Ich gebe zu, ich bin eine Weihnachtsmuffelin. Zwar liegt es nicht am Weihnachtsfest selbst, schon gar nicht an der Weihnachtsbotschaft, es ist vielmehr der Rummel rund ums Fest, ja vor allem der Rummel davor, der mir gehörig auf die Nerven geht. Sobald im Herbst die ersten Schoggi-Chläuse und Lebkuchen in den Regalen stehen, verdrehe ich die Augen. Noch nicht einmal November ist es dann, geschweige denn Advent. Hätte ich keine Familie, würde ich Weihnachten einfach absagen. Aber weil das nicht geht, habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, es wenigsten ein wenig zu verschieben. Einfach probeweise, nur im Kleinen, nur für uns. Wie wäre es beispielsweise, am 27. Oktober Weihnachten zu feiern, oder am 8. Januar? Dann würde zwar der Dezember immer noch nach Glühwein und Punsch riechen, wäre aber ansonsten entspannt. Traumhaft. Allerdings ist das nur ein Traum, denn selbstverständlich würde uns der Weihnachtsrummel dennoch heimsuchen: Bastelanlässe, Guetzlibacken, diverse Adventsfeiern im Geschäft und in den Vereinen der Kinder, schulischer Weihnachtsbasar und vieles andere mehr.
Weihnachten ohne Rummel
Dies alles aber ist in der vergangenen Weihnachtssaison ausgeblieben. Nicht auf ein anderes Datum verschoben, sondern ausgefallen und abgesagt bis auf einen einzigen geschäftlichen Weihnachtsapéro vor dem Computer mit Arbeitskolleg_ innen im Splitscreen. Die Pandemie hatte den Rummel eingedampft, und ich habe nichts vermisst. Im Gegenteil waren es die entspanntesten und auf ihre Weise besinnlichsten, also weihnachtlichsten Weihnachten seit langem. Warum eigentlich? Meine Hypothese ist, dass Feste Zeitmaschinen sind, die alte Rollenmuster ausspucken: Wer bastelt mit? Wer backt für den Basar? Wer organisiert Geschenke für Hinz und Kunz? Seit ich selbst Mutter bin, erscheint mir gerade die Adventszeit als eine gigantische Mütterbeschäftigungstherapie – das Problem ist nur, dass gar kein Therapiebedarf besteht. Das volkstümliche Beiwerk vieler Feste ist traditionell heteronormativ geprägt. So kommt es, dass der Einbezug der Familie, ja des Haushalts in die Festlichkeiten, zwangsläufig Haus-Frauen benötigt, ja geradezu hervorbringt (immerhin nur vorübergehend): Die Wohnung schmücken, Spezialitäten backen, Bräuche pflegen, ein Festmahl zubereiten. Dieser Ballast hängt an den Festtagen wie klebriges Gebäck, festgebacken an alten Frauenschürzen. Verschieben hilft da wenig, vielmehr müsste der Ballast, der sich angelagert hat, selbst weggeschoben und entsorgt werden. Ja, das wäre etwas: Weihnachten entrümpeln und Ostern befreien!
Stille Osterfreude
In der vergangenen Advents- und Weihnachtszeit hat sich für mich die Spreu vom Weizen, der Rummel vom Fest getrennt. Dazu haben sicherlich auch die Kontaktbeschränkungen beigetragen, die ja auch an den Feiertagen galten. Die Zeit vor Weihnachten wurde entschlackt und freigelegt. Und die Festtage selbst konnten nicht mit Verwandtschaftsbesuchen vollgeladen werden. Im Grunde genommen begann dieses Freilegen für mich schon beim letztjährigen Osterfest. Dieses lag im ersten Lockdown, die Gesellschaft stand vielerorts still, sogar die Kirchen waren geschlossen. Eine Schockstille lag über der Welt. Musste Ostern also ausfallen, oder sollte es verschoben werden? Erstaunlicherweise war beides für mich, die ich zuweilen Festtage verabscheue und in der Fantasie wenigsten verschieben möchte, keine Option. Im Gegenteil: Wie festlich und heilsam erlebte ich einen Fernsehgottesdienst, für einmal als Teil des Publikums vor einem Bildschirm im heimeligen Wohnzimmer. In der Westschweiz feierten zwei Pfarrerinnen und ein Pfarrer gemeinsam mit Musiker_innen Ostersonntag. In der Kirche selbst durfte keine Gemeinde sein, aber ich zuhause, ich war Gemeinde. Und ich wusste mich mit vielen Menschen verbunden, auch wenn wir nicht im gleichen Raum sassen. Ich habe mir dann, wie hoffentlich auch viele von den anderen Zuschauer_innen, Brot und Wein geholt und das Abendmahl mitgefeiert. Einfach Ostern, kein Rummel, welche Freude.
Freischieben statt verschieben
Freilich ist der Feiertagsstress vor Ostern weniger gross. Wobei: Woher kommt eigentlich die Idee eines Frühjahrsputzes und sauberer Fenster noch vor der Pollenzeit? Zum Glück kann ich solche Dinge delegieren oder auch ganz einfach immer wieder verschieben. Rund um Ostern ärgern mich weniger irgendwelche Haus-Frauen-Pflichten, sondern vielmehr die Staumeldungen im Radio. Da könnte ich direkt zu einer Ostermuffelin werden, die sich darüber auslässt, dass die ach so säkulare Gesellschaft just dann an christlichen Feiertagen festhält, wenn dabei ein verlängertes Wochenende herausspringt – dito an Auffahrt und Pfingsten. Mittlerweile haben wir zweimal während der Pandemie Ostern gefeiert. Doch haben die erzwungenen Reduktionen dem Kern nichts anhaben können. Vielmehr war zu erleben, dass Ostern auch ohne Ostermärkte oder Kurzreisen gleichermassen Ostern ist, wie auch Weihnachten ganz ohne Weihnachtsmärkte, Weihnachtsapéros und alle Arten von Mütterbeschäftigungstherapien Weihnachten ist. Nein, um zu feiern, braucht es keine gesetzlichen Feiertage. Eine Verschiebung von Festen ist dann gar nicht mehr nötig, wenn der Rummel drumherum weggeschoben wäre und die Feste wieder als Feste freigeschoben sind.