Ausgabe 2018/3

Verfügungsgewalt | Ethische Fragen zum Schwangerschaftsabbruch

Am Frauenkörper wurden und werden gesellschaftliche Fragen ausgehandelt. Damit scheint das Verfügungsrecht über den Frauenkörper breit gestreut zu sein: Nationen und Polizeien, Konventionen und Religionen, öffentliche Meinungen und öffentliche Blicke – alle greifen auf den Frauenkörper zu.
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Text: Regina Ammicht Quinn / 06.06.2025

Eklatant sichtbar wird dies in der Frage, wie eine Frau auszusehen hat, wo sie sich aufhalten kann und wo nicht, und ob eine Frau mit Kopfbedeckung, Leggings und langärmliger Bluse das Recht hat, am Strand von Nizza zu sein, oder ob die Polizei dann einschreitet und eine «einheimische» Badebekleidung fordert. So geschehen im Juli 2016, wenige Wochen nach der Terror-Attacke in Nizza. Mit immer stärker werdenden Emanzipations- und Gleichheitsforderungen lehnen Frauen dieses Verfügungsrecht anderer über ihren Körper ab, sei es in Fragen sexueller Belästigung und Gewalt oder in Fragen der «richtigen» Kleidung. Hier ist vieles in Bewegung, und hier sind viele Freiheiten erobert worden. Im Konflikt um den Schwangerschaftsabbruch aber scheint der Frauenkörper beharrlich ein öffentlicher Ort zu sein, der durch Gesetze geregelt ist und im Kreuzfeuer dessen steht, was häufig als «säkulare» versus «religiöse» Moral präsentiert wird.

Lizenz zum Töten?

In den meisten Gesellschaften Mitteleuropas ist in den letzten Jahren der Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen entskandalisiert und bis zu einem gewissen Grad normalisiert worden. Die Position der katholischen Kirche mit einer klaren Ablehnung jeder Abtreibung ist an vielen Orten zunehmend leiser geworden. In der deutschen Rechtslage wurde ein Kompromiss etabliert: Der Schwangerschaftsabbruch gilt als rechtswidrig, bleibt aber straffrei, wenn eine Frau eine vorgeschriebene Beratung in Anspruch nimmt und die vorgeschriebene Bedenkzeit zwischen Beratung und Abbruch einhält. Zugelassene Beratungsstellen gibt es auch in kirchlicher Trägerschaft. Im Jahr 1998 schrieb Papst Johannes Paul II. einen Brief an die deutschen Bischöfe und forderte sie auf, aus der staatlichen Konfliktberatung auszusteigen. In katholischen Beratungsstellen darf zwar seither weiter beraten, aber kein Beratungsnachweis ausgestellt werden. Denn katholischen Abtreibungsgegnern gilt ein solcher Beratungsschein als «Lizenz zum Töten», so der durchaus öffentlichkeitswirksame Slogan eines (älteren) James-Bond-Films.

Gefährliche Verbote

Weltweit sind knapp 40% der Weltbevölkerung in einer Situation wie in mitteleuropäischen Staaten. Ein Totalverbot des Schwangerschaftsabbruchs, manchmal gelockert bei unmittelbarer Lebensgefahr der Mutter, betrifft ca. 25% der Weltbevölkerung. Nicht immer ist der Konflikt vor allem in katholisch geprägten Ländern stark. Italien und Spanien sind Beispiele für überwiegend katholische Länder mit liberalen Regelungen, während in Irland, wo 100 Jahre lang ein absolutes Verbot des Schwangerschaftsabbruchs bestand, im Mai 2018 in einem Referendum die Abschaffung dieses Gesetzes beschlossen wurde. Zugleich ist in Polen der Versuch der Verschärfung geltender Regelungen 2016 im Parlament gescheitert.

In den USA wird «anti-abortion violence» als eigene Form der Gewalt bezeichnet: Im Jahr 2017 verdoppelten sich mit einem veränderten gesellschaftlichen Klima die Zahl der Angriffe auf Gesundheitszentren, in denen auch Abtreibungen vorgenommen werden, sowie auf deren Personal und Patientinnen. Und in Kroatien, wo die Kirche auf ein absolutes Abtreibungsverbot drängt, viele Ärzt_innen keine Schwangerschaftsabbrüche mehr vornehmen und darum immer mehr serbische Ärzt_innen die Gesundheitszentren für Frauen aufrechterhalten, sagte ein Priester in der Weihnachtsmesse 2014 vor Veteranen: «Der Krieg ist nicht vorbei. Sie [die Serben] kommen über die Donau und töten unsere Kinder.» Dabei ist aber inzwischen eines deutlich geworden: Eine liberale Abtreibungsregelung ist keine «Lizenz zum Töten». Eine restriktive Gesetzgebung zu Abtreibungen bewirkt keine niedrigeren Abtreibungszahlen. In Lateinamerika, wo in vielen Ländern Schwangerschaftsabbrüche in den meisten Situationen illegal sind, liegt die Abbruchrate bei 32 Abbrüchen pro 1000 Frauen; in der Schweiz und Deutschland liegt sie bei unter 7 Abbrüchen pro 1000 Frauen. Restriktive Gesetzgebung hat zudem unsichere Abtreibungen zur Folge. Laut WHO sind fast die Hälfte aller Schwangerschaftsabbrüche weltweit unsicher; fast alle unsicheren Abbrüche (97%) finden in armen Ländern statt. Die Folgen sind eine erhöhte mit Schwangerschaft verbundene Todesrate und gesundheitliche Folgen für Frauen im Globalen Süden.

Wann beginnt das Leben?

In den Auseinandersetzungen um Schwangerschaftsabbrüche haben sich Lebensschutz und Selbstbestimmung, «pro life» und «pro choice», als Kampflinien etabliert: Wer hat das Verfügungsrecht über den Frauenkörper? Die betroffene Frau? Oder diejenigen, die das ungeborene Kind auch gegen die betroffene Frau schützen? Diese binäre Debatte hat aber deutliche Schwächen und Probleme, sowohl in den theoretischen Grundlagen als auch in den ethischen Konsequenzen. Lebensschutz – «pro life» – scheint zu sagen: Jedes Leben wird von Beginn an geschützt. Die Frage aber, wann menschliches Leben beginnt, wurde im Lauf der Geschichte höchst unterschiedlich beantwortet: mit der Empfängnis, mit der Einnistung, mit der Aktivierung des neuen Genoms, mit der Fähigkeit, ausserhalb des Mutterleibs zu leben, mit der Fähigkeit, Schmerzen zu empfinden, mit der Geburt. Traditionellen christlichen Theorien der «Sukzessivbeseelung» ging es um das, was wir heute «Personwerdung» nennen würden: Für Thomas von Aquin geschieht dies am 40. Tag für Jungen, am 80. Tag für Mädchen; im Judentum wird meist der 40. Tag diskutiert, im Islam häufig der 120. Tag. Dabei hat die Kirche sich kontinuierlich gegen Abtreibung positioniert. Ob aber ein Schwangerschaftsabbruch ab einem bestimmten Zeitpunkt der Schwangerschaft als Mord betrachtet wurde, variierte in den Lehren.

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Mehr als Biologie

Diese pränatalen (Seelen)Diagnosen vor Einsatz des Ultraschalls haben eine gemeinsame praktische Basis: Sie gehen davon aus, dass die Seele sich zeigt, wenn das Kind sich im Mutterleib bewegt. So dachte auch Thomas von Aquin, und für ihn bewegten sich Jungen früher als Mädchen. Er war auch nie schwanger. Im tatsächlichen Leben galt jahrhundertelang eine Frau dann als schwanger, wenn sie die Bewegungen des Kindes spürte, irgendwann zwischen dem 90. und dem 120. Tag. Ein funktionierender Stoffwechsel ist zwar ein Zeichen für Leben; aber nicht für menschliches Leben im vollen Sinn des Wortes. Darum stehen absolute «Lebensschutz»-Positionen in der Gefahr eines latenten Biologismus, der nicht mehr wahrnehmen kann, dass die Fragen menschlichen Lebens nicht allein als biologische Fragen verstanden werden können. «Kultur» ist die Brille, durch die wir «Biologie» verstehen. «Leben» heisst immer auch: menschliches Gedeihen. Dort wo «ungeborenes Leben» vor potenziell bösen Müttern geschützt werden soll, wird zum einen versucht, Frauen von ihrem «Mutterleib» zu trennen, zum anderen, Frauen aus ihren Beziehungskontexten zu isolieren. Im Gegensatz zu starken «pro life»-Positionen aber ist eine Schwangerschaft mit ihren Konflikten eine komplexe soziale Frage.

Mehr als Autonomie

Selbstbestimmung – «pro choice» – scheint zu sagen: (Mein) menschliches Leben ist dann im vollen Sinn des Wortes menschlich, wenn ich darüber bestimmen kann, was am wichtigsten für mein Leben ist. Dies ist richtig; bis zu einem bestimmten Punkt. Es ist ein wichtiger Teil unserer durch Freiheit gekennzeichneten menschlichen Existenz, dass wir wählen können, wen wir lieben oder heiraten, was wir studieren und anziehen, für wen wir in politischen Kontexten unsere Stimme abgeben, wo und wie wir leben und vieles andere mehr. Zugleich stehen wir in einer abendländischen und patriarchalen philosophischen Tradition, die uns einen aufgeblähten Begriff von Autonomie als Erbe hinterlassen hat: Ein Mensch ist dann und nur dann ein Mensch, so die Lehre aus dieser Tradition, wenn er autonom ist. Freiheit, Selbstbestimmung, Autonomie und Unabhängigkeit werden als zentrale Punkte des menschlichen Lebens gedacht. Sie sind wichtig. Aber sie sind nicht die einzigen zentralen Punkte, und sie werden nie in vollem Masse verwirklicht. «Wir wollen nun […] annehmen», schreibt Hobbes in De Cive, «dass die Menschen – gleichsam wie Pilze – plötzlich aus der Erde hervorgewachsen und erwachsen wären, ohne dass einer dem anderen verpflichtet wäre.» Dies ist nicht die Erfahrung vieler Frauen, und dies ist nicht die Erfahrung gebärender Frauen. Menschliches Leben kann nie allein auf Unabhängigkeit fokussiert sein, sondern genauso auf Abhängigkeit und Wechselseitigkeit, auf Sorge und Fürsorge. Damit werden Fragen nach dem Zusammenhang von Mündigkeit und wechselseitiger Abhängigkeit je neu gedacht. In diesem neuen und notwendigen Denken wird jede Autonomie eines menschlichen Lebens zur «relationalen Autonomie» – zur Autonomie in Beziehung.

Lernprozesse

Damit kann eine Schwangerschaft mit ihren Konflikten nicht länger unter dem Slogan «Mein Bauch gehört mir» abgehandelt werden. Auch im Kontext von «pro choice» wird sie zu einer sozialen Frage. Die Erinnerung daran, dass Frauen (und nicht nur Männer) auch selbstbestimmt und mündig sind, ist nach wie vor wichtig; in vielen Kontexten herrscht bis heute ein deutlicher Nachholbedarf. Darüber hinaus aber müssen mit neuem Blick die Interdependenzen der Autonomie gesehen und analysiert werden, um nicht mit feministischen Absichten in die Fallen einer patriarchalen Tradition zu geraten. Was wir von Lebensschutz-Positionen lernen, ist die bedingungslose Akzeptanz eines ungeborenen Kindes – auch dann, wenn es den gesellschaftlichen Standards von Gesundheit, Schönheit, sozialer Schicht oder potenzieller Produktivität nicht gerecht wird. Was wir von Selbstbestimmungs-Positionen lernen, ist die bedingungslose Akzeptanz der Würde von Frauen, die nicht Gefässe oder Container sind, sondern Personen. Wenn wir das gelernt haben, können wir diese Kontroverse beruhigt hinter uns lassen. Das Leben lässt sich nicht in Binaritäten zwängen.

Kritisch weiterdenken

Die Alltagsmoral fragt nach Schwangerschaftsabbrüchen als «guten» oder «schlechten» Handlungen. Und die Antwort heisst: In den meisten Fällen sind Schwangerschaftsabbrüche «nicht gut». Frauen mögen nach einer Abtreibung erleichtert sein, dass sie nicht eine Last tragen müssen, die unerträglich schwer scheint; dass sie nicht mit einer Zukunft konfrontiert sind, die ihr bisheriges Leben infrage stellt. Zugleich, nicht stattdessen, kann diese Erleichterung im Kontext gemischter Gefühle stehen. Solche gemischten Gefühle widerspiegeln auch die Tatsache, dass Frauen, die abgetrieben haben, gegen Abtreibung sein können. Im Prinzip. Dieser Bruch zwischen dem «Prinzip» und dem «Leben» ist das Thema der kritisch auf Moral reflektierenden Ethik. Im Fall der Schwangerschaftsabbrüche ist die moralische Aufmerksamkeit der «pro life»- wie auch der «pro choice»- Diskurse in der Regel auf eine individuelle Handlung in einer Konfliktsituation gerichtet. Im Kontext des Lebensschutzes gilt das möglichst strikte Verbot jeder Abtreibung als notwendig, weil ansonsten nicht sichergestellt werden kann, dass Frauen sich moralisch richtig entscheiden. Dies ist ein gefährliches Missverständnis des Problems, das binär und damit unterkomplex bleibt; es ist ein gefährliches Missverständnis von Frauen, die durchaus in der Lage sind, richtige Entscheidungen zu treffen; und es ist ein gefährliches Missverständnis der Ethik, die kritisch auch die Ideologien analysiert, die moralischen Positionen, Begriffen und Handlungen zu Grunde liegen.

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Erkenntnisse

Erstens sind die Statistiken in einem Punkt absolut klar: Restriktive Gesetzgebung mindert nicht die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche. Ihre Konsequenz ist zum einen die Kriminalisierung von Angst und Unsicherheit, zum anderen gibt es unsichere Abtreibungen mit allen Konsequenzen. Zweitens schlägt die Zuschreibung individual-ethischer Verantwortung an Frauen, eine Zuschreibung, die ja eigentlich deren Subjektstatus garantieren sollte, in ihr Gegenteil um: Es geht nicht länger um die Urteilskraft von Frauen, sondern um die Ausführung des schon universell als richtig Erkannten. Damit werden Frauen zu Objekten der Diskurse um Schwangerschaftsabbrüche, vor allem zu Objekten des Misstrauens. Und drittens ist häufig der einzige Kontext, der beachtet wird, der Kontext des Mutterleibs. «Die Frau» steht damit neben ihrem Körper, über den verhandelt wird.

Eine kritisch reflektierte Ethik ist nicht ein freundliches Schulterklopfen, das Menschen dazu auffordert herauszufinden, was sie wirklich wollen. Ethik denkt, analysiert und urteilt mit dem Ziel eines guten und richtigen Lebens, einer guten Gesellschaft. Und damit geht es für eine kritisch reflektierte Ethik auch um das Vermeiden von Abtreibungen, um das Vermeiden der Angst, der Hoffnungslosigkeit und in vielen Fällen weltweit auch der direkten Gefahr, die häufig mit einer Abtreibung einhergeht.

Kulturelle Tiefe

Wie kann dies sinnvoll und menschenfreundlich geschehen? Der wichtigste Schritt dabei ist anzuerkennen, dass Diskurse über Schwangerschaftsabbrüche nicht allein auf Individuen fokussiert sein können. Sie sind sozialethische Diskurse. Denn in ihnen spiegelt sich, was Charles Taylor «modern social imaginaries», Formen des «sozial Imaginären» nennt. Hier geht es um ein schwer fassbares Aggregat von Verständnissen, Praktiken und Horizonten allgemeiner Erwartungen, die in der Regel nicht explizit artikuliert sind, dennoch dem Leben seine Struktur und auch seinen Sinn geben. Hier wird deutlich, dass individuelle Konfliktsituationen eine kulturelle Tiefe haben, die mit bedacht werden muss. Dies bedeutet, dass wir – als Ethiker_innen, als Bürger_innen, als Mitglieder einer Kirche, eines kulturellen Kontexts – aufhören sollten zu fragen, was «böse Frauen» tun oder tun könnten. Die Frage heisst vielmehr: Was ist das gesellschaftlich Imaginäre, das kulturell Unbewusste, das die Angst, Scham, Schande, Ausweglosigkeit im Angesicht eines «ungeplanten» Kindes entstehen lässt? Wie müssten Beziehungen, Familien, Schulen und Universitäten, Arbeitsverhältnisse, Sozial- und Gesundheitsinstitutionen, religiöse Gemeinschaften aussehen, um diese Angst zu lindern? Wie lässt sich Solidarität herstellen mit denjenigen, die ausserhalb der Konventionen stehen? Und wie lassen sich die Väter in das Bild der «unpassenden» Schwangerschaften zurückholen, ohne dass sie den Druck, der auf schwangeren Frauen lastet, erhöhen?

Freundlichere Welt

Hier sind eine Entmoralisierung und eine Remoralisierung des Denkens und Handelns nötig: Eine Entmoralisierung in dem Sinn, dass nicht generell über individuelle Angst, Scham und Überforderung geurteilt werden darf. Eine Remoralisierung in dem Sinn, dass ein kollektives Subjekt – «wir» – zum Verantwortungsträger wird. Wenn Abtreibungen verhindert werden sollen, macht es keinen Sinn, «böse Frauen» öffentlich zu schmähen (oder, wie eine südafrikanische Kollegin von einem Bischof erzählt, ein Glas mit einem Fötus in der Aktentasche bei sich zu tragen und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit herauszuholen). Es geht vielmehr darum, eine Gesellschaft – und letztendlich eine Weltgesellschaft – aufzubauen, die sensibel wird für Bedürfnisse, die oft übersehen werden, vor allem, weil diese Bedürfnisse von vornherein moralisiert sind. Werden damit Abtreibungen beendet? Nein. Aber die Welt wäre ein freundlicherer Ort; und es könnte leichter sein, ein Kind in eine solche Welt hinein zu gebären.

Weil aber Abtreibungen nicht beendet werden, brauchen wir eine breite Sexualerziehung und einen unkomplizierten Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln. Wir brauchen – weltweit – sichere Abtreibungen für Frauen, die sich nicht in der Lage sehen, ein Kind zur Welt zu bringen. In einem Land wie Deutschland heisst das: Wir brauchen Beratungsinstitutionen, die die Solidarität mit schwangeren Frauen artikulieren, die Hilfe bieten ohne zu moralisieren und zu bevormunden, und die erforderliche Beratungsscheine ausstellen. Die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch darf letztlich niemand anders fällen als die Frau selbst. Wer denn sonst: ihr Vater? Der Vater des Kindes? Der Pfarrer? Ein Richter?

Jenseits bitterer Kämpfe

Konflikte können nur gelöst werden, wenn die Orte, an denen die Konflikte entstehen, in den Blick genommen werden. Schwangerschaften entstehen im Mutterleib; Schwangerschaftskonflikte (insofern sie keine medizinischen Konflikte sind) in der Regel nicht. Sie entstehen dort, wo eine schwangere Frau mit konfligierenden Wünschen, Vorstellungen, Plänen und Erwartungen in ihrem sozialen Kontext steht. Wir brauchen öffentliche Diskurse und Praktiken, die in «pro life»- und «pro choice»-Haltungen keine erbitterten Gegensätze mehr sehen: Welche religiöse Position könnte (sinnvoll) gegen Freiheit und Würde von Frauen argumentieren? Welche nicht-religiöse Position könnte sich (sinnvoll) gegen ein gutes Leben für Mütter und Kinder richten? Dann muss der schwangere Frauenkörper nicht länger ein öffentlicher Ort unter öffentlicher Verfügungsgewalt sein. Und dort, wo Schwangerschaften «unpassend» erscheinen, ist nicht die einzelne Frau im Fokus der Kritik, sondern «wir», die Gesellschaft, die das Urteil «unpassend» gesprochen hat.