Als Omri, König von Israel, starb, freuten sich alle. «Endlich sind wir den los! Schlimmer kann es nicht mehr werden!» Aber da haben sie sich getäuscht. Omris Sohn Ahab wurde König und er stand seinem Vater in nichts nach. Ganz im Gegenteil. Alles, was sein Vater an Übel getan hatte, das machte auch Ahab. Und noch viel mehr. Ahab war schlimmer als alle Könige vor ihm. Manche munkeln, das hätte mit seiner Frau zu tun, mit Isebel. Die kommt aus Sidon in Phönizien. Eine Phönizierin also. Wie das nur schon klingt! Phö-ni-zi-er-in, richtig hochnäsig klingt das. Und hochnäsig ist sie auch, die Isebel; mit ihrem Schmuck aus Elfenbein und ihren Purpurkleidern. Schämen sollte sie sich. Ein einziges ihrer Kleider kostet mehr, als ein normaler Mensch sein Leben lang verdient. Ausgerechnet eine aus Sidon, aus Phönizien, musste dieser Ahab heiraten. Dort wohnen Fremde mit fremden Göttern, reiche Leute, die sich mit ihrem Prunk und Luxus für besser halten als andere und sich einen Dreck um die Ewige und die Armen scheren. Da gelten andere Prioritäten. Da geht es nicht um Wohl für alle, sondern um Reichtum für Wenige. Und das wiederum gefällt natürlich auch König Ahab. So hat er es von seinem Vater gelernt, so hält er es selbst. Er hätschelt seine Pferde, baut sich einen Palast und für den Gott Baal einen Tempel in Samaria. Einen Tempel für Baal in Samaria! Das darf doch nicht wahr sein! Das sieht ja wohl eine Blinde, dass das nicht gut gehen kann!
Die Ausgangslage
So ähnlich wird in 1 Könige 16 die Ausgangslage für die folgende Geschichte gezeichnet. Eines ist klar: Dieser König Ahab setzt auf falsche Werte. Er stammt aus der Oberschicht und bleibt in seinem kleinen Kreis der reichen Leute: Mit Haut und Haar verschreibt er sich einem «Dreckhaufen» (so eine mögliche Übersetzung von Isebel), der Tochter von Etbaal, König von Sidon. Dabei ist nicht die Fremdheit an sich ein Problem. Aber nicht tolerierbar ist für einen König Israels, wenn er sich von JHWH – Gott des Lebens, Gott der Befreiung, Gott auf Seiten der Armen und Bedrängten – abwendet und mit Baal und anderen Naturgottheiten anbandelt. Wenn der König einen Tempel für Baal bauen lässt, dann ist das nicht einfach ein religiöses Gebäude, sondern ein Zeichen dafür, dass dieser König die Macht JHWHs nicht uneingeschränkt annimmt – und also leugnet, was eigentlich klar sein sollte: Leben, Befreiung, Gerechtigkeit für alle.
Die Dürre
Seit Wochen und Monaten hat es nicht mehr geregnet. Das Wasser wird knapp, aber Ahab und Isebel merken das kaum. Isebel nimmt täglich ihr Bad, und Ahab hätschelt seine Pferde. Wie es dem Volk geht, merken sie nicht. Dabei weitet sich die Dürre aus, bis ans Mittelmeer und in die umliegenden Länder. Dort am Mittelmeer lebt eine Witwe. Sie wohnt in Zarpat, einem kleinen Kaff nahe der Stadt Sidon.
Vom Luxus der Stadt hat diese Frau aber nie etwas gesehen, und gerade jetzt geht es ihr noch schlechter als früher. Seit ihr Mann tot ist, kümmert sie sich allein um ihren Sohn und das Haus, um Kleider und Nahrung und Wasser. Aber nun hat sie nur noch einen einzigen Topf mit Mehl und einen Krug Öl. Jeden Tag nimmt sie eine Handvoll Mehl, gibt einen «Gutsch» Öl dazu und bäckt daraus einen Brotfladen für sich und ihren Sohn. Das ist alles. Davon leben sie. Aber wenn man immer nur rausnimmt und nichts Neues mehr reinkommt, wird auch der vollste Ölkrug bald einmal leer und schwindet das Mehl im grössten Topf. Jeden Morgen betet die Frau: «Ach, Götter im Himmel, lasst es endlich regnen! Ach, Götter der Erde, lasst es endlich wachsen!»
Derweil hockt Ahab in seinem Palast und kümmert sich nicht um die Not des Volkes. Plötzlich aber stürmt ein Mann herein. «Ahab,» zischt er, «du bist Schuld am Leid der Leute! Ich schwöre, so wahr Jah, unser Gott, lebt: Es wird erst wieder Tau und Regen geben, wenn ich es sage.» Noch bevor Ahab irgendetwas entgegnen kann, ist der Mann wieder verschwunden.
Da kommt einer und wirft dem Machthaber seine Meinung an den Kopf. Es ist eine scharfe Anschuldigung. Nicht diplomatisch versüsst. Mit klarer Konsequenz versehen: Erst dann wird sich die Dürre abwenden, wenn dieser Mann es gebietet. Dieser Mann ist Elija. Er taucht hier in 1 Könige 17 zum ersten Mal auf. Völlig unvermittelt betritt er die biblische Bühne im Herzen des israelitischen Machtapparats, posaunt seine Botschaft heraus und zieht sich direkt danach in die Wüste zurück.
Was er will, verheisst schon sein Name: Eli – mein Gott, Jah – JHWH: Mein Gott ist JHWH, Gott des Lebens, der Befreiung, der Gerechtigkeit. Diese Botschaft steht im klaren Kontrast zum Verhalten Ahabs. Zwar wird es in der Bibel nicht explizit ausgesprochen, aber durch den Zusammenhang klar: Schuld an der Misere der Leute ist Ahab selbst, zusammen mit seinen Vorgängern und MitläuferInnen. Weil er sich um das Volk nicht kümmert, weil er sich von der Gottheit des Lebens abwendet, kann das Land nicht gedeihen.
Elija droht harte Sanktionen an. Noch weniger Wasser, das bedeutet Tod für viele. Hofft er wirklich, dass Ahab sich davon beeindrucken lässt? Dass er sich plötzlich umorientiert? Oder ist er – und mit ihm zusammen Gott – bereit, die Dürre so sehr auf die Spitze zu treiben, bis sie auch den Machthaber trifft? Auf Kosten all der vielen, die ihr vorher schon erliegen?
Der Rückzug
Da sagt Gott zu Elija: «Es wäre wohl klüger, wenn du dich für eine Weile zurückziehst … Geh schnell in die Wüste, zum Bach Kerit. Dort gibt es Raben. Denen habe ich gesagt, sie sollen dich versorgen. Und aus dem Bach kannst du trinken.» So zieht sich Elija in die Wüste zurück. Er bleibt am Bach Kerit. Jeden Morgen bringen ihm die Raben Fleisch und Brot. Jeden Abend bringen sie ihm Brot und Fleisch. Und Elija trinkt das Wasser des Bachs. Wer weiss, wie lange Elija dort bleibt? Tage, Wochen, Monate? Auf jeden Fall wird das Wasser im Bach täglich etwas weniger, bis der Bach schlussendlich ganz ausgetrocknet ist.
Welcher Machthaber lässt sich schon gern von einem dahergelaufenen Propheten oder einer klarsichtigen jungen Frau die Wahrheit sagen? Früher wie heute kann das gefährlich werden. Die junge Frau braucht ein dickes Fell, der Prophet einen sicheren Rückzugsort.
Über die Grenze
Da sagt Gott zu Elija: «Geh nach Zarpat, ans Meer, in die Nähe von Sidon. Dort gibt es eine Witwe. Der habe ich gesagt, sie soll dich versorgen.» So durchquert Elija das ganze Land von Ost nach West bis an die Küste, geht über die Grenze, nach Phönizien. Vor dem Zarpater Stadttor bleibt er stehen. Dort geht eine Frau, eine Witwe. Sie sammelt Brennholz. Elija ruft ihr zu: «Bring mir doch einen Schluck Wasser in einem Krug, damit ich trinken kann.» Die Frau dreht sich zu Elija um, schaut ihn einen Moment lang an und geht dann, ihren Wasserkrug zu holen. Da ruft Elija ihr hinterher: «Und wenn du schon gehst, dann bring mir doch auch gleich noch einen Bissen Brot!» Die Frau bleibt stehen. Sie dreht sich um, kommt langsam näher. Sie stellt sich dicht vor Elija und schaut ihm in die Augen. «Jetzt hör mal zu, Bürschchen!» sagt sie leise, «So wahr Jah, dein Gott, lebt. Ich habe noch genau eine Handvoll Mehl und einen einzigen ‹Gutsch› Öl. Jetzt gehe ich nach Hause und zünde mit dem Holz, das ich gesammelt habe, ein Feuer an. Darauf backe ich aus diesem Mehl und dem Öl einen Brotfladen für mich und meinen Sohn. Den werden wir essen. Und danach werden wir sterben.» Elija schaut die Frau lange an. Dann sagt er leise: «Hab keine Angst. Tu, was du gesagt hast. Aber backe zuerst einen Brotfladen für mich, danach erst einen für dich und deinen Sohn. Denn die Ewige, Gottheit des Lebens, Gott von Israel, hat gesagt: Der Mehltopf wird nicht leer werden und das Öl im Krug wird nicht weniger, bis es wieder regnet.»
Entgegen aller Vernunft tut die Frau, was sich hier als letzte Möglichkeit auftut. Der Bibeltext fokussiert auf dieses eine Haus, in dem trotz der Katastrophe Überleben möglich ist. Beispielhaft wird aufgezeigt: Schaut, wenn ihr euch an JHWH haltet, die Gebote des Lebens und der Gerechtigkeit befolgt, dann ist Leben möglich. Für alle.
Der Faktencheck
Schön und gut. Aber ein Happy-End ist das nicht. Die Dürre hält an. Die Menschen sterben und Ahab findet kein Wasser mehr für seine Pferde. Jetzt geht Elija zurück nach Israel.
«Da bist du ja, du Verderber von Israel!» spuckt Ahab ihm als Begrüssung entgegen. Elija bleibt ruhig: «Nicht ich habe Israel ins Verderben gestürzt. Du selbst hast es getan. Du und dein Vater und all die anderen, die ihr die Gebote des Lebens nicht achtet!» Bitterböse schauen die beiden Männer sich an. «Und du wirst sehen, dass ich recht habe,» fährt Elija weiter. «Hol alle deine Propheten des Baal, sie sollen einen Holzstoss aufrichten. Und ich werde ebenfalls einen Holzstoss aufrichten. Und dann werden wir beten. Sie zu Baal und ich zur Gottheit des Lebens. Und dann werden wir sehen, welche Gottheit Feuer vom Himmel schickt und den Holzstoss anzündet. Dann werden wir sehen, wessen Gott wirklich Macht hat.»
Von einer Art himmlischem Faktencheck erzählt 1 Könige 18. Das Feuer schafft Klarheit. Wer sich an die falsche Gottheit hielt, kommt nicht mit dem Leben davon. Für die Baalspropheten endet die Geschichte tödlich. Für alle anderen ist endlich wieder Leben möglich, der Regen kehrt zurück.