Ausgabe 2020/3

Volk-Gottes-Bubble | Fehler beim Streben nach Reichweite

«Je schlimmer das Internet wird, desto mehr scheinen wir danach zu verlangen.»
© Brigitte Tast: Berlinale, 1985
Text: Hanna Jacobs / 08.06.2025

Das schreibt die amerikanische Autorin Jia Tolentino über die Entwicklung des Internets in den letzten 20 Jahren1. Das Internet ist ein Ort der Vernetzung, der Austausch über jede Entfernung hinweg ermöglicht, der jedoch zunehmend durch Hate Speech, personalisierte Werbung und Bots unwirtlich wird. Eine virulente Frage ist derzeit, wie die Vorteile dieses basisdemokratischen Mediums, das jede_r mit Internetanschluss nicht nur nutzen, sondern auch gestalten kann, vor der Manipulation durch Autokrat_innen und Grosskonzerne gerettet werden kann.

Auch die Kirchen verlangt es danach mitzumischen. Von einzelnen Blogger_innen abgesehen, ist der deutschsprachige christliche Mainstream spät eingestiegen in das Spiel um Likes und Klickzahlen, in denen sich bemisst, wonach jede_r online strebt: Reichweite.

Internet und ich

Mein eigenes Verhältnis zu Digitalität hat sich verändert. War ich – vom Alter her ein Digital Native – lange begeistert davon, mich online mit Menschen zu vernetzen, die ähnliche Fragen hatten wie ich, beobachtete ich dann eine rauere, dauer-ironisierende Sprache in sozialen Netzwerken. Zudem bemerkte ich, wie das ständige on-Sein meiner Konzentrationsfähigkeit schadete und die vielen Online-Kontakte unübersichtlich wurden. So habe ich mich von einigen Plattformen zurückgezogen. Doch das, was für mich als Privatperson möglich ist, kann für die Kirchen keine Lösung sein. Sie können es sich nicht leisten, sich aus sozialen Netzwerken zurückzuziehen. Im Gegenteil, sie müssen ihre Online-Präsenz verbessern und ausbauen. Und das wenn möglich, ohne in eine der Fallen zu tappen, die ich im Folgenden beschreibe.

Social Media verhilft nicht zu neuen Mitgliedern

In sozialen Netzwerken sammelt man Follower oder Freund_ innen. Eine solche Beziehung kommt durch einen Klick zustande und kann ebenso schnell wieder gelöst werden. Es knüpfen sich keinerlei Verbindlichkeiten daran, einer Person oder einer Kirchengemeinde auf Twitter zu folgen. Und man kann gleich mehreren Personen, Gemeinden, Konfessionen folgen – digital muss man sich nicht mit einer Mitgliedschaft für eine geistliche Heimat entscheiden. Somit funktionieren solche Plattformen nach einer anderen Logik als Kirchen, die auf Mitglieder angewiesen sind. Wegen den abnehmenden Mitgliederzahlen wird das Bedürfnis der Kirchen grösser, bestehende Mitglieder zu halten und neue hinzuzugewinnen. Sie sind sogar zunehmend bereit, zu diesem Zweck in gute Onlinepräsenz zu investieren. Allerdings sorgen mächtige Algorithmen dafür, dass man online nur das zu sehen bekommt, was einen ohnehin interessiert oder der eigenen Meinung entspricht. Kirchliche Kampagnen werden daher überwiegend von kirchlich interessierten Nutzer_innen wahrgenommen. Social Media bringt der Kirche keine neuen Mitglieder, sondern kann – indem angeregt, getröstet und gebildet wird – ein Dienst an digital-affinen Menschen sein.

Kommunikation statt Verkündigung

Der grösste Fehler, den kirchliche Medienarbeit im Internet machen kann, ist von einem Sender-Empfänger-Modell auszugehen, was auch für analoge Gottesdienste längst passé sein sollte. Die Pfarrperson verkündigt, das Gemeindemitglied hört aufmerksam zu. Dieser Duktus war besonders bei vielen Formaten, die zu Beginn der Corona-Beschränkungen im März/April 2020 entstanden sind, zu beobachten. Das Internet ist aber als Netzwerk seinem Wesen nach auf Interaktion angelegt. In sozialen Netzwerken funktionieren daher solche Kampagnen besonders gut, die Menschen ermutigen, sich zu beteiligen, und das auf niederschwellige Art ermöglichen.

Für Kirchen und ihre Mitarbeitenden bedeutet das vor allem, dass sie üben müssen, loszulassen. Denn digital hat das Wort von Theolog_innen nicht automatisch Gewicht. Es steht gleichwertig neben anderen Aussagen und wird vor allem daran gemessen werden, ob es authentisch ist.

Das Digitale kann das Leibliche nicht ersetzen

Das Christentum braucht die Leiblichkeit. Was die Bibel von Jesus überliefert, ist oft zutiefst körperlich: die Berührung von Kranken und sogar Leichen, Speichel, Blutfluss, Wunden, die verbunden werden, Tiere, die geschlachtet werden, und immer wieder Essen. Die Sakramentenlehre beruht auf der Annahme, dass Gottes Gegenwart in Dingen erfahrbar ist, in Wasser, in Brot, in Wein. Die christliche Tradition weiss, dass der Mensch nicht nur aus Geist, sondern auch aus Körper besteht. Doch letztere Dimension bleibt im Digitalen zwangsläufig immer aussen vor. Egal, wie intensiv man sich online austauscht, einander die Hand geben, sich riechen, sich in den Arm nehmen – das kann man nicht. Einer Begegnung, die nur digital stattfindet, fehlt immer der körperliche Aspekt. Sie lässt nicht zu, dass der Mensch in seiner Ganzheit – bestehend aus Körper, Geist und Seele – am Anderen zum Du wird. Der Körper bleibt auf der Strecke. Deshalb kann es auch keine gültige digitale Taufe geben. Und auch wenn während des Corona-Lockdowns vielerorts bereits digital Abendmahl gefeiert wurde, ist fraglich, ob man sich auf Dauer mit Formen anfreunden möchte, bei denen jede_r sich selbst das Brot und den Kelch reicht.

Digital und analog sprechen verschiedene Sprachen

Die Pfarrer_innen mit besonderem Auftrag fürs Internet sind in der Regel jung, liberal, kreativ, pro-LGBTQ und modern. Sie verzichten auf allzu kirchliche Sprache und setzen Themen, die ansprechend oder kontrovers sind. Sie sind sich, wie alle Digital Natives, der Bedeutung von Reichweite bewusst und versuchen, diese für «ihre» Sache, den Glauben an Gott, zu erlangen. Die hauptamtlich Mitarbeitenden in den Kirchengemeinden vor Ort sind oftmals weder jung, noch theologisch progressiv und leider auch oft nicht besonders kreativ. Es besteht also eine Diskrepanz zwischen der hippen Online-Darstellung von Kirche und der Realität der überalterten Ortsgemeinde, in der man landet, sollte aufgrund eines anregenden Podcasts oder Videos tatsächlich das Interesse geweckt worden sein, z. B. einen analogen Gottesdienst aufzusuchen. Dieser hat jedoch, was online keine_r hat, nämlich Zeit und Ausdauer. Ein Gedanke kann in einem analogen Gottesdienst oder Diskussionsabend über eine Stunde hinweg entfaltet und von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Online hingegen muss es meist möglichst kurz und prägnant sein, damit User_innen nicht nach wenigen Sekunden oder Minuten weiterklicken. Das Nutzungsverhalten im Netz begünstigt daher Inhalte, die schnell und leicht verständlich sind: Zuspruch, Gottes Liebe und Mit-Sein. Für dialektische Theologie, die um die Möglichkeit menschlicher Gotteserkenntnis ringt, oder für die Rechtfertigungslehre, die fragt, wie Gnade erfahren werden kann, braucht es länger. Es stellt sich die Frage, wie auch komplexere Gottesbilder und Theologien digital kommuniziert werden können.

Was auffällt: Wenn es um kurze Videos auf Youtube oder um Instagram geht, sieht man viele junge (hübsche) Frauen. So gestalten z. B. derzeit fünf Frauen und ein Mann das evangelische Contentnetzwerk «yeet». Geht es aber um grössere Formate wie theologische Podcasts, sind mehrheitlich Männer am Ball.

Recht tun und Güte lieben und mitgehen mit Gott

Die Kirche hat online viel aufzuholen. Etliche Kirchgemeinden haben unübersichtliche und wenig ansprechende Websites, Social-Media-Kanäle werden von eine_r Pressereferent_in (oftmals ein_e Theolog_in) nebenbei mitbetreut, statt dafür Profis zu engagieren. Dabei ist eine gute Onlinepräsenz und das Bespielen aller sozialen Netzwerke längst nicht mehr optional, sondern ein Muss für jede Organisation, die nicht in Vergessenheit geraten will. Während Kirche aufholt, muss sie aber bereits die Nutzung dieses Mediums kritisch reflektieren, um sich nicht unwissentlich zu verstricken in Filterblasen, Harmlosigkeiten und Entfremdung. Es lässt sich kaum vermeiden, dass auch Kirche Teil hat an digitaler struktureller Sünde wie Big Data, Produktionsbedingungen von Smartphones, etc. Sich daraus ganz zurückzuziehen ist dennoch keine Option, sonst ginge Kirche ganzen Bevölkerungsschichten verloren. Im Sinne der Missio Dei ist Kirche gesandt, an Gottes Wirken in der Welt teilzuhaben. Und der Gott des Himmels und der Erde wirkt auch im Internet. Als Prüfstein schlagen Heidi Campbell und Stephen Garner in ihrem sehr empfehlenswerten Buch Networked Theology – negotiating faith in digital culture (Vernetzte Theologie – Glauben verhandeln in einer digitalen Kultur) vor, sich beim Umgang mit Medien und Technologien an Micha 6,8 zu orientieren: «Gott hat dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Adonaj von dir fordert: nichts andres als Recht tun und Güte lieben und besonnen mitgehen mit deinem Gott.» Es gilt also, sich im digitalen Raum für Gerechtigkeit und Wahrheit einzusetzen, sich loyal und grosszügig im Kontakt mit User_innen zu zeigen und achtsam mit den gegebenen Möglichkeiten umzugehen. Sie sind zum Wohl der Menschen einzusetzen.

1 Jia Tolentino, The I in Internet, Trick Mirror, 2019, S.32.