Ausgabe 2021/2

"Black Scholars Matter" | Afroamerikanische Bibelforschungen verschieben den Blick.

In den 1990er Jahren habe ich in Philadelphia, USA, meine Doktorarbeit geschrieben. Zu dieser Zeit gab es an der Fakultät ganz genau eine afroamerikanische Studentin. Die Bibelwissenschaften waren nicht frei vom US-amerikanischen Rassismus, im Gegenteil, sie waren "weisser" und "männlicher" als manch andere Disziplin.

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von Tania Oldenhage / 17.05.2025

In den 1990er Jahren habe ich in Philadelphia, USA, meine Doktorarbeit geschrieben. Ich war eine von vielen PhDStudent* innen am Religion Department der Temple University. Nach meinem ersten Jahr gewann ich eines der heiss begehrten Universitätsstipendien und damit vier Jahre finanzielle Sicherheit. Ich war stolz. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass mein hoch privilegierter Status eventuell auch mit der Tatsache zu tun haben könnte, dass ich aus Europa kam. Nicht nur aus Europa, aus Deutschland kam ich, dem Geburtsland der modernen Bibelwissenschaften und der historisch-kritischen Methode. Allein die Tatsache, dass Deutsch meine Muttersprache war und ich berühmte Neutestamentler wie Rudolf Bultmann im Original lesen konnte, war ein Vorteil und möglicherweise unterschwellig einer der Gründe dafür, warum ich damals sehr gefördert wurde.

Privilegien

Zu dieser Zeit gab es an der Fakultät ganz genau eine afroamerikanische Studentin, die in den Bibelwissenschaften promovieren wollte. Warum nur eine? Diversität war damals bereits ein Aushängeschild unserer Fakultät. Zwischen Tür und Angel, in den Pausen und im Nachgeplänkel von Sitzungen sprachen wir darüber, dass sich etwas ändern musste. Nicht nur an unserer Universität, sondern innerhalb der gesamten US-amerikanischen Gilde der Bibelwissenschaften hatte es viel zu wenig afroamerikanische Forscher, ganz zu schweigen von afroamerikanischen Forscherinnen. Warum das so war, wurde selten deutlich ausgesprochen und lag doch auf der Hand. Es gab kaum afroamerikanische Frauen in meinem Feld nicht etwa auf Grund von mangelndem Interesse oder Talent, sondern weil afroamerikanischen Frauen der Zugang zu einem bibelwissenschaftlichen Studium erschwert wurde. Um eine Doktorarbeit (PhD) in den Bibelwissenschaften anzufangen, mussten nicht nur etliche Hürden des segregierten US-amerikanischen Bildungssystems überwunden werden. Es brauchte finanzielle Ressourcen, Referenzen, gute Kontakte, Ermutigung und nicht zuletzt etwas, das im Englischen entitlement genannt wird: das Gefühl, einen selbstverständlichen Anspruch auf eine Sache zu haben.

Rassismus

Dass ich damals kaum afroamerikanische Kolleginnen hatte, war ein Symptom des US-amerikanischen Rassismus. Die Bibelwissenschaften waren nicht frei davon. Im Gegenteil, als ich mein Studium begann, waren die Bibelwissenschaften «weisser» und «männlicher» als manch andere Disziplin. Gleichzeitig gab es die ersten afroamerikanischen Interventionen. Clarice J. Martin hatte ihren Doktortitel im Jahr 1985 an der Duke University erworben und wurde damit zur ersten promovierten afroamerikanischen Neutestamentlerin in den USA. 1990 veröffentlichte sie einen Artikel, der bis heute lesenswert ist, denn er zeigt, was passieren kann, wenn sich afroamerikanische Stimmen in die Bibelwissenschaften einmischen. In diesem Artikel machte Martin einen Brückenschlag zwischen den historischen Erfahrungen von Sklaverei und Rassismus und neutestamentlicher Forschung (Clarice J. Martin, Womanist Interpretations of the New Testament: The Quest for Holistic and Inclusive Translation and Interpretation. Journal of Feminist Studies in Religion, Vol. 6, No. 2 (Fall, 1990), 41–61).  Martin plädierte zum Beispiel dafür, dass wir das griechische Wort doulos nicht euphemistisch mit «servant» (Diener/Dienerin) übersetzen, sondern konsequent mit «slave» (Sklave/Sklavin). Erst dann, so Martin, können wir die sozialgeschichtliche und auch die theologische Brisanz neutestamentlicher Stellen angemessen erfassen. Denn es macht einen grossen Unterschied, ob Christus – wie es im Philipperbrief heisst – das Dasein eines «Dieners» annahm oder das eines «Sklaven» (Philipper 2,7). Martins Überlegungen wurden Jahre später mit der Veröffentlichung der Bibel in gerechter Sprache auch im deutschsprachigen Raum diskutiert. Martin war ausserdem eine der ersten, die ohne Scheuklappen Bibelstellen mit katastrophaler Wirkungsgeschichte zur Debatte stellte. Im Epheserbrief heisst es beispielsweise: «Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern … als gehorchet ihr Christus! » (Epheser 6,5) Martin rief dazu auf, die schlimmen Spuren, die solche Bibelverse in der Geschichte der amerikanischen Sklaverei hinterlassen haben, endlich gründlich aufzuarbeiten.

Verschiebungen

Heute gehört Clarice J. Martin zu den wichtigsten Pionierinnen afroamerikanischer Bibelforschung. Renita Weems, Vanessa Lovelace, Cheryl B. Anderson, Mitzi J. Smith, Shively Smith und Jennifer Kaalund sind nur einige afroamerikanische Kolleginnen, die sich prominent zu biblischen Texten zu Wort gemeldet haben. Die Arbeit dieser Frauen hat nicht nur meine Fragestellungen zum Neuen Testament verschoben. Sie verändert auch die Art und Weise, wie ich über Bibeltexte spreche, unterrichte, schreibe und nicht zuletzt auch, wie ich über sie predige. Ehemalige Lieblingstexte sind im Licht afroamerikanischer Forschung fragwürdig geworden. Andere haben neue Facetten bekommen. Das biblische Motiv von der Wachsamkeit zum Beispiel steht in einem anderen Licht, wenn ich versuche, mich in eine afroamerikanische Lesetradition hineinzustellen. «Selig jene Sklaven, die der Herr wach findet, wenn er kommt», sagt Jesus (Lukas 12,37). Die Figur der Sklav*innen, die nicht einschlafen dürfen, sondern solange wach bleiben müssen, bis der Herr nach Hause kommt, war für mich lange ein gängiges Bild für biblische Endzeitvorstellungen. Doch afroamerikanische Forscher*innen haben historische Erinnerungen in die Diskussion mit eingebracht, die uns vermutlich viel näher an den sozialgeschichtlichen Kontext des Gleichnisses bringen als unsere herkömmlichen Deutungen. Zeugnisse über die Situation von Haussklav*innen auf den Zuckerplantagen des Südens können uns einen Eindruck davon geben, was es genau bedeutete, immer wachsam und stets verfügbar sein zu müssen. Der Druck, rund um die Uhr aufpassen zu müssen, weil man jederzeit kontrolliert werden kann, ist zudem etwas, das Menschen in einer rassistisch geprägten Gesellschaft bis zum heutigen Tag sehr gut kennen.

Black Scholars Matter

Die Black Lives Matter Bewegung brachte in den USA auch einiges in den Bibelwissenschaften in Bewegung. Innerhalb der SBL (Society of Biblical Literature), einer der wichtigsten Gesellschaften für Bibelwissenschaften weltweit, wurde 2020 eine «Black Scholars Task Force» gegründet. Diese Task Force hat die Aufgabe, Strategien zu entwickeln, um gegen rassistische Strukturen in den Bibelwissenschaften anzugehen und Forschung von afroamerikanischen Kolleg*innen zu ermöglichen, zu fördern und öffentlich zu diskutieren. Eine der ersten Dinge, die die Task Force organisierte, waren Podien im August 2020, auf denen afroamerikanische Forschende ihre Erfahrungen, Anliegen und Hoffnungen zur Sprache gebracht haben (Auf der Homepage der SBL kann unter anderem ein Literaturverzeichnis zu afroamerikanischer Forschung, Antirassismus und Bibelinterpretationen von «Minderheiten» abgerufen werden: www.sbl-site.org). An einem dieser Podien appellierte die Neutestamentlerin Shively Smith an Kolleg*innen nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern. Smith rief dazu auf, die bibelwissenschaftliche Forschung von Afroamerikaner*innen und von Angehörigen anderer benachteiligter Minderheiten zu lesen, zu würdigen, zu unterrichten und mit all ihren Stärken und Schwächen kritisch zu diskutieren. Denn schliesslich ist es das, was neutestamentliche Forschung ausmacht.

Bibellesen nördlich der Alpen

Shively Smiths Appell ermöglicht einen interessanten Perspektivenwechsel. Allein die Rede von «afroamerikanischer Forschung» könnte den Eindruck erwecken, als gäbe es die «normale» Art und Weise, die Bibel zu lesen und zu deuten, und dann am Rande sozusagen auch noch die spezifischen afroamerikanischen Zugänge zu biblischen Texten; als gäbe es die richtige Bibelinterpretation und daneben auch noch die möglicherweise interessanten Beiträge von sogenannten Minderheiten. Und wir könnten den Eindruck bekommen, dass unsere im deutschsprachigen Raum gängige Bibellektüre sozusagen objektiv ist, während diejenige von afroamerikanischen Forscher*innen kontextabhängig, aus einer bestimmten Perspektive und mit bestimmten Interessen geschieht. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn eine afroamerikanische Kollegin irgendwo in Pennsylvania oder in Kalifornien in diesem Moment an ihrem Computer sitzt und ein Essay schreibt mit dem Titel: «Schweizerische Zugänge zur Bibel». Oder: «Bibellesen nördlich der Alpen».

Gesellschaftliche Relevanz

Ich wünschte, der Appell von Shively Smith würde auch bei uns in der Schweiz gehört werden. Ich bin der Meinung, dass die Interventionen afroamerikanischer Forscher*innen nicht länger ignoriert werden dürfen. Es ist an der Zeit, dass wir ihre Methoden und Fragestellungen beachten und für unsere Kontexte übersetzen. Nicht weil sie uns sagen, was biblische Texte wirklich bedeuten, sondern weil sie unseren Blick verschieben auf gesellschaftliche Fragen, die schon immer eng mit Bibeltexten zusammenhingen, aber viel zu lange eingedämmt worden sind. Ich bin überzeugt davon, dass uns die Stimmen von Clarice J. Martin oder Shively Smith verstören, aber auch bereichern und zur Relevanz des Bibellesens in unserer Zeit beitragen werden. Übrigens: Wer heute an meiner Alma Mater, der Temple University in Philadelphia Bibelwissenschaften studieren will, trifft auf die afroamerikanische Professorin Nyasha Junior. Sie unterrichtet Bibelwissenschaften und arbeitet ausserdem interdisziplinär im Bereich «Gender, Sexuality und Women’s Studies ». Ihre Bücher sind in unseren Bibliotheken zugänglich und warten nur darauf, gelesen zu werden!