Ausgabe 2021/2

Zentrum meiner inneren Landkarte. "Die frau*m, sie bleibt".

1974 haben Frauen das "Frauenzentrum" in Zürich gegründet, aus dem schliesslich das selbst verwaltete "Frauen*Zentrum frau*m" wurde, das auch Lockdown und Pandemieeinschränkungen überstand. Ein wichtiger und lebendiger Ort für viele.

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©Worldmapper, map nr. 754, Nobelpreisträgerinnen 1901-2018
von Laura Lots / 17.05.2025

Das etwas in die Jahre gekommene Haus steht an der Mattengasse 24, unweit des Zürcher Hauptbahnhofs. 1974 haben Frauen diesen Ort erkämpft und das «Frauenzentrum» gegründet. Wenn ich lese und höre, was in den Folgejahren in den Räumen des Zentrums alles geschah, kann ich die Lust und Kraft der Frauen förmlich spüren. Sie haben diesen Ort feministisch belebt mit der Redaktion der Frauezitig FRAZ, einem Lesbenzimmer, einer Bibliothek, dem Frauenambulatorium und den Beratungsräumen der INFRA. 2008 setzte eine Streichung der Subventionen durch die Stadt dieser Energie ein vorläufiges Ende. Bürogemeinschaften zogen ein in das Haus im unterdessen hipp gewordenen Kreis 5. An die bewegten Zeiten erinnerte noch bis 2020 das Ambulatorium der Gynäkologin Theres Blöchlinger unter dem Dach, eine wichtige Adresse für Frauen auf der Suche nach feministischer, medizinischer Begleitung. 2013 kehrten die Frauen dann auch wieder in den ersten Stock zurück: Die Gruppe Babachinchin gründet das selbstverwaltete «Frauen*Zentrum frau*m» als offenen Begegnungsraum für den Austausch feministischer Energien und Ideen. Diese frau*m ist für mich zum Zentrum meiner feministischen Theorie und Praxis geworden. Sie schob sich im Lauf der Jahre in die Mitte meiner inneren Landkarte. Mit und in der frau*m verschob sich auch mein Verständnis von Feminismus: Die frau*m lehrte mich, dass Feminismus nicht nur in theoretischen Debatten und Büchern stattfindet. Feminismus «passiert» an konkreten Orten: in unseren Körpern und in den Räumen, in denen wir uns begegnen und uns aufeinander beziehen.

Der RosaRote Faden

Als ich 2012 nach Zürich zog, wohnte ich nur wenige Schritte entfernt von der frau*m an der Mattengasse. Doch ich wusste noch nicht, dass in meiner Nachbarschaft ein Frauenraum ist, nahm die bunt geschmückten Fenster nicht wahr. Was ein Frauenraum bedeuten kann, erlebte ich kurz darauf, als ich mich der Redaktion der Zeitschrift «RosaRot – Zeitschrift für Feminismus und Geschlechterfragen » anschloss. Geschichtsstudent*innen hatten die Zeitschrift 1991 an der Uni Zürich gegründet. Für die Redaktionsarbeit stellte die Uni einen eigenen Raum an der Rämistrasse zur Verfügung. Dort diskutierten und redigierten wir, bereiteten viele Mahlzeiten und literweise Kaffee zu, räumten auf und feierten jede neue Ausgabe. Dieser Raum und die Frauen, die ich dort traf, wurde über Jahre zu einem (rosa)roten Faden in meinem Leben. Die Rosa- Rot gab meinem Jahr einen Rhythmus, verschob mein Empfinden von Zeit: Jede Woche trafen wir uns zur Redaktionssitzung, alle sechs Monate brachten wir gemeinsam ein Heft in die Welt. Komme, was wolle.

Frauenstadt Zürich

2015 arbeiteten wir an den RosaRoten Seiten, einer Sammlung von Frauenräumen in der Stadt Zürich. Wir fragten uns: «Wo haben sich Frauen früher versammelt, wo treffen sie sich heute? Wie bewegen sie sich durch Zürich? Welche Themen haben sie bewegt?» Wir suchten in den Archiven und fragten herum, wollten mehr erfahren von unseren feministischen Müttern, Grossmüttern und Schwestern. Erstaunt über unser Interesse an dem, was sie geschaffen hatten, beschenkten uns vor allem ältere Frauen mit ihren Erinnerungen an die Orte, an denen sie politisiert, erschaffen, getanzt und einander unterstützt hatten. Mehr und mehr Seiten füllten sich mit feministischen Orten und Adressen aus Vergangenheit und Gegenwart. Überall in der Stadt hatten Frauen Räume geschaffen und belebt. Nicht alle sind heute noch da, viele Räume sind verschwunden oder für uns unsichtbar, andere haben sich verändert oder wurden an neue Orte verschoben. Doch mit den RosaRoten Seiten wurden sie für uns plötzlich sichtbar. Unsere Wahrnehmung verschob sich: Wo wir vorher im Niederdorf lediglich altes Gemäuer wahrnahmen, erkannten wir nun den einstigen Beginenhof. Wo wir bis anhin auf dem Zeughausareal nur einen schönen Garten sahen, erkannten wir nun den von Frauen initiierten Labyrinthplatz. Für uns, die jungen Rosa- Rot-Redaktor*innen, wurde Zürich zu einer Stadt der Frauen! Was für ein Geschenk für uns, die wir uns nun auf unseren Wegen im Alltag mit all diesen Frauen und den von ihnen geschaffenen Orten verbinden konnten.

Meine Entdeckung der frau*m

Während der Arbeit an diesem Frauenraum-Verzeichnis hörte ich auch zum ersten Mal vom Frauen*Zentrum an der Mattengasse. Kurz darauf war ich zum ersten Mal dort, bei einem Leseseminar zu feministischer Ökonomie, das Rosa- Rot-Freund*innen organisiert hatten. Gemeinsam lasen wir in der frau*m Texte der Diotima-Philosoph*innen, die seit Jahrzehnten gemeinsam die Libreria delle Donne di Milano betreiben. Wie sehr feministische Theorie auch an solche Frauenräume gebunden ist, die dem gemeinsamen Denken einen Rahmen und Kontinuität verleihen, wurde für mich in diesen Stunden in der frau*m erfahrbar. Spätestens dann rückte die frau*m ins Zentrum meiner inneren Landkarte. Es macht etwas mit mir und den anderen, wenn wir in der frau*m sind, diesen Ort gemeinsam nutzen, putzen und immer wieder erkämpfen. Es macht etwas, zu wissen, dass schon vor uns zahlreiche Frauen an diesem Ort gemeinsam unterwegs waren.

Vielfalt der Praxis

Frau*m sind alle, die frau*m «tun»: als Besucher*in, als Veranstalter*in, Lesende, Köch*in, Spender*in, Zuhörende oder Gärtner*in. Verschiedene Gruppen nutzen diesen Ort, um sich zu treffen. Kein Manifest regelt, was in der frau*m geschieht. Gemeinsamer Nenner ist der Wunsch nach einem spezifischen Ort für Frauen – was dies bedeutet, wollen wir gemeinsam herausfinden, vor allem in der Praxis, im Tun und Sein an diesem Ort. Wir gehen aus von allen möglichen Differenzen zwischen Frauen, von vielstimmigen Erfahrungen und Versuchen. Verschiedene Gruppen nutzten und nutzen die frau*m: «Sie zum Beispiel», Romanescos – genderqueeres Treffen, Krąg Polskich Kobiet (Kreis polnischer Frauen), Bla*Sh (Netzwerk Schwarzer Frauen Schweiz), intersektional-feministischer Literaturclub, Diotima-Salon, Feministisches Internationalistisches Solidarisches Treffen, es gibt Süppli und Cüpli, Lesungen, Vernissagen und Filmabende. Durch die Präsenz all dieser Gruppen, Ideen und Frauen verschiebt sich auch immer wieder mein feministischer Horizont. Die frau*m lässt mich und andere lernen, verlernen, ausprobieren. In der frau*m können wir an ein vielförmiges Netz anknüpfen und es weiterspinnen. Dieses Netz hat keinen festgelegten Mittelpunkt, das Zentrum verschiebt sich permanent, je nachdem, wer gerade die frau*m mit wem wofür nutzt. Der rote Faden ist die Adresse, das Leopardensofa, die Bar, die Bibliothek, die Küche, der Garten – die frau*m als konkreter Ort.

Vielfalt der Verbindungen

Das Netz der frau*m reicht aber auch über die Mattengasse hinaus, Fäden werden von dort aus über die ganze Stadt gespannt. Manche Frauen tauchen auch ausserhalb der frau*m als Freund*innen in meinem Leben und Alltag auf. Oder in einem Chat, in dem sich Mütter aus der frau*m austauschen über «das mit der Vereinbarkeit». Manche Gesichter sehe ich regelmässig, andere, die zur frau*m gehören, habe ich noch nie getroffen. Trotzdem verbindet uns viel. Neben Vertrauen, das es braucht, um den Raum gemeinsam offen zu halten – 40 Schlüssel sind im Umlauf; gemeinsam sorgen wir dafür, dass jeden Monat die Miete zusammenkommt; eine kleine Gruppe kümmert sich um Kontinuität und Administration – verbindet uns die Gewissheit, dass wir verschieden sind und unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben als Menschen, die sich als Frau bezeichnen oder als Frau gelesen werden.

«Die frau*m, sie bleibt»

Was passiert in Zeiten der Pandemie mit einem Frauenraum, der der Begegnung dient, der Praxis, dem Denken in Präsenz? Auch wenn die Agenda der frau*m seit einem Jahr nicht so voll und bunt ist wie in den Vorjahren, wissen wir doch alle, dass sie da ist und dass wir sie brauchen. Im Rückblick auf 2020 schrieb eine: «Wenn meine Welt zusammenbricht, dann packe ich Kind und Kegel, eile in die frau*m, rieche an den Wänden, welche die Geschichte in sich tragen, das Geplauder aus dem Puddingpalace des ersten Frauenzentrums bis heute. […] Wir sind Geschichte, wir haben eine frau*m, einen Ort der Frauen liebenden und feministischen Praxis.» Eine andere blickt zurück auf die letzten Monate: «Wir hätten … uns getroffen, so wie es uns gefällt, den Türöffner gedrückt, wieder und wieder, auf der Leopardencouch gelümmelt, Dauerwellen imaginiert, Pronomen ausgetauscht und weggelassen, neue Namen ausprobiert […]. Wir hatten … eine einzige Gewissheit. Die frau*m, sie bleibt. Geduldig, beständig, unbeirrt. Die frau*m im Geiste, die uns verbindet und uns erinnert, dass wir irgendwie zusammengehören. Auch und gerade im 2020.» Und in dieser Gewissheit stellen wir uns auf die Schultern der Frauen, die 1974 zum ersten Mal die Türen an der Mattengasse öffneten – und aller anderen Frauen, die in dieser Stadt feministische Orte schaffen und geschaffen haben. Wir alle knüpfen weiter am Beziehungsnetz feministischer Räume und schieben sie als Inseln und Leuchttüre ins Zentrum unserer inneren Landkarten, unserer Wochen und Jahre, immer und immer wieder.