Die Autorinnen hatten in mehreren Fokusgruppen in der deutschen Schweiz Frauen im Alter zwischen 55 und 75 Jahren nach ihren Vorstellungen und Wünschen in Bezug auf das hohe Lebensalter befragt, falls sie wegen körperlicher oder geistiger Einschränkungen ihren Alltag nicht mehr ohne fremde Hilfe bewältigen könnten. Selbstbestimmung war das wichtigste Anliegen der befragten ca. 70 Frauen, bei gleichzeitig grosser Angst vor Abhängigkeit. Gefragt nach ihren Vorstellungen in Bezug auf das Lebensende betonten sie die Wichtigkeit der sozialen Kontakte und der Würde der Person. Sie wünschten sich, bis ans Lebensende als Individuum wahrgenommen und physisch und emotional nicht vernachlässigt zu werden.1
Angefangen hat es mit «Paro»
Ein Jahr später stellten sich einige Frauen der Grossmütter-Revolution im Hinblick auf einen Workshop am Denknetz-Kongress Reclaim Democracy im Februar 2020 die Frage, ob Digitalisierung und Robotik zu mehr Selbstbestimmung und grösserer Unabhängigkeit führen könnten. Im Laufe des letzten Jahres war das Thema auffallend häufig in den Medien aufgenommen worden, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Pflegenotstandes in Spitälern, Heimen und bei ambulanten Diensten.
«Paro» hatte zu dieser Zeit schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Paro ist ein weisses flauschiges Robbenbaby, ausgestattet mit einer ganzen Reihe von Sensoren. Es kann den Kopf wenden, die Augen aufschlagen, Töne von sich geben, die an ein Menschenbaby erinnern. Es wird vor allem bei Menschen mit Demenz eingesetzt. An ihm entzündete sich die ethische Diskussion über den Einsatz von emotionalen Robotern.
Grundsätzliches
Die Technologisierung im Gesundheitswesen ist eine Tatsache. Wir lehnen sie nicht grundsätzlich ab. Sie lässt sich auch nicht aufhalten. Wir sind weder Expertinnen in diesem Bereich noch in der Pflege. Wir argumentieren aus der Sicht von Frauen im dritten Lebensalter, denen das vierte bevorsteht. Aufgrund unserer Arbeit der letzten zehn Jahre legen wir ein besonderes Augenmerk auf das hohe Alter, denn dieses ist im Gegensatz zum dritten Lebensalter oft unsichtbar.
Ein gutes Leben im hohen Alter bedeutet, dass das Wohlbefinden der Hochaltrigen im Vordergrund steht, die Professionellen gute Arbeit leisten können und das private Umfeld nicht überfordert ist. Für uns steht ausserdem die Care-Arbeit im Vordergrund. Wir verstehen darunter jede fürsorgende Dienstleistung am Menschen. Besondere Merkmale sind, dass sie durch ein Abhängigkeitsverhältnis gekennzeichnet ist, eine emotionale Komponente enthält und sich in der Zeitstruktur von anderen Dienstleistungen unterscheidet: Sie ist nur beschränkt rationalisierbar.2
Ethische Fragen
Die Zahl der Titel zum Thema Robotik in der Pflege ist in den letzten Jahren stark gestiegen. In der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung stand, konnten wir uns lediglich einen Überblick verschaffen. Die Lehren, die wir daraus gezogen haben, lassen sich in Kürze folgendermassen zusammenfassen: Die technologischen Möglichkeiten scheinen nahezu unbegrenzt zu sein in den Augen der weitestgehend männlichen Entwickler. Was jetzt schon möglich ist und was in Zukunft möglich sein wird, hört sich oft geradezu euphorisch an. Der Rückbezug auf die Menschen (besonders ältere Menschen) ist aus der Entwicklungsperspektive sekundär. Es wird davon ausgegangen, dass die kommenden Generationen von älteren Menschen ohne Probleme mit den technischen Geräten zu Rande kommen, bzw. dass die Geräte so intelligent sein werden, dass eine Bedienung weitgehend obsolet ist. Die technologischen Entwicklungen sind jedoch nicht umsonst zu haben, und sie sind kein Wohltätigkeitsprojekt. Grosse Gesundheits- und IT-Konzerne, Produktionsfirmen und Investmentfonds haben handfeste Interessen. Die Sozialwirtschaft ist ein Wachstumsmarkt. Die Investitionen müssen rentieren. Es wird produziert, was einen Markt findet.
Das wirft die Frage auf, inwieweit die technischen Möglichkeiten mit den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen kompatibel sind. «Smart Secure Living» bezeichnet beispielsweise eine Unterstützung meist älterer Menschen im täglichen Leben durch intelligente Technik. Die Anwendungsgebiete reichen dabei von Funktionen wie automatisch abschaltende Küchengeräte über emotionale Roboter, die mit Menschen interagieren können, bis hin zur Überwachung von Vitalfunktionen und der automatischen Benachrichtigung von Hilfskräften oder Angehörigen im Notfall. Letztlich geht es in der ganzen Diskussion um das konfliktreiche Verhältnis zwischen technikzentrierter und human-zentrierter Arbeit und um die Folgen, wenn der eine oder andere Schwerpunkt Überhand nimmt. «Maschinen können selbstverständlich keine Menschen ersetzen», steht fast in jedem Beitrag, allerdings oft nur als Nebenbemerkung. Der Einbezug der sogenannten EndnutzerInnen in die Entwicklung von Geräten ist höchst selten.
Spannungsfelder
Aus unserer Sicht sollten die folgenden drei Themenbereiche in naher Zukunft breit diskutiert werden:
1. Selbstbestimmung
Wir wünschen uns bis ins hohe Alter weitestgehende Selbstbestimmung, auch dann, wenn wir fremde Hilfe benötigen. Aber werden wir die Wahl haben, über Art und Weise unserer Betreuung und Pflege – sei es zu Hause oder in einer Institution – zu bestimmen? Welche Rolle spielen dabei die Kosten, die technologische Entwicklung, unsere persönliche finanzielle Situation?
Welches Ziel hat Langzeitpflege? Geht es um unser Wohlbefinden verbunden mit menschlicher Anteilnahme oder um Sicherheit dank Überwachung und Kontrolle? Haben wir Verfügungsgewalt über die gesammelten Daten und wer übernimmt sie für uns, wenn wir nicht mehr dazu fähig sind?
2. Zukunft der Care-Arbeit
Care-Arbeit bedeutet ganzheitliche fürsorgende Dienstleistung am Menschen. Neben fachlichen Anteilen enthält sie auch emotionale Komponenten, und ihre Zeitstruktur ist nur beschränkt rationalisierbar. Ist Care-Arbeit mit Hilfe von neuen Technologien und Robotern möglich? Wird sie als Pflege eingestuft und damit von den Krankenkassen übernommen oder als Betreuung, die nicht unter die Kassenleistungen fällt? Wird die allenfalls durch Technologien gewonnene Zeit tatsächlich für Pflege und Betreuung genutzt, oder müssen Pflegepersonen mehr Pflegebedürftige übernehmen?
3. Umgang mit emotionaler Robotik
Paro, Pepper, Thea oder Sophia sind sogenannte emotionale Roboter. Sie können alte Menschen ablenken, unterhalten, beruhigen. Ist es unterstützend oder schädlich, wenn wir emotionale Beziehungen gegenüber Robotern entwickeln? Wie weit können wir selbst bestimmen, ob Care in Form von Zuwendung wie Reden, Singen, Streicheln von Robotern oder von Menschen ausgeübt wird? Wird Care zu einem Privileg von Menschen, die dafür bezahlen können? Ethisch ist es prinzipiell falsch zu täuschen. Ist Täuschung bei demenzkranken Menschen «erlaubt»?
Perspektive Care-Gesellschaft?
Eben hat das Denknetz das Plädoyer «Perspektive Care-Gesellschaft» veröffentlicht.3 Und eben hat der Pandemie-Lockdown vor Augen geführt, dass praktisch alle Wirtschaftszweige heruntergefahren werden können, nur nicht die unmittelbare Sorge um den Menschen. Sind Care-Arbeit und Technologisierung vereinbar? Grundsätzlich eignet sich die Technologisierung für die Durchökonomisierung von Abläufen, die zählbar, messbar, beobachtbar, vergleichbar sind. Die Care-Arbeit ist es nicht. In seinen Poetikvorlesungen schreibt der Schriftsteller Jonas Lüscher, wir liefen Gefahr, wenn sich Relevantes letzten Endes doch nicht messen liesse, das Messbare stattdessen für relevant zu erklären.4 An diesem Punkt stehen wir.
(M)eine vorläufige Antwort
Führen nun Technologisierung und Robotik zu mehr Selbstbestimmung: Ich denke, in einer ersten Phase im vierten Lebensalter ist es durchaus möglich, dass smarte Geräte – so wir sie denn beschaffen, zahlen, installieren und nutzen können – uns das tägliche Leben erleichtern. Dass mit vielen Geräten Überwachung und Kontrolle verbunden sind, die als Sicherheit getarnt werden, schränkt eben diese Selbstbestimmung wieder ein. Je fragiler und schwächer wir werden, je grösser wird das Bedürfnis nach Nähe, menschlichen Kontakten, Abwesenheit von Technik. So unsere GesprächspartnerInnen in der Studie, und ich schliesse mich ihnen an.
Denn einmal wird es ein Ende mit uns haben. Und aus meiner Sicht ist es unnötig, es so lange wie möglich hinauszuzögern.
1 Manifestgruppe der GrossmütterRevolution (Hg.), 2018: Selbstbestimmung und Abhängigkeit. Erwartungen von Frauen an das hohe Alter. Autorinnen: Elisabeth Ryter, Marie-Louise Barben.
2 Manifestgruppe der GrossmütterRevolution (Hg.), 2015: Care-Arbeit unter Druck. Ein gutes Leben für Hochaltrige braucht Raum. S. 26. Autorinnen: Elisabeth Ryter, Marie-Louise Barben.
3 https://www.denknetz.ch/ sowie Das Denknetz, Mai 2020, S. 3.
4 Jonas Lüscher, Ins Erzählen flüchten, München 2020, S. 61.