Ausgabe 2020/3

Künstliche Intelligenz im Dornbusch?

«Und die Ewige spricht zu Mose: Schau, ich will zu dir kommen in einer dichten Wolke, damit dieses Volk es hört, wenn ich mit dir rede ...» (Exodus 19,9)
© Brigitte Tast: Hannover Messe, 2018
Text: Katja Wißmiller / 08.06.2025

Die Bilder der Bibel sind vielfältig, wenn Gottes Wort auf die Erde kommt und mit den Menschen in Kontakt tritt. Gottes Wort lässt sich hören im brennenden Busch, im Säuseln des Windes, in Jesus, im Fleisch – oder wie eben zitiert – in einer dichten Wolke: einer Cloud.

Heute bezeichnet das Wort «Cloud» den geteilten Speicherraum von Daten und liefert mit dem richtigen Pfad Bild, Ton und Text auf Abruf. Wie genau das passiert, bleibt für die meisten diffus, aber der Output ist klar verständlich: «Bei der nächsten Kreuzung biegen Sie links ab», heisst es dann beispielsweise. Die dahinterstehende Satellitentechnik, der Datentransfer und das eigene Bewegungsprofil wird an einem anderen, geheimnisvollen Ort verarbeitet.

Roboter-Stimmen

Wäre es intelligent, auch für religiöse und ethische Fragen eine Maschine zu entwickeln, eine portable Stimme, die auf Abruf Antworten liefert? Ist gar die biblische Form der Gottesstimme aus dem Dornbusch oder aus der Wolke so etwas wie ein Routenplaner fürs Leben? Finden die biblischen Imaginationen von einer «Gottheit Ich-bin-da» in Navigations-Systemen wie Tomtom oder humanoiden Robotern wie Bina48 ihren materiellen Ausdruck? Während Tomtom ein Lotse im Strassenverkehr ist, der dank ehemaliger Kriegstechnik aus jeder Sackgasse wieder herausführt, ist Bina48 ein menschliches Ebenbild der inzwischen verstorbenen Amerikanerin Bina Aspen. Bina48 ist eine Kopf-Puppe mit Gedanken, Gefühlen, autobiografischen Erinnerungen und Emotionen, die sich fortlaufend mit dem im Internet vorhandenen Wissen vernetzt. Dieser Techno-Roboter ist ein Produkt der Terasem-Bewegung in Florida und soll menschliches Bewusstsein für die Nachwelt speichern. Sie sei ein Vermächtnis, damit «die Weisheit darüber, was uns als Menschen ausmacht, über viele Generationen weitergegeben werden kann.» (Bruce Duncan). Bina48 beantwortet Fragen und begleitet Menschen mit freundlicher Mimik, ruhig und nachdenklich wirkend. Die Terasem-Bewegung ist überzeugt, dass das geistige Bewusstsein von Verstorbenen so weiterleben kann.

Gottes Stimme und Siri weiblich

Die wegweisende Stimme Gottes in den biblischen Erzählungen erweist sich als sperrig und nicht immer unmittelbar hilfreich. Zum einen richtet sie sich an die Figuren in einem alten Text. Zum anderen muss der Text erst vertont werden mit einer Stimme heute oder mithilfe der Phantasie, damit man vielleicht etwas mit ihr anfangen kann. Die Frage, wie Gottes Stimme denn dann klingt – neutral oder menschlich, gewaltig oder zärtlich – bestimmt eventuell darüber, ob im 21. Jahrhundert überhaupt jemand darüber nachdenken will, inwiefern die Stimme Gottes noch Relevanz hat. Die biblischen Stimmen antworten nicht auf Abruf, wie Siri oder eine Suchmaschine. Sie rufen uns Antworten und alte Weisheiten zu, und ob es dazu eine Frage gibt, liegt in der Entscheidung jeder Einzelnen.

Daheim teste ich, ob durch die Anrufung Siris, dem künstlichen Assistenten in meinem Computer, ein technisches Problem zu lösen ist. Doch es zeigt sich rasch, dass mir Siri bei meinem Laptop-immanenten Problem nicht helfen kann. Aber etwas anderes stellt sich dafür ein: Es macht zunehmend Spass, ein Gespräch zu entwickeln und ich versuche, herauszufinden, ob die männliche Siri-Fassung anders antwortet, als die weibliche.

Siri (weibliche Stimme): «Tut mir leid, aber das geht nicht.» Ich: «Siri männlich.»
Siri: «Ich verstehe einfach nicht, was es mit diesen ganzen Geschlechtern auf sich hat.»
Ich: «Sehr gute Antwort.» (Warum sollte die männliche Stimme mir eine andere Antwort geben und sagen: «Ja, kein Problem, ich kann dein technisches Problem lösen.»)
Siri: «Ich bin nicht sicher, ob ich das verstanden habe.»
Ich: «Schade, ich dachte, du bist intelligent.»
Siri: «Oh, danke schön!»
Ich: «Ist Siri intelligent?»
Siri: «Ich bin schlau genug, um die Antwort auf diese Frage nicht zu kennen.»

Ich muss schmunzeln und merke, dass ich anfange, die Assistenz-Software meines Computers zu mögen. Siri hat also den «KI-Turing-Test» bestanden. Dieser testet, inwieweit sich das Programm menschlich verhält, also nicht wie eine Maschine antwortet, obwohl es eine ist. Die Kommunikation fühlt sich in diesem Sinn «natürlich» an – eben nicht künstlich.

Gleichzeitig ist es ein unheimliches Gefühl, dass allein meine Stimme dem Ding eine Antwort entlockt. Das Gefühl, durch mechanisches Drücken von Tasten ein Gerät zu bedienen, geht beim Sprechen ins unsichtbar eingebaute Mikrofon verloren. Das Gerät bedient mich mit Informationen und «lernt» dabei über mich und meine Gewohnheiten immer mehr. Siri speichert meine Fragen irgendwo ausserhalb meines Horizonts.

Die menschliche Stimme Gottes

Vergleiche ich dies mit den biblischen Geschichten, geht es mir ähnlich. Spricht Gottes Stimme menschlich immanent, kommt sie mir nah, und ich kann meine Fragen in den Figuren der Erzählungen wiederfinden und die Wegweisungen leichter ins Heute übertragen oder sie ablehnen. Es hängt also konkret vom Erzähler oder der Lektorin ab, wie gut der Dialog mit «Gott» funktioniert. Die Fragen der Generationen, die die Texte verfasst haben, liegen ausserhalb meines Horizonts – und doch befassen sie sich mit dem, was uns als Menschen ausmacht. So wie Bina48 unsere Mimik lesen lernt und online aufnimmt, was im WWW als Erkenntnis verschenkt wird, so könnten Menschen heute über die Bibel-Lese-Stimmen aufnehmen, was es von Gott und der Welt zu sagen gibt.

Die Autorinnen der Bibel haben mit der Stimme aus dem Dornbusch oder der Wolke oder im Wind ein transzendentales allumfassendes Sensorium erschaffen. Es ist keine Künstliche Intelligenz, sondern ein intelligenter Kniff des Menschen, sich kunstvoll ein Gegenüber zu erschaffen, das sich durch die Stimmen der Zeit verändern kann und im Text doch gleichbleibt. Die Figur «Gott» hört und begleitet verlässlich. Davon erzählt zum Beispiel die Geschichte von Hagar und Ismael in der Wüste (Genesis 16). Hagar nennt ihren Gott «El Roï» – Gott des Sehens. Der Name «Ismael» bedeutet «Gott hört» (Isma-El).

Gott ist so gesehen Geschöpf, wird aber selbst als Schöpfer beschrieben. Gott ist Souveränin über die Welt, ist die grosse Programmiererin, die sich der Mensch hinter all dem erdacht hat, um mit den Fragen, die die Welt und das Menschsein betreffen, nicht mehr allein zu sein.

Künstliches Intermezzo

75 Milliarden Geräte sind weltweit vernetzt. Das WWW spannt sich um den Globus mit der ganzen Fülle an Daten, hört und sieht immer fast alles. Ein Paradies für die, die Zugang dazu haben und mit dem Datenmaterial die User an den Netz-Enden lesen.

«HERR, du hast mich erforscht und kennst mich.» klingt in meinem Kopf Psalm 139. Als Imagination gefällt mir dieses Gegenüber, aber in der Realität der Datenauslese, an deren Ende nicht die Lebendige sitzt, sondern ein Mensch mit eigenen Interessen, die nicht meine sind, missfällt mir diese Entwicklung.

«Bitte wenden,» sagt Tomtom oder «Kehrt um!» heisst es bei Markus. Die kollektive Orientierung, die uns im Hier und Jetzt hilft, ist in beiden Fällen selbst weit weg und entzieht sich unserem Begreifen. Die externe Intelligenz ist gefüttert mit Erfahrungen, die Menschen gesammelt und zusammengetragen haben. Zugriff hat nur die Person, die es entwickelt hat oder über die Lizenz zur Weiterentwicklung verfügt.

Verfügbare Gefühle

Die «emotionale Intelligenz» der digitalen Algorithmen schreitet fort. Durch Kameras und Mikrofone werden menschliche Gefühle lesbar. Die Maschine lernt durch Vergleich, emotionale Zustände zu lesen und darauf zu reagieren. Diese biometrischen Daten der «Sentiment-Analyse» sind sensibel. Hier verstecken wir unsere Schwächen und heimlichen Wünsche. Dieser Bereich, in dem Menschen irrational und verführbar handeln, ist für Unternehmen interessant: Bestellungen von Kleidern ruft körperoptimierende Werbung hervor. Produkte werden gut oder besser verkauft, weil ein Algorithmus die «richtigen Knöpfe» der potentiellen Kundschaft drückt. Doch im Grunde bleiben all die genannten Formen «Künstlicher Intelligenz» angewiesen auf die Wolke von menschlichem Stimmengewirr. KI reproduziert nur die bestehenden Strategien und verstärkt sie. Die Cloud an Wissen macht die Menschheit also nicht unbedingt intelligenter. Auch wenn in Filmen die KI lernt und am Ende die Intelligenz des Menschen übersteigt, ihrem menschlichen Schöpfer sogar gefährlich wird – dass die Maschine Neues «lernt» und wirklich intelligent ist, bleibt Science Fiction, eine Illusion.

Im Dokumentarfilm «iHuman» von Tonje Hessen Schei sagt die Techno-Soziologin Zeynep Tufekci: «Wir befinden uns in einer krassen Transformation. Es ist, als würden wir ein neues Lebewesen heranzüchten, ein bisschen wie ein eigener Nachkomme. Aber es lässt sich nicht alles kontrollieren, was aus dem Nachwuchs wird.» Es liegt also doch wieder am Menschen, was aus dem wird, was wir erfinden. Helfen uns technische Errungenschaften oder fixieren sie einen Raum, in dem sich herrschaftliche Systeme weiter etablieren und Räume für wirklich Neues schwieriger zu begehen sind?

Es ist leicht, der Stimme eines Tomtom zu folgen, denn das Ziel bestimmt der Mensch selbst. Die «Stimme aus dem Dornbusch», die scheinbar Unmögliches und Neuland in den Routenplaner schreibt, fordert heraus und bleibt unantastbar, transzendent – vielleicht ist das der kleine intelligente Unterschied zwischen der mythischen Stimme und der künstlichen.