Das kann man mit der Bibel zusammen laut sagen. Denn Gott sieht es hochoffiziell selber ein, dass Sintfluten keine Lösung darstellen (Gen 9,9-17). Der Regenbogen ist das Zeichen dafür, dass Gott keine Brachialmethoden mehr anwenden will, nie mehr.
Wenn trotzdem Weltuntergänge in der Bibel beschrieben werden, müssen wir sie sorgfältig auf ihren Kontext hin befragen. Sie gehören in einen konkreten Zusammenhang. Zudem ist es zentral, nach der eigenen Leseperspektive zu fragen.
Das System Babylon …
In der Offenbarung des Johannes (Offb) wird der Fall der Megacity Babylon berichtet: «Gefallen, gefallen ist Babylon, die grosse!» (Offb 18,2) Der Fall der Grossmacht Babylon war ein Weltuntergang, der sich schon lange vor der Abfassung der Offb ereignet hatte. Israel lebte im Schatten der Grossmächte, die je nach politischer Wetterlage ihre Finger ausstreckten und sich mit Gewalt nahmen, was sie wollten. Schon der Prophet Habakuk (7. Jh. v. Chr.) kannte den Schrei: «Die Babylonier kommen! Wir wollen nicht sterben.» (Habakuk 1,12) Die Babylonier kamen als Reiterscharen und brachten Feuer und Krieg. Sie beraubten und veränderten nachhaltig die eroberten Gebiete. Habakuk erkennt die Verstrickung, die mit den Babyloniern als Kolonisatoren Einzug hält, und beklagt, dass Profitgier und Verbrechen im Land herrschen. Die Babylonier kümmerten sich nicht um das fragile Gleichgewicht der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft, sie holten sich, was ihnen nicht gehörte und verbreiteten damit das Recht der Stärkeren, von dem die Reichen immer ungenierter Gebrauch machten.
… als System Roms
Zur Abfassungszeit der Offb stellte Babylon längst keine Bedrohung mehr dar, Rom hatte ihren Platz übernommen. Rom führte rund um das Mittelmeer Kriege, verleibte sich ein, was es konnte, verlangte Getreide von Nordafrika, betrieb Sklavenhandel im grossen Stil und blühte dabei auf. Die Offb wurde zur Zeit des Kaisers Domitian verfasst. Dieser kämpfte mit leeren Staatskassen. Darum erlaubte er, dass Menschen andere denunzieren konnten, wenn sie ihr JüdischSein verheimlichten, um die Juden-Steuer nicht bezahlen zu müssen. Jeder konnte jede*n straflos vor Gericht bringen. Die Angeklagten verloren ihr Vermögen an den Staat, wurden verbannt oder hingerichtet. Die Durchsetzung des Kaiserkults war für Kaiser Domitian lukrativ, etablierte aber eine Schreckensherrschaft.
Von dieser Schreckensherrschaft ist die Offb gezeichnet. Sie beschreibt, wie das System Babylon trunken von Gier ist, während die Mächtigen im Blut baden. Sie leben in Saus und Braus, doch die kleinen Menschen in Smyrna, Pergamon und Laodicea (Offb 1,11) halten vor Angst den Atem an.
Leseperspektive
Weil wir die Bibel lange Zeit unpolitisch gelesen haben, sind wir inzwischen dermassen verwirrt, dass wir nicht mehr wissen, mit wem wir uns in einem biblischen Text identifizieren sollen. Eine imperialistische Grossmacht geht unter. Dieser Untergang war für Grosskaufleute und Könige ein Desaster (Offb 18,3.9.11). Doch viele andere atmeten auf, weil sie durch dieses System versklavt, ausgebeutet oder ermordet worden waren (Offb 18,20). «Gefallen, gefallen ist Babylon» – könnten wir als Aufatmen von Zehntausenden hören, statt als hämisches Gericht einer Gottheit, die unverständlich und brutal durchgreift.
Krise der Gerechtigkeit
Carola Rackete, Kapitänin der Seawatch 3, wurde verhaftet und angeklagt, weil sie auf dem Mittelmeer Menschen in Not gerettet hat. Da sie zur Zeit nicht mehr ausfahren darf, hat sie ein Büchlein geschrieben über den Zusammenhang von Klimakatastrophe und «Flüchtlingskrise»: «Wir leben in einer globalisierten Welt, und wir in den Ländern Europas gehören zu den wenigen, die davon profitieren. […] Unsere Lebensweise hat direkte Auswirkungen auf den Alltag von Menschen im globalen Süden […] Mit unserem Energiehunger […] zerstören wir sogar das Klima, und das wirkt sich zuallererst und massiv in den Ländern aus, die am wenigsten dazu beigetragen haben, dass der Planet sich erwärmt. So fördern wir wiederum die globale Armut – und schaffen Fluchtgründe. Solange dieses Wirtschaftssystem weiter so massive soziale Ungleichheit erzeugt und die Natur in fast allen Gegenden der Erde ausgebeutet wird, werden Menschen ihr Leben Booten anvertrauen, in die sich garantiert niemand freiwillig hineinwagen würde. Und darum ist es keine ‹Flüchtlingskrise›. Es ist eine Krise der globalen Gerechtigkeit.» (1)
Wie lesen wir die Welt?
Wie lesen wir die Not der Erde und der Menschen? Welche Verbindungen machen wir, und was übersehen wir? Was tun wir auf die eine Seite, was auf die andere – ohne zu realisieren, dass es zusammengehört? Der auf dem Meer treibende Plastikmüll und die überladenen Holzboote ohne GPS mit 150 Menschen an Bord – sie liegen im toten Winkel der Systemgewinnler*innen. Kleine Korrekturen (Plastiksackverbot, Flugticket-Abgabe, …) schaffen keine Linderung, weil sie keine Gerechtigkeit aufrichten.
Wir lesen die Bibel, wie wir die Welt lesen: ziemlich verwirrt, habe ich den Eindruck. Wir übersehen die Verbindung von Reichtum mit Blut und Verbrechen, so wie wir den Zusammenhang von Klimakrise und Flüchtlingskrise übersehen.
Wie lesen wir die Bibel?
Trauen wir Gott zu, auf der Seite der verletzlichen Menschen zu stehen? Wir sollten Gott als unseren Ausweg erkennen, als Exit aus dem Untergang, den das gegenwärtige globalisierte Menschen verachtende System tagtäglich herstellt. Aber vielleicht geben wir Gott überhaupt keinen Kredit mehr, weil wir ihn noch immer für einen alten weissen Mann halten, der eh nichts zustande bringt? Der biblische Gott wehrt sich gegen die Vorstellung, er sei wie ein zorniger Mann (Hos 11,10). Gott ist diejenige Kraft, die die Menschen auf den Weg bringen möchte, der in die Zukunft führt – nicht in den Abgrund. Gerade in der Offb zeigt sich, wie Gott um die Menschen ringt. Gott legt offen, was gegenwärtig Grausiges geschieht, wo sich die Unheilsmächte zusammenballen und was daraus resultieren könnte. Unsere Leseperspektive aber erscheint verpeilt, wenn wir die Zeichen nicht wahrnehmen und die Engel, die Bot*innen, nicht sehen, die schreien, flehen, lärmen und posaunen (lauter geht es ja nicht!), damit wir die Augen öffnen und endlich davon ablassen, uns ein möglichst gutes Stück in der Welt der Gewalt zu ergattern.
Gott kann umkehren
Die Welt der Gewalt, das System Babylon von heute, presst die Erde aus und lässt Menschen, die nach einer Lebensperspektive suchen, im Stich. Die Gottheit dieses Systems ist zornig, mitleidslos, zynisch. Darum ist es zentral, mit Hosea Gott anders zu denken:
«Nicht vollstrecke ich die Glut meines Zornes / will Efraim nicht weiter verderben. / Denn Gott bin ich, und nicht ein Mann, / in deinem Zentrum eine heilige Grösse. / Ich komme nicht mit Schrecken. / Hinter der Ewigen gehen sie her. / […] und da kommen zitternd die Söhne und Töchter vom Mittelmeer: / Zitternd wie ein Vogel kommen sie aus Ägypten, / und wie eine Taube aus dem Land Assur. / Ich lasse sie wieder in ihren Häusern wohnen – spricht die Ewige.» (Hos 11,9-11)
Gott greift nicht hart durch, weil sie die Vertriebenen liebt und ihnen eine Zukunft eröffnen möchte. Die Menschen, die zitternd wie Vögelchen beieinander sitzen, obdachlos, preisgegeben den Gewalten, sie sind es, die Gott daran hindern, seinem Zorn freien Lauf zu lassen. Gott ist die Kraft, die Menschen sammelt, rettet, tröstet. Darum kommt Gott nicht mit Schrecken, sondern zusammen mit den Vertriebenen. Das ist eine Vision, ein Appell, eine Erinnerung an die Kraft des Erbarmens und die Not-wendig-keit von Gerechtigkeit. Gott hätte allen Grund, die Dumpfen, Brutalen, Gierigen unter den Menschen vernichtend zu schlagen. Aber Gott sieht die Verletzlichen und lässt darum von ihrem Plan ab. Gott kann umkehren – sie macht es uns vor. Sie unterbricht sich selbst, besinnt sich, weil sie sieht und hört und spürt und weiss. Dass wir ihr glauben und selber beginnen zu sehen, zu hören, zu handeln, wäre die Frucht der leidenschaftlichen Lektüre.
Das Systemversagen verlangt Umkehr
Der Verlust der Artenvielfalt, das Insektensterben, die globale Erwärmung machen uns zurecht Angst. Und die gefolterten Flüchtlinge in Libyen, die verlassenen Dörfer im Tschad, die Tausenden, die im Mittelmeer sterben, decken die systemische Menschenverachtung auf. Die Gottheit dieses Systems baut noch immer auf Wachstum, Vermehrung des Gewinns und militärische Abschreckung. Sie hat noch immer alles im Griff, behauptet sie. Sie kann nicht umkehren.
Die biblischen Texte sind durchzogen von Untergangserzählungen, weil unsere Mütter und Väter im Glauben viele Untergänge erlebt haben. Sie haben erlebt, was Grossmächte anrichten können. Sie haben aber gemerkt, dass Unrechtssysteme an sich selber scheitern. Systeme mit Gerechtigkeitsfehlern kollabieren an sich selbst. Dieses Wissen geben sie uns weiter. Es ist im Grunde ein Hoffnungswissen, denn es bedeutet, dass die Unrechtssysteme nicht ewig dauern werden. Was auf Gerechtigkeit beruht, das hat Bestand. Diese einfache Wahrheit durchzieht die Bibel als roter Faden. Ihre Texte appellieren an uns, nicht mitzumachen bei der Profitgier der Grossen und statt dessen nach Wegen der Solidarität mit den Kleinen zu suchen. So beginnt Umkehr.
1 Carola Rackete, Handeln statt hoffen. Aufruf an die letzte Generation. München 2019. S. 35.