Ich begann, meine Sommer auf der biologisch-dynamischen Grail-Farm im Südwesten Ohios zu verbringen. Vier Jahre lebte ich dort als Mitglied der Bewegung. Während einiger Zeit war ich sogar für die Hühner verantwortlich, fand es aber schwierig, mit ihnen zurechtzukommen.
Welt-Wasser-Krise rüttelt auf
Ich war immer schon eher ein Stadtmensch und kehrte deshalb 1983 nach New York zurück, wo ich ein Studium der Religion aufnahm, mit Schwerpunkt Genderund Literaturtheorie. 2001 hatte ich als Professorin an der Graduate Theological Union in Berkeley unverhofft Gelegenheit, an einem einwöchigen Programm über die Welt-Wasser-Krise teilzunehmen, geleitet von der kanadischen Wasser-Aktivistin Maude Barlow. Barlow erläuterte, dass bereits eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser mehr hätten. 2050 würden es drei Milliarden sein und – wenn wir so weitermachten – gäbe es Ende des 21. Jahrhunderts überhaupt kein sauberes Wasser mehr.
Barlows Szenarien haben mich aufgerüttelt. Ich begann, Kurse über Christliche Ethik und die Welt-Wasser-Krise zu organisieren, und animierte die Studierenden, Unterschriften für eine Petition zum Verbot von Plastikflaschen zu sammeln.
«Umweltrassismus»
Meine Stelle an einem mehrheitlich afroamerikanischen Seminar sensibilisierte mich für den «Umweltrassismus» – also für den Umstand, dass Klimawandel und Umweltzerstörung viel schädlicher sind für die Menschen im globalen Süden und für Menschen of color (Communities of color) hier in den USA als für Weisse Europäer*innen und Amerikaner*innen. Mit meinem Ehemann zusammen habe ich mehrere Kurse zu «Umweltrassismus» und Predigen durchgeführt, um die Studierenden darauf vorzubereiten, wie sie in der Verkündigung in ihren Kirchen die Klimakrise thematisieren können. Viele dieser Studierenden waren erstaunt, als sie von den ungleichen Auswirkungen der Klimakrise erfuhren. Denn sie hatten die Umweltbewegung bislang als Angelegenheit von privilegierten Weissen Menschen mit einer Vorliebe für Eisbären und die Wildnis wahrgenommen.
Religion und Klimakrise
Stark beeinflusst haben mich in den letzten Jahren verschiedene Forschungsarbeiten zum Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Klimawandel. Dennoch neige ich der Position des bedeutenden indischen Autors, Amitav Ghosh, zu, der sich in seiner Studie The Great Derangement mit den kulturellen Faktoren befasst, die dem Klimawandel zugrunde liegen. Er argumentiert, dass die Weltreligionen das grösste Potential haben, angesichts der Gefahr des Klimawandels global die Einstellungen und das Verhalten ändern zu können. Dies, weil sie bereits organisiert sind und in gewissen Fällen mit einer einzigen Stimme sprechen können.
Für Ghosh und für mich ist die Umwelt-Enzyklika Laudato Si’ von Papst Franziskus von 2015 das beste Beispiel dafür, wie Religion global Einfluss auf die Klimadebatte ausübt. An dieser Stelle muss ich betonen, dass ich seit fünfundvierzig Jahren katholische Feministin bin und oft genug die hierarchische Struktur der katholischen Kirche kritisiert habe. Daher war ich überrascht, als ich angefragt wurde, an verschiedenen gesellschaftskritischen Veranstaltungen über die päpstliche Enzyklika zu sprechen. Das führte mich zur Überlegung, dass eine zentralistische religiöse Organisation mit einem global anerkannten Oberhaupt unter gewissen Bedingungen nicht völlig schlecht ist.
Beeinflusst von Elizabeth A. Johnson
Mein Schreiben, Unterrichten und politisches Engagement wurden zudem von zwei öko-feministischen Theologinnen stark beeinflusst, der katholischen Feministin Elizabeth A. Johnson und der protestantischen Prozesstheologin Catherine Keller. Johnson ist bekannt durch ihr Werk Ich bin, die ich bin: Wenn Frauen Gott sagen (1992, deutsch 1994). Darin argumentiert Johnson, dass Gott/Geist-Weisheit («Spirit-Sophia») sich durch die ganze Natur und nicht nur in der Geschichte der Menschheit zeigt. Später in ihrem Buch Der lebendige Gott: Eine Neuentdeckung (2007, deutsch 2016) wagt Johnson zu behaupten, dass Gott leidet, weil Gottes Geist in der gesamten leidenden Schöpfung wohnt. Johnson erweitert 2014 diese Vision eines leidenden Gottes in Ask the Beasts: Darwin and the God of Love (Frag die Tiere: Darwin und die göttliche Liebe), indem sie einen Zusammenhang zwischen Darwins Die Entstehung der Arten und den Lehren des Konzils von Nicäa aufzeigt. Da im Prozess der Evolution alle Arten leiden müssten, spanne die Logik der Menschwerdung Gottes die göttliche Solidarität vom Kreuz bis zu allem Geschaffenen. Gottes Liebe ermögliche und unterstütze immerwährend das Wachsen und Gedeihen aller Arten. Zugleich leide Gott solidarisch verbunden mit allen in den Jahrtausenden der Evolution sterbenden Kreaturen, vom Aussterben der Arten bis hin zum Spatz, der tot vom Baum fällt.
Beeinflusst von Catherine Keller
Die Risse, welche die Klimakrise durchziehen, beschäftigen auch Catherine Keller zutiefst. Während Elizabeth A. Johnson Gott und Schöpfung über das Kreuz verbindet, setzt Keller bei der Prozessphilosophie/-theologie und den Paulusbriefen an. Davon ausgehend zeichnet sie ein Bild einer überzeugend anwesenden (persuasive) Gottheit, die in die ganze Schöpfung eingebettet ist. Sie löst damit das traditionelle Bild einer transzendenten Gottheit ab, welche über die Menschen herrscht und das ganz Andere sein will. Doch während die frühere Prozesstheologie vor allem das Einssein Gottes mit dem Universum betont, beruft sich Keller auf die christliche mystische Tradition, die von Gottesbezeichnungen Abstand nimmt und sich stattdessen auf einen Raum der Stille beruft, aus dem Neues erwachsen kann. Konkret verweist sie auf eine schweigende Schöpfungskraft, in der wir alle eins sind. Da wir Menschen zusammen mit der ganzen Schöpfung in dieses göttliche Geheimnis eingebettet sind, sind wir aufgerufen, miteinander in liebendem Ringen das Umfeld zu schaffen, aus dem eine neue messianische Möglichkeit entstehen kann.
Kellers Theologie basiert auf einer neuen Interpretation der Evolution, insbesondere auf dem Werk der innovativen Biologin Lynn Margulis. Sie vertritt die These, dass sich die Arten stärker durch Zusammenarbeit entwickeln als durch das Wettbewerbsprinzip, das auf dem «Überleben der Stärksten» basiert. Ein solches wissenschaftliches Verständnis verändert die theologischen Vorstellungen, die auf dem Prinzip der Hierarchie beruhen, und verlangt statt dessen nach Anerkennung der tiefen gegenseitigen Verwiesenheit der menschlichen und nicht-menschlichen Teile der Schöpfung. In gewisser Hinsicht führt die Hinwendung zu dieser neuen Wissenschaft über den christlichen Öko-Feminismus von Elizabeth A. Johnson hinaus, die Darwins Theorie mit dem leidenden Gott der Liebe verbindet. Dies hat tiefgreifende Konsequenzen für die aktuelle Politik wie für unseren Planeten und die christliche Tradition. Keller entfaltet diese Einsicht in ihrem jüngsten Buch Political Theology of the Earth (Politische Theologie der Erde).
Gottes Schweigen
Was mein Denken vielleicht mehr als alles andere beeinflusst hat, ist das Schweigen Gottes, das Keller mitten im Herzen des Kosmos verortet hat. Zahlreiche katholische Feministinnen und Befreiungstheologinnen wie Ivone Gebara und Elisabeth A. Johnson basieren in ihrem Verständnis auf der mystischen Tradition, die von einem unbekannten Göttlichen ausgeht und dieses mit dem Wesen der Wirklichkeit verbindet. Keller geht darüber hinaus, indem sie das Messianische schrumpfen und die eigentliche Transformation aus dem Herzen des göttlichen Schweigens entstehen lässt, in das der ganze Kosmos eingehüllt ist. Für mich hat diese Vision des Göttlichen den transzendenten Gott der Theologie ersetzt, in der ich unterrichtet wurde.
Ich verdanke Johnson, Keller und anderen die Vision eines mitfühlenden und überzeugend anwesenden Göttlichen, in dessen verwandelndem Schweigen die ganze Schöpfung eingehüllt ist. Diese Vision wird – davon bin ich überzeugt – mein öko-feministisches Schreiben, Lehren und politisches Engagement in den kommenden Monaten und Jahren nähren.
Literatur
- Marian Ronan, Theologian’s Work Connects God, Women and Creation. In: The National Catholic Reporter, April 22-May 5 2016, 1a. (Link zum Beitrag auf dem Blog)
- Marian Ronan, Rezension zu Catherine Keller’s Political Theology of the Earth. In : The National Catholic Reporter, September 6–19, 2019, 28. (Link zum Beitrag auf dem Blog)
- Marian Ronan, Women of Vision: Sixteen Founders oft the International Grail, Berkeley 2017.