Bild an Bild, Stube an Stube füllen sich gleichmässig die Zuschauerränge zu einem bewegten Mosaik. Mikrophone aus, Ohren auf, Eintauchen in die Geschichtenwelt. Zu Beginn war es ein Experiment und ich hielt es für zum Scheitern verurteilt. Erzählen am Bildschirm, 2D?! Niemals kann das funktionieren. Ganz ausgeschlossen! Wie sollen denn die Geschichtenwellen von Bauch zu Bauch fliessen, wenn da lauter Plastik und Strom dazwischen ist? Aber eigentlich hätte ich als Katholikin ahnen sollen, dass es eben doch funktioniert. Bin ich es doch gewohnt, dass Realitäten sich ins Virtuelle verschieben, dass Erlebnisse und Wahrnehmungen sich übereinanderlegen können und aus zweidimensionaler Hostie echtes Brot mit mehr als drei Dimensionen werden kann. In der Eucharistiefeier wird Gemeinschaft unabhängig von Zeit und Ort wieder(herge)holt. Distanz- und Virtualitätserfahrung sind darin inhärent.
Experiment
Freitagabend, 20. März 2020, der Lockdown ist gerade mal eine Woche alt, mein Telefon klingelt. Regula Grünenfelder am Apparat, FrauenKirche-Zentralschweiz (neu: fra-z): «Moni, wir müssen etwas machen. Es kann doch nicht sein, dass das ganze spirituelle Angebot nun aus live-Übertragungen von Solo-Gottesdienst feiernden Priestern besteht. Komm, wir öffnen zu den Gottesdienstzeiten digitale Erzählstuben, wo wir Märchen und biblische Geschichten hören und darüber ins Gespräch kommen. Machst du mit?» «Unmöglich, dass das funktioniert!» denke ich mir. Aber ehrlich gesagt sehne ich mich gerade selbst nach etwas so Vertrautem wie dem Erzählen. Es wird mir gut tun. Also: «Probieren wirs aus!» Ein Newsletter und vierundzwanzig Stunden später findet sich tatsächlich ein spontanes Dutzend Zuhörende. Und schon nach den ersten Sätzen merke ich erstaunt, erfreut, beglückt, dass es funktioniert. Ich sehe zwar nur kleine Rechtecke vor mir, aber trotzdem fühle ich das Publikum. Ich merke, wie sie abtauchen und sich bereitwillig mittragen lassen von den Bildern der Geschichte, durch alle Abenteuer bis zum Happy End.
Tiefe
Nach dem Zuhören bleiben alle bei einer Szene aus der Geschichte hängen, vertiefen dieses eigene innere Bild. Wer mag, erzählt anschliessend davon. Ein bunter Bilderbogen entsteht. Danach kommen wir ins Gespräch. Und wieder staune ich. Da hocken wir alle allein in unseren Zimmern, über die ganze Schweiz verteilt. Einander unbekannt. Aber über den Bildschirm geschieht Gemeinschaft. Der Austausch erreicht innert kürzester Zeit die Tiefe der Existenz. Von da an sind es Wochenende für Wochenende mehr Leute, die sich zuschalten und teilhaben. Längst erzähle ich nicht mehr alleine, sondern wechsle mich ab mit den Kolleginnen von BibelErz (Verein für biblische Erzählkunst) und komme so auch selbst in den Genuss des Zuhörens. Erlebe am eigenen Leib, wie die Geschichte von der Bildschirmfläche zu mir überschwingt, meine inneren Räume öffnet, fast ganz genauso, wie wenn wir tatsächlich im selben Raum sitzen würden.
Rätsel
Nicht nur als Erzählerin, auch als Theologin beschäftigt mich diese Erfahrung. Sind die Menschen einfach offener, empfänglicher für Sinnhaftes in der Ausnahmesituation des Lockdowns? Aber, das zeigt sich ein halbes Jahr später, als die fra-z uns zum Adventserzählen einlädt: Auch ohne Lockdown und mit halbjähriger Pandemieerfahrung funktioniert das Erzählen am Bildschirm. Es ist tatsächlich so: Die digitalen Erzählstuben sind echte Erzählsituationen. Natürlich nicht in genau derselben Intensität wie live vor Ort, aber doch annähernd. Das digitale Erzählen trägt die Kraft des echten Zusammenseins in sich. Es rührt an die Erfahrung vom gemeinsamen Dasein in einem Raum. Vielleicht ist die Erinnerung an solche realen Begegnungen so stark, dass sie auch die virtuelle Begegnung mittragen kann?
Das verschobene Mahl
Am Anfang, so erzählt es die Überlieferung, stand ein Mahl. Ein gemeinsames Essen. Der Geruch von gebratenem Lamm liegt in der Luft. Eine äusserst seltene Köstlichkeit. Die Brotfladen sind noch warm. Weiss leuchtet der Ziegenkäse, verführerisch die frischen Kräuter in Olivenöl. Der Wein ist bereits eingeschenkt, dunkelrot schimmert er im Licht der Öllampen. Ein kühler Luftzug erfrischt die Gäste. Eng zusammengedrängt hocken oder liegen sie da, zwanzig, dreissig Leute. Angenehm erschöpft vom Tagwerk mit den vielen Vorbereitungen. Festlich gestimmt. Aufgeregt, wie jedes Jahr zu Pessach. Aber zusätzlich liegt dieses Jahr eine Ahnung in der Luft, die manchen den Atem nimmt. Eine Ahnung von Abschied. Wie durch und durch anders zeigt sich das Ritual, das sich in zweitausend Jahren aus dieser Gründungserzählung entwickelt hat: In Reih und Glied stellen sich Menschen in die Schlange, warten geduldig, bis ihnen ein kleines Stück Stanzbrot gegeben wird. Leib Christi. Amen. Die nächste bitte. Schal im Geschmack, klebrig im Mund. Und während im Abschiedsmahl damals in Jerusalem all die vielen gemeinsamen Essen mit Ausgestossenen und Verdrängten mitschwingen, hängen an der Eucharistie Ausschlusskriterien mit argwöhnischem Blick auf Alter, Konfession und Lebenswandel. Da hat sich etwas bis zur Unkenntlichkeit verschoben.
Frisches Brot
Und doch: Eine gut gefeierte Eucharistie trägt den Duft des frischen Brotes in sich. Sie kann mich mitten hineinholen in jenes Geschehen vor zweitausend Jahren. Woran liegt es, dass es manchmal gelingt? Manchmal verwandelt sich die Hostie tatsächlich und wird Brot des Lebens. Brot, das nach Messias duftet. Brot, dessen Kraft mich erfüllt und stärkt und stundenlang trägt. Meistens aber bleibt sie ein geschmackloses, klebriges Etwas, das mich vielleicht aus Gewohnheit, aber sicher nicht aus Sinnlichkeit anzurühren vermag. Woran also liegt es, dass es manchmal gelingt?
Kraft der Erfahrung
Die Zoom-Erzähl-Erfahrung gibt mir einen neuen Blick auf diese meine alte Frage. Dort ist es ja eigentlich ziemlich ähnlich. Das Erzählen am Bildschirm ist ein zweidimensionaler Abklatsch einer Erzählsituation vor Ort. Im virtuellen Setting fehlt jede Sinnlichkeit. Es gibt kein gemeinsames Ritual, keine schön gestaltete Mitte, keinen Kerzenduft, nichts zum Anfassen – nur das Wort, ein nicht ganz klares Videobild und ein paar mehr oder weniger verzerrte musikalische Klänge vor und nach der Geschichte. Ich höre beim Erzählen vor dem Computer nur mich selbst, rieche nur meine eigene Stube, sehe kaum mehr als eine Ahnung von lauschenden Menschen. Mein Gegenüber ist virtuell. Und doch gelingt es, dass diese 2D Geschichten zu echten Begegnungen werden, in echten Austausch bringen, Menschen wirklich berühren. Aus der nur angedeuteten Sinnlichkeit entstehen ganze innere Welten und echtes Zusammensein. Ich vermute, dass das nur bei sehr hoher innerer Beteiligung funktioniert. Diese ist nötig, um an die Kraft der Erinnerung anknüpfen zu können, damit sich das Erzählerlebnis in diesem Moment neu ereignen kann. Es braucht die Bereitschaft, ganz einzutauchen, sich ganz in die Geschichte hineinzubegeben. Nicht nur von den Zuhörenden. In allererster Linie von mir. Wenn ich es schaffe, meine Erzählerfahrung abzurufen und auf sie zu vertrauen, wenn meine inneren Bilder so stark sind, dass sie sich von 15-Zoll Bildschirmfläche nicht einengen lassen, dann finden meine Worte ihren Weg zu den Zuhörenden auch über WLAN und Lautsprecher und Kabel.
Wenn sie fehlt, bleibt es schal
Wenn dieses innere Engagement fehlt, bleibt alles schal. Wie unzählig oft sass ich in Gottesdiensten mit nichts als dem Geschmack der Enttäuschung im Mund. Es genügt nicht, dass Priester und LiturgInnen die Texte ablesen und ihren Dienst absolvieren. Sie müssen sich innerlich aktiv in jene Mahlsituation vor zweitausend Jahren hineinbegeben, damit sie für mich anschlussfähig wird. Sie müssen den Geschmack auf der Zunge haben vom Himmelreich, das nach Sauerteig schmeckt, von Frauenhänden geknetet. Sie müssen die Erfahrung vom gemeinsamen Essen jetzt in diesem Moment fühlen, müssen den Glauben spüren, dass sich darin Gott ereignet. Sonst wird die Erinnerung nur postuliert. Die Erfahrung bleibt aus.
Brot des Lebens
Wenn aber Freundschaft und Hunger und Hoffnung und Angst mit um den Altar stehen, dann kann eine Eucharistiefeier über eine lange Glaubens- und Feierkette hinweg anknüpfen an all die gekneteten Teige, die geteilten Brote, all die Becher mit Wein, die im Kreis gereicht wurden, an die geteilten Tränen, die Umarmungen, das wohlige Gefühl des Sattseins. Anknüpfen an jenen Mann, der als «Fresser und Säufer» gerne mit anderen zu Tische lag, der Mahl um Mahl beim Essen Gemeinschaft schaffte. Dann ist diese Gemeinschaft bis heute zu fühlen, und die Hostie schmeckt nach Leben.