Ausgabe 2020/3

Google unser in der Cloud?

Google unser in der Cloud, Geheiligt werde Deine Suche...
© Brigitte Tast: Informatikmesse CeBIT, 1988
Text: Christina Aus der Au / 08.06.2025

Google unser in der Cloud,
Geheiligt werde Deine Suche,
Dein Crawler komme,
Dein Algorithmus geschehe,
auf dem Laptop wie auch auf dem Handy.
Unsere täglichen Likes gib uns heute.
Und vergib uns unsere Dislikes,
wie auch wir vergeben unseren Hatern.
Und führe uns nicht auf irrelevante Seiten,
sondern erlöse uns vom eigenen Wissen.
Denn Dein ist das Netz und die Allwissenheit und
die Singularität in Ewigkeit.
Amen.

Christian Hoffmeister, der Kommunikations- und Digitalisierungswissenschaftler, beginnt mit diesem «Gebet» sein Buch «Google Unser». Er stellt darin die These auf, es gebe «eine neue Sphäre der Jenseitigkeit, die Erlösung und Heil für alle verspricht: das Internet und die dahinter verborgenen digitalen und virtuellen Welten.» (S. 43) Das Internet und diejenigen, die seine Informationen sammeln und verarbeiten, also vorwiegend Google, Amazon, Facebook und Apple oder kurz GAFA, seien wie religiöse Glaubensgemeinschaften mit einer eigenen Weltanschauung, eigenen Priestern und Dogmatiken und eigenen Heilsversprechen.

Blasphemie oder Satire?

Wenn GAFA die Kirchen sind – wer wird dann angebetet? Wer ist dann Gott? Anthony Levandowski, ein ehemaliger, hochrangiger Google-Mitarbeiter, hat die Antwort. Wenn in Zukunft etwas entwickelt werde, das viel klüger sei als die Menschen, dann würde dieses «Was-auch-immer» die Verantwortung und die Kontrolle übernehmen. Es hätte das Internet als Nervensystem, die Handys, Kameras und Sonden weltweit wären seine Sinnesorgane und die Datenzentren seine Gehirne. Dieses «Was-auch-immer» würde alles sehen, hören, wissen und wäre überall – und wie könnte man ein solches «Was-auch-immer» anders nennen als eben «Gott»! Und damit dieser allwissende, allmächtige Internet-Gott die Menschen dereinst nicht einfach hinwegfegt – oder bestenfalls als Haustiere behandelt –, hat Levandowski die Kirche «Way of the Future» (WOTF) gegründet, in der wir diesen Gott so anbeten lernen, dass er uns dann wohlgesonnen ist.1

Supercomputer als Gott von morgen?

Die Kirche WOTF nimmt sich mit ihren 344 Followern auf Twitter bescheiden aus. Aber Levandowski buchstabiert nur auf etwas naive Art und Weise aus, was als Vision bei manchen KI-Theoretikerinnen und -Theoretikern zu ahnen ist: Eine genügend weit entwickelte Künstliche Intelligenz wäre von Gott ununterscheidbar.

Es scheint, dass dieser Gott uns näher ist, als wir denken. Der Futurist und Google-Direktor Ray Kurzweil nennt den Punkt, an dem ein ultraintelligenter Computer entwickelt werden wird (der dann seinerseits ohne die Menschen weitere ultraintelligente Maschinen entwickeln wird) eine «Singularität» und setzt sie im Jahr 2045 an.2 Für einen solchen Computer, der die Menschen überflüssig machen wird, würde laut Kurzweil eine Rechenleistung von zehn Billiarden Berechnungen pro Sekunde benötigt, das entspricht zehn Petaflops. Der erste programmierbare Rechner aus dem Jahr 1941 schaffte noch zwei Flops, der schnellste Supercomputer heute kann zweihundert Petaflops, das sind mehr Berechnungen in einer Sekunde als die Weltbevölkerung in einem Jahr schaffen würde.3 Gott ist also schon da.

Vorwärts zu einer Theologie der Vergangenheit?

So sehr ich als grosser Fan von Science Fiction begeistert und fasziniert bin von solchen Entwicklungen, so sehr ärgert mich die Theologie dahinter. Was für ein unglaublich veraltetes und dazu noch ganz und gar unbiblisches Gottesbild steckt hinter einer solchen Aussage?! Allgegenwart und Allwissenheit sind seine hervorstechenden Eigenschaften – und danach kommt nichts mehr. Dieser Gott vergisst nichts, verzeiht nichts, und seine Klugheit basiert auf einer immensen Rechenkapazität. Die Menschen übertragen diesem Computer-Gott alle ihre Entscheidungen, denn die Künstliche Intelligenz weiss natürlich alles am Besten und hat keine eigenen Interessen.

Aber das ist ein Gottesbild, wie wir es hoffentlich überwunden haben! Das ist der totalitäre Google-Gott, der alles im Griff hat, der Gott mit dem Buch, in dem er alles aufschreibt, alle Taten als Daten sammelt, der nichts vergisst und der für die Menschen ultimativ entscheidet, was gut ist und was böse, wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle. Von diesem Gottesbild haben wir uns doch nicht zuletzt dank der befreiungstheologischen und feministischen Theologie gelöst, das sollten wir nicht als vermeintlich modern durch die Hintertür wieder hereinlassen! Und dann noch einen Gott, den wir beschwichtigen müssen, damit er uns nicht als bestenfalls überflüssige, schlimmstenfalls schädliche Unterwesen vernichtet, wie es Levandowskis Kirche nahelegt! Sie ist ein schönes Beispiel dafür, zu welchem archaischen Gottesbild es führt, wenn Religion aus Angst entsteht.

Biblische Theologie der Leiblichkeit

Dem biblischen Gottesglauben liegt ein ganz anderes Menschenbild als dasjenige der KI-Jünger*innen zugrunde. Den biblischen Menschen (und seine Nachfolger*innen) treibt nicht der Versuch an, die Welt in den Griff zu kriegen, weder explanatorisch noch praktisch, sondern das Bestreben, in und mit seiner Umwelt ein gutes Leben zu führen. Und dies nicht vorwiegend im moralischen Sinne, sondern umfassender: «Geh, iss dein Brot mit Freude und trinke frohen Herzens deinen Wein. Denn Gott gefällt seit langem schon, was du tust.» (Prediger 9,7), oder wer es frömmer haben will: «Glücklich sind die Frau, der Mann, (…), die ihre Lust haben an der Weisung Gottes, diese Weisung murmeln Tag und Nacht. Wie Bäume werden sie sein – gepflanzt an Wasserläufen, die ihre Frucht bringen zu ihrer Zeit, und ihr Laub welkt nicht.» (Psalm 1,2f). Dies ist eine Vorstellung des guten Lebens, das nichts mit Optimierung und Perfektionismus zu tun hat, sondern mit einer Harmonie von Leib und Seele, die einerseits tief in diesem Leben wurzelt, andererseits getragen ist von einem guten und nährenden Gott. Der Mensch darf und soll Leib sein, weil Gott ihn als Leib erschaffen hat. Und so ist auch Gott die Leiblichkeit nicht fern, was sich im Bild der Trinität ausdrückt: die Schöpferkraft, die menschgewordene Liebe und der Geist, der im Menschen wohnt.

Denkendes, liebendes, träumendes Fleisch

Wie sehr sich die beiden Ansätze, das Weltbild der Künstlichen Intelligenz und das biblisch verwurzelte Weltbild der Leiblichkeit, fremd sind, illustriert – ganz ohne apologetische Absicht – auf umwerfende Art und Weise eine Kurzgeschichte des Science-Fiction-Autors Terry Bisson. Ausserirdische besuchen die Erde und können es nicht fassen, wie Menschen funktionieren. Sie diskutieren anschliessend mit kaum verhohlenem Ekel ihren Befund:

«Aber wie ich schon sagte, wir haben sie gründlich untersucht, komplett sondiert. Sie sind aus Fleisch, durch und durch.» «Kein Gehirn?»
«Oh, natürlich haben sie ein Gehirn. Aber das Gehirn ist eben aus Fleisch.»
«Und… was denkt dann?»
«Sie verstehen es nicht, oder? Das Gehirn denkt. Das Fleisch.» «Denkendes Fleisch! Sie verlangen von mir, dass ich an denkendes Fleisch glaube!»
«Ja! Denkendes Fleisch! Bewusstes Fleisch! Liebendes Fleisch. Träumendes Fleisch. Es gibt bei ihnen nichts ausser Fleisch! Verstehen Sie jetzt?»
«Oh mein Gott. Sie meinen es also ernst. Sie sind aus Fleisch.»4

Ja, wir meinen es ernst. Menschen sind aus Fleisch – denkendes, liebendes, träumendes Fleisch. Dies wird niemals vollständig übersetzbar sein in welchen Supercomputer auch immer. Und ein Gott, der den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, ein liebender und eifernder Gott, der wüten kann und geniessen, trauern und trösten, ist meilenweit entfernt von einer allwissenden, allgegenwärtigen, unparteiischen, weil völlig neutralen, Künstlichen Intelligenz.

So mag es zwar das Glaubensbekenntnis der digital Religiösen sein, dass Künstliche Intelligenz nach dem Eintreten einer Singularität von Gott ununterscheidbar sei, das christliche Glaubensbekenntnis ist immer noch der Glaube an Gott die Schöpferkraft, an den mensch- und fleischgewordenen Christus und an den Heiligen Geist, der in uns wohnt. Und damit das Festhalten an der unhintergehbaren Leiblichkeit und Personalität dieses dreieinigen Gottes.

1 Max Harris, Inside the first Church of Artificial Intelligence, wired 2017, https://www.wired.com/story/anthony-levandowski-artificial-intelligence-religion/ (5.6.20)
2 So jedenfalls in einem Interview aus dem Jahr 2005, https://www.kurzweilai.net/singularity-q-a, (7.6.20, nicht länger verfügbar)
3 https://edition.cnn.com/2018/06/09/world/supercomputer-summit-america-china-trnd/index.html (7.7.20)
4 Im Original hier: http://www.eastoftheweb.com/short-stories/UBooks/TheyMade.shtml, deutsche Übersetzung: https://www.schlabonski.de/fleisch.html (18.7.20, nicht länger verfügbar)