Ausgabe 2020/1

Erleben, verstehen, handeln | Plädoyer für die Schöpfungszeit

«Oh wie traurig», rief die enttäuschte Lena, als wir ‹unser› Weizenfeld besuchten, «in meiner Reihe wachsen kaum Pflanzen». Wir hatten Ende Oktober mit den Erstkommunikant*innen Getreidekörner gesät und die notwendigen Vorbereitungsarbeiten ausgeführt. Nicht alle hatten ihren Acker gleich sorgfältig bearbeitet.

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© Susanne Schneeberger Geisler; Moni Egger
Text: Vroni Peterhans / 22.04.2025

Das wurde uns nun allen bewusst, als wir einen Monat später unser Feld besuchten und entdeckten, wie unterschiedlich unsere Pflänzlein zu spriessen begannen. War der Grund, dass der Boden zu wenig bearbeitet worden war, sodass die einen Keimlingswürzelchen kaum Boden fassen konnten? Oder waren die Samen zu wenig zugedeckt worden, sodass die Vögel sich daran erfreuen konnten? Aber einige Reihen grünten wunderbar und versprachen, starke Pflanzen zu werden.

Das Gleichnis vom Sämann

Als wir danach das Gleichnis vom Sämann hörten (Lukas 8,4-15), brauchte es nicht mehr viel Erklärungen, denn das Erlebte war deutlich genug. Auch erklärte sich Loris die Textpassage mit den Körnern unter dem Gestrüpp gerade selber. Er realisierte, dass er aus Bequemlichkeit das Gras nicht genug entfernt hatte und dieses nun seine Samen erstickt oder überwachsen hatte. So hatten wir zusammen eine urbiblische Erfahrung gemacht, die uns half, dieses in den bäuerlichen Alltag hinein erzählte Gleichnis nachzuempfinden. Es wurde mir einmal mehr bewusst, dass Geschichten und Texte erlebbarer und gehaltvoller werden, wenn wir sie in der ursprünglichen Umgebung und «Sprache» nachempfinden können. Danach ging es nur noch um die Übertragung der Konsequenz vom Samen-Säen auf das Hören von Worten. Da sind Kinder aber wunderbar ehrlich und wissen ganz genau, wann sie zum Beispiel Worte wirklich aufnehmen oder wann sie sie «überwachsen lassen».

Erntedank

Eine zweite lehrreiche Entdeckung liess den Wert unseres Getreides enorm wachsen: dass wir bis nächsten Sommer warten mussten, um unsere gereiften Körner ernten zu können. Das Buch Rut verstanden die Kinder nun aus eigener Erfahrung, denn jede von ihnen gesäte Ähre war kostbar und wurde geerntet. Ein Freudenfest, sozusagen ein Erntedankfest, war nur schon das Auskernen («Dreschen») der Körner aus den Ährenhäutchen und das genüssliche Zermalmen mit den eigenen Zähnen. Wer hätte gedacht, dass Getreidekörner für heutige Menschen ein solcher Genuss sein können!

Abhängigkeit

Aber auch eine andere Dimension wurde für uns erfahrbar: Das Hagelwetter kurz vor der Ernte zerstörte einen Teil unserer Ernte. Wir machten die Erfahrung der Abhängigkeit und würden jetzt wohl den Text des Liedes besser verstehen: «Wer nur den lieben Gott lässt walten […] den wird er wunderbar erhalten […] Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, / verricht das Deine nur getreu / und trau des Himmels reichem Segen, / so wird er bei dir werden neu; / denn welcher seine Zuversicht / auf Gott setzt, den verlässt er nicht.» Denn wir waren sehr froh, dass doch noch ein Teil unseres Getreides verschont geblieben war. Ja, dieser Teil war dadurch sogar noch wertvoller geworden. Unsere Solidarität stieg merklich mit denjenigen Menschen der Erde, die wegen Dürren oder ausfallenden Ernten zu wenig Nahrung haben. Ein klein wenig konnten wir die Josefgeschichte nachempfinden, warum Menschen ihr Land Israel nach Ägypten verliessen, als wir uns vorstellten, dass dies unser einziges Nahrungsmittel sei und es wegen Unwettern nicht ausreichen würde.

Sorgt euch nicht um den morgigen Tag

So erging es mir mit meiner eigenen Erfahrung während meinen drei Jahren mit Bäuerinnen in Tansania. Diese lebten für mich, zwar zuerst unverständlich, ganz den Bibeltext nach Matthäus 6,34: «Sorgt euch nicht um den morgigen Tag …» Sobald geerntet war, wurde üppig, ausgelassen und grosszügig gefeiert, gegessen und getrunken. Ich als Schweizerin hätte mehr Vorrat angelegt, hätte mich versichert, dass es bis zur nächsten Ernte ausreichen würde. Aber meine Erfahrungen waren nicht diejenigen der Menschen vor Ort. Denn wer weiss, ob nicht Mäuse oder Ungeziefer die Lagervorräte auffressen würden oder sie wegen Feuchtigkeit verderben? Also «freut euch jetzt an der Ewigen, jauchzt und jubelt!» (Psalm 32,11) Daraus habe ich viel gelernt: loslassen, von unserem «alles selber in Händen halten», vom «alles ist machbar, sogar von der Entstehung bis zum Tod des Menschen»; wie gerade bei enger Natur-Abhängigkeit die Dankbarkeit über Gelungenes eine tiefe Zufriedenheit auslösen kann; wie lehrreich es ist, die selbstverständlich gewordene Versorgung zu hinterfragen und Wert zu schätzen. In dieser Wertehaltung kann eine andere Beziehung wachsen zu dem, was uns die Schöpfung schenkt.

Selbst gepresster Apfelsaft

Auch Schulklassen, die mit dem Programm SchuB (Schule auf dem Bauernhof)(1) zu uns auf den Betrieb kommen, machen an einem Besuchsmorgen ähnliche Erfahrungen. Wenn sie ankommen, sind ihre Sinne noch auf städtische Begebenheiten eingestellt und sie empfinden die Gerüche des Hofes als «Höllengestank», wie es die oeku (2) auf einer ihrer Schöpfungszeitunterlagen geschrieben hat. Es beeindruckt mich jedes Mal, wenn ein Bauernhofmorgen diese Einstellung in «Himmelsduft» wandelt, weil wir zum Beispiel Äpfel auflesen gehen und am Schluss den selber gepressten Apfelsaft geniessen. Hier bereichert die Erfahrung, wieviel Früchte und Arbeit es braucht, um genügend Saft für uns alle zu erhalten. Beim miteinander Anstossen auf unseren eigenen Most spüren die Kinder sehr wohl etwas vom miteinander Teilen und realisieren wohl die Kostbarkeit, wie Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden Brot und Fruchtsaft teilte.

Sinnlich erleben

Mit der Reihe zu den fünf Sinnen und den zugehörigen Unterlagen möchte oeku Pfarreien und Einzelpersonen zu solch sinnlichen Erfahrungen animieren. In der Chinderfiir kam uns das Thema «Taste, fühle, begreife» sehr entgegen. Wir versteckten unsere vorgängig gesammelten Naturmaterialien in Stoffsäcklein und erspürten mit viel Vergnügen deren Inhalte. Als Abschluss salbten wir einander und spürten am eigenen Leib, wie heilsam diese Berührungen sein können. Da werden die Salbungs-und Heilungstexte lebendig und nachvollziehbar. Immer noch reagiert unser grösstes Sinnesorgan, die Haut, wie zu Jesu Zeiten auf Berührungen!

Schöpfungszeit macht Christ*insein erfahrbar

Die alljährliche Schöpfungszeit vom 1. September bis 4. Oktober bietet uns die Gelegenheit, unser Christsein praktisch erfahrbar zu machen. Zum Beispiel mit dem oeku-Thema «Götterspeise und Teufelshörnchen», wo ein Pfarreizmorge oder der Erntedankapéro die Pfarreimitglieder auf den Geschmack anderer, neuer oder vergessener Speisen bringen kann. Oder der Kirchenchor kann «ein Ohr für die Schöpfung» erleben lassen. Warum nicht mal mit einem Auftritt im Wald, wo die Vögel mitsingen, oder am Wasser, wo der Fluss mitrauscht? So kann mit Phantasie auf verschiedenste Weise für ein schöpfungsfreundlicheres Verhalten sensibilisiert werden. Denn wir sind nur bereit zu schützen, was uns am Herzen liegt. Wo Beziehungen bestehen, engagiere ich mich eher solidarisch. Das heisst auf unser Verhalten gegenüber unserer Schöpfung übertragen, dass es dringend notwendig ist, ja, dass es nur «Not-wendend» sein kann, wenn wir davon ergriffen sind. Das ist ein Weg, der keine grossen Wellen wirft, der in kleinen Schritten das Verständnis und die Liebe zur Schöpfung wiederentdecken lassen kann. Im Idealfall folgt dann daraus, dass solche sinnlichen, bodenständigen Erfahrungen zu einem veränderten Verhalten führen.

Ansätze aus dem Glauben heraus

Gerade wir als Glaubende sind doch sehr erprobt im Ausüben von suffizientem Lebensstil, denken wir nur an die Fasten-Erfahrungen! Eigentlich schade, wenn wir unseren Erfahrungsschatz unter den Scheffel stellen. Wir hätten als Kirchen viel zu bieten zu den aktuellen Themen wie Foodwaste, Gletscher- und Naturschutz, Klimadebatten und vieles mehr. Da könnten wir viel brachliegende Kompetenzen hervorholen, weil sie aktueller denn je sind und ausserdem erst noch glücklich machen! Dabei denke ich nicht nur an unseren Umgang mit Nahrungsmitteln, sondern auch mit unserem Aktivismus und mit der allgegenwärtigen Wachstumsstrategie sowohl in der Arbeits- wie in der Freizeit. Da könnte uns und der ganzen Schöpfung eine Rückbesinnung auf den Rhythmus der Woche mit einem Ruhetag, dem siebten Tag der Schöpfung, eine Gesundschrumpfung vorgeben. Dies zugunsten der Erholung, unserer eigenen und der ganzen Natur.

Schöpfungszeit als Kirchenjahreszeit

Kinder wie Erwachsene wären durchaus offen für neue Handlungsansätze. Aber die Naturkatastrophen und Medienmitteilungen überfordern das Aufnahmevermögen vieler Menschen. Sie lähmen eher, als dass sie zu verändertem Lebensstil animieren. Das aber könnte die christliche Botschaft sehr wohl. Christsein könnte wieder attraktiv und modern sein, wenn es den Kirchenstaub abschüttelt und in aller Konsequenz ausserhalb der Mauern die Theologie häufiger auch in die Praxis umsetzt. So hoffe ich, dass wir es schaffen, als Christ*innen eine Vorreiterrolle zu übernehmen, weil wir den Auftrag aus der Schöpfungsgeschichte ernst nehmen, der Erde Sorge zu tragen. Ein Weg dazu wäre, als dritte Kirchenjahreszeit neben dem Weihnachts- und dem Osterfestkreis nun fest die Schöpfungszeit zu verankern. Umsetzungsideen dazu hätten wir alle doch genügend! Und die Dringlichkeit der Zeichen der Zeit verlangt konkrete Ansatzmöglichkeiten.

1 SchuB: nationales Projekt Schule auf dem Bauernhof als Teilprojekt von «Schweizer Bauern. Von hier von Herzen», www.schub.ch

2 oeku: Ökumenischer Verein Kirche und Umwelt, www.oeku.ch