ist unsere Welt, und die ist sehr aufgeklärt und wissenschaftlich weit. Wenn wir in diesem Beruf arbeiten, müssen wir uns all dem stellen, uns dauernd weiterbilden und unser Bestes geben.
Wie wirken sich hier neue Technologien aus?
Neu ist die Präimplantationsdiagnostik in der Schweiz erlaubt. Dies bedeutet, dass für ein Paar, bei dem bei einem der beiden das Trägertum einer Krankheit bekannt ist, die sie für unvereinbar mit ihrem Leben halten, nun bereits beim Embryo eine Diagnostik durchgeführt werden kann, bevor er im Mutterleib ist. Dies erfordert vorher eine künstliche Befruchtung, das heisst eine Befruchtung der Eizelle mit dem Spermium ausserhalb des Körpers der Frau. Danach wird der Embryo auf diese genetische Krankheit untersucht und nur in die Gebärmutter transferiert, wenn er gesund ist. Zusätzlich kann noch ein Screening für Trisomien durchgeführt werden, um nicht nach zwölf Wochen Schwangerschaft vor dem Entscheid zu stehen, ob man ein Kind mit Trisomie abtreiben will. Diese Präimplantationsdiagnostik hat in meinen Augen grosse Vorteile, um ein Paar nicht erst nach zwölf Schwangerschaftswochen mit dem kranken oder gesunden Kind zu konfrontieren – und auch mit dem Entscheid, eine Abtreibung vorzunehmen oder nicht. Die Präimplantationsdiagnostik können nur Paare in Anspruch nehmen, die auf natürlichem Weg nicht schwanger werden können oder eben Träger einer schweren Krankheit sind.
Das Argument, es würden nun mehr Frauen eine solche Behandlung auf sich nehmen, gilt für mich nicht, da eine In-vitro-Fertilisation für die Frauen viele Medikamente, Schmerzen und eine grosse Belastung bedeutet. Dazu kommt die finanzielle Belastung, da dies nicht von den Krankenkassen übernommen wird.
Die Fragen stellte FAMA-Redaktorin Jeannette Behringer.