Ausgabe 2021/2

Fantasien einer Weihnachtsmuffelin

Der Rummel rund um Weihnachten ist anstrengend. Würde es etwas helfen, die Feierlichkeiten zu verschieben? Doch dann stellt sich der Feiertagsstress wohl einfach zu einem anderen Zeitpunkt ein.

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©Worldmapper, map no. 797, Erdbeerproduktion
von Christine Stark / 17.05.2025

Ich gebe zu, ich bin eine Weihnachtsmuffelin. Zwar liegt es nicht am Weihnachtsfest selbst, schon gar nicht an der Weihnachtsbotschaft, es ist vielmehr der Rummel rund ums Fest, ja vor allem der Rummel davor, der mir gehörig auf die Nerven geht. Sobald im Herbst die ersten Schoggi-Chläuse und Lebkuchen in den Regalen stehen, verdrehe ich die Augen. Noch nicht einmal November ist es dann, geschweige denn Advent. Hätte ich keine Familie, würde ich Weihnachten einfach absagen. Aber weil das nicht geht, habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, es wenigsten ein wenig zu verschieben. Einfach probeweise, nur im Kleinen, nur für uns. Wie wäre es beispielsweise, am 27. Oktober Weihnachten zu feiern, oder am 8. Januar? Dann würde zwar der Dezember immer noch nach Glühwein und Punsch riechen, wäre aber ansonsten entspannt. Traumhaft. Allerdings ist das nur ein Traum, denn selbstverständlich würde uns der Weihnachtsrummel dennoch heimsuchen: Bastelanlässe, Guetzlibacken, diverse Adventsfeiern im Geschäft und in den Vereinen der Kinder, schulischer Weihnachtsbasar und vieles andere mehr.

Weihnachten ohne Rummel 

Dies alles aber ist in der vergangenen Weihnachtssaison  ausgeblieben. Nicht auf ein anderes Datum verschoben,  sondern ausgefallen und abgesagt bis auf einen einzigen  geschäftlichen Weihnachtsapéro vor dem Computer mit Arbeitskolleg_  innen im Splitscreen. Die Pandemie hatte den  Rummel eingedampft, und ich habe nichts vermisst. Im Gegenteil  waren es die entspanntesten und auf ihre Weise  besinnlichsten, also weihnachtlichsten Weihnachten seit  langem. Warum eigentlich? Meine Hypothese ist, dass Feste  Zeitmaschinen sind, die alte Rollenmuster ausspucken: Wer  bastelt mit? Wer backt für den Basar? Wer organisiert Geschenke  für Hinz und Kunz? Seit ich selbst Mutter bin,  erscheint mir gerade die Adventszeit als eine gigantische  Mütterbeschäftigungstherapie – das Problem ist nur, dass  gar kein Therapiebedarf besteht. Das volkstümliche Beiwerk  vieler Feste ist traditionell heteronormativ geprägt. So  kommt es, dass der Einbezug der Familie, ja des Haushalts  in die Festlichkeiten, zwangsläufig Haus-Frauen benötigt, ja  geradezu hervorbringt (immerhin nur vorübergehend): Die  Wohnung schmücken, Spezialitäten backen, Bräuche pflegen,  ein Festmahl zubereiten. Dieser Ballast hängt an den  Festtagen wie klebriges Gebäck, festgebacken an alten Frauenschürzen.  Verschieben hilft da wenig, vielmehr müsste der  Ballast, der sich angelagert hat, selbst weggeschoben und  entsorgt werden. Ja, das wäre etwas: Weihnachten entrümpeln  und Ostern befreien!

Stille Osterfreude 

In der vergangenen Advents- und Weihnachtszeit hat sich  für mich die Spreu vom Weizen, der Rummel vom Fest getrennt.  Dazu haben sicherlich auch die Kontaktbeschränkungen  beigetragen, die ja auch an den Feiertagen galten.  Die Zeit vor Weihnachten wurde entschlackt und freigelegt.  Und die Festtage selbst konnten nicht mit Verwandtschaftsbesuchen  vollgeladen werden. Im Grunde genommen begann  dieses Freilegen für mich schon beim letztjährigen  Osterfest. Dieses lag im ersten Lockdown, die Gesellschaft  stand vielerorts still, sogar die Kirchen waren geschlossen.  Eine Schockstille lag über der Welt. Musste Ostern also ausfallen,  oder sollte es verschoben werden? Erstaunlicherweise  war beides für mich, die ich zuweilen Festtage verabscheue  und in der Fantasie wenigsten verschieben möchte, keine  Option. Im Gegenteil: Wie festlich und heilsam erlebte ich  einen Fernsehgottesdienst, für einmal als Teil des Publikums  vor einem Bildschirm im heimeligen Wohnzimmer. In der  Westschweiz feierten zwei Pfarrerinnen und ein Pfarrer gemeinsam  mit Musiker_innen Ostersonntag. In der Kirche  selbst durfte keine Gemeinde sein, aber ich zuhause, ich war  Gemeinde. Und ich wusste mich mit vielen Menschen verbunden,  auch wenn wir nicht im gleichen Raum sassen. Ich  habe mir dann, wie hoffentlich auch viele von den anderen  Zuschauer_innen, Brot und Wein geholt und das Abendmahl  mitgefeiert. Einfach Ostern, kein Rummel, welche  Freude.

Freischieben statt verschieben 

Freilich ist der Feiertagsstress vor Ostern weniger gross. Wobei:  Woher kommt eigentlich die Idee eines Frühjahrsputzes  und sauberer Fenster noch vor der Pollenzeit? Zum Glück  kann ich solche Dinge delegieren oder auch ganz einfach  immer wieder verschieben. Rund um Ostern ärgern mich  weniger irgendwelche Haus-Frauen-Pflichten, sondern vielmehr  die Staumeldungen im Radio. Da könnte ich direkt zu  einer Ostermuffelin werden, die sich darüber auslässt, dass  die ach so säkulare Gesellschaft just dann an christlichen  Feiertagen festhält, wenn dabei ein verlängertes Wochenende  herausspringt – dito an Auffahrt und Pfingsten. Mittlerweile  haben wir zweimal während der Pandemie Ostern  gefeiert. Doch haben die erzwungenen Reduktionen dem  Kern nichts anhaben können. Vielmehr war zu erleben, dass  Ostern auch ohne Ostermärkte oder Kurzreisen gleichermassen  Ostern ist, wie auch Weihnachten ganz ohne Weihnachtsmärkte,  Weihnachtsapéros und alle Arten von Mütterbeschäftigungstherapien  Weihnachten ist. Nein, um zu feiern,  braucht es keine gesetzlichen Feiertage. Eine Verschiebung  von Festen ist dann gar nicht mehr nötig, wenn der Rummel  drumherum weggeschoben wäre und die Feste wieder als  Feste freigeschoben sind.