Kennengelernt habe ich Khodia auf einer Schifffahrt auf eben diesem Fluss. Die junge Senegalesin in meinem Alter (22) hat mich von Anfang an mit ihrem Lachen angesteckt und mit ihren scharfsinnigen Gedanken und ihrer unglaublichen Standhaftigkeit beeindruckt. Als ich ihr von dem Thema dieses Artikels erzählt hatte, blitzten ihre Augen ernst. «Das ist ein sehr wichtiges Thema», sagte sie. «Viel zu viele Menschen rennen den falschen Dingen im Leben nach. Ich werde mir ein paar Gedanken dazu machen und dann werden wir uns austauschen.»
Das Streben nach mehr
An diesem Abend bekam ich eine Nachricht von ihr: «Der Mensch ist ein Wesen, das denkt, sich Bilder macht und begehrt. Das Streben nach immer mehr ist also eine Angelegenheit, die uns alle betrifft. Der Senegal ist ein kleines Land. Doch es beheimatet die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensweisen und Wertvorstellungen. Gewisse Leute, die auf dem Dorf wohnen, sind glücklich, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie besitzen wenig und begnügen sich mit dem, was sie haben. Glück kann schon allein der Gedanke sein, glücklich zu sein. Ständig mehr zu wollen, wird uns erschöpfen und die Ressourcen dieser Welt strapazieren. Leider geht die Tendenz, auch hier im Senegal, immer mehr in diese Richtung.»
«Wir waren glücklich»
Khodia wohnte früher mit ihren Grosseltern in einem kleinen Dorf im Zentrum von Senegal, in der Region Fatick. Sie erinnert sich, dass sie manchmal mit ihrer Grossmutter und ihrem Grossvater in die Obstfelder ging. «Wir hatten alles, was man sich wünschen konnte», sagt sie. «Wir konnten Obst essen, wir pflegten die Bäume, wir spielten mit den Vögeln, wir waren glücklich. Natürlich, ich war auch noch ein Kind, Kinder kennen weniger Sorgen. Doch weisst du, wenn du im Dorf gross wirst, du warst noch nie in den Städten … du bist glücklich, du kümmerst dich um nichts. Du denkst, dass die Welt da aufhört, wo du bist. Eines Tages siehst du jemanden, der einen Fernseher hat, etwas, was du nicht besitzt. Du wirst beginnen, diesen Menschen zu beneiden. Du wirst denken, du würdest glücklicher sein, wenn du so etwas auch haben könntest. Und das beginnt schon in der Schule. Du siehst einen Klassenkameraden, der ein Fahrrad besitzt. Und du wirst deinen Eltern in den Ohren liegen, um auch eines zu bekommen. Manchmal ist man glücklich, ohne dass man es merkt.»
Ich überlege. «Würdest du also sagen, dass die Wahl unglücklich macht? Wenn man noch nicht weiss, was es woanders gibt, dann hat man nicht das Gefühl, dass einem etwas fehlt. Und sobald man das aber sieht, dann verspürt man ein Verlangen danach.» Khodia lächelt. «Du sagst es. Manchmal ist es genau das. Und weisst du, nicht einmal der reichste Mensch auf der Welt kann sich alles kaufen. Es wird immer noch mehr geben. Man muss Entscheidungen treffen. Wenn man immer denkt, dass man erst dann glücklich ist, wenn man mehr hat, dann wird man es nie.» Wir sind uns einig, dass dies einfacher gesagt ist als getan.
Die Bedeutung des Geldes
Laut Khodia wird diese Denkweise bereits von der staatlichen Schule gefördert. Immer dasselbe Mantra wird den Schülern und Schülerinnen eingetrichtert: Du musst viel lernen, damit du gute Noten bekommst. So wirst du einen guten Job finden und viel Geld verdienen. Und damit kannst du dir dann alles kaufen, was du willst. Doch das stimmt natürlich nicht.
Eigentlich, meint Khodia, sei das Geld eine sehr nützliche Erfindung. «Geld ist nur eine Metapher für unsere Fähigkeiten.» Jeder Mensch hat Fähigkeiten, welche jemand anderes nicht hat. Wenn man also etwas braucht, was man selbst nicht erfüllen kann und jemand anderes kann dies, so ist das doch nur schön, diesen symbolisch mit Geld zu entlöhnen. Geld sei nicht etwas, was man ansammeln soll, sei es als eine symbolhafte Zahl oder in Form von Gütern. Es ist etwas, was zirkulieren sollte. «Wenn Geld so benutzt werden würde, wie es vorgesehen wäre, dann würde es keine Arbeitslosigkeit geben. Viele Probleme wären gelöst», meint sie.
Der Blick der anderen
Doch warum ist es so schwierig, nicht immer noch mehr zu wollen? Dass Geld allein nicht glücklich macht, das lernt man schliesslich von klein auf. Khodia meint, man solle den Leuten einmal zuhören, welche bereits in die Falle getappt seien. Die, die dem Reichtum nachgerannt sind, Besitz angehäuft haben, doch kein bisschen glücklicher seien. Ich frage mich, ob diese denn überhaupt von ihren Erfahrungen erzählen würden. «Diese Leute haben so viel drangesetzt, diesen Reichtum zu erlangen, haben Dinge riskiert und vielleicht Freundschaften aufgegeben. Wer würde dann schon zugeben, dass er nicht glücklich ist?» Khodia verneint. Es läge wohl eher daran, dass diese Menschen gar nicht selbst bemerken, wie es ihnen geht. Sie entsprechen ja nun diesem Bild, dem sie immer nachgejagt sind. Sie entsprechen den Erwartungen der Gesellschaft. Und diese können mächtig sein.
In Senegal gibt es viele Gelegenheiten für Zeremonien. Die religiösen Feiertage, Hochzeiten oder Namensgebungszeremonien am 7. Tag, nachdem ein Kind zur Welt gekommen ist. Bei solchen Zeremonien ist es üblich, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Viele Frauen lassen sich extra für diesen Tag ein Kleid anfertigen. Leider oft auch unabhängig davon, ob sie sich dies wirklich leisten können oder nicht. «Wenn du diese Frauen fragen würdest, ob sie das glücklich macht, würden sie ziemlich sicher mit ja antworten», sagt Khodia. «Und das stimmt ziemlich sicher. An diesem Tag sind sie im Zentrum der Aufmerksamkeit, alle Augen ruhen auf ihnen. Doch dieses Glück ist vergänglich. Für wen triffst du diese Entscheidung, ein teures Kleid zu tragen? Wer ist es denn, der am nächsten Tag hungert? Du oder die anderen? Du hast dich also entschieden, den anderen zu gefallen auf deine Kosten. Diese Entscheidung triffst du also nicht für dich.»
Vergängliches Glück
Man möchte also reich scheinen, sogar wenn man es nicht ist. Man möchte diesem Bild entsprechen, das man im Fernseher sieht, das einem in der Schule versprochen wird. Dieses Idealbild, so erzählt Khodia, existiere genauso auch auf dem Dorf. Man lobt nun mal nicht die Person mit den besten Charaktereigenschaften, man lobt die Person, die es zu einem gewissen Reichtum gebracht hat. Und dann könne es durchaus vorkommen, dass eine Mutter betont, wie gerne sie eine grosse Frau im Dorf sein würde, angesehen, weil ihre Kinder es geschafft hätten. Dies treibe viele Kinder noch mehr dazu an, ihr Vermögen vermehren zu wollen, vielleicht in die Stadt zu gehen und dort ihr Glück zu versuchen. Die Definitionen von Erfolg sind in den Köpfen der Menschen so sehr mit Reichtum und Besitz verknüpft, dass viele gar nicht merken, dass es ihnen auch gut gehen könnte ohne all dies.
Prioritäten
Khodia hatte lange gedacht, sie würde glücklich werden nach dem bestandenen Schulabschluss. Doch sie hatte wegen einer längeren Krankheit viele Prüfungen verpasst und ihre Abschlussleistungen waren schliesslich nur mittelmässig. «Ich hatte nie realisiert, dass ich eigentlich längst glücklich war. Schon vor dem Abschluss. Klar wurde mir das erst danach.» Den Traum von der Uni musste sie vorläufig begraben, nachdem sie das Geld für die Einschreibung nicht rechtzeitig hatte einreichen können. Nun hilft sie ihrer Mutter im kleinen Coiffeursalon und flicht Zöpfe für die Frauen des Quartiers. «Ich mag, was ich tue», meint sie. «Momentan beschäftige ich mich mit den Zöpfen und möchte meine Schwestern begleiten, dass sie das tun können, was sie im Leben glücklich macht. Das ist im Moment meine Priorität. Was später einmal kommt? Wer weiss, ich bin noch jung. Viele Türen stehen offen, die ich noch gar nicht entdeckt habe. Doch für jetzt bin ich glücklich, so wie ich bin.»
Eine Einstellungssache
Das ist wohl eine der wichtigsten Erkenntnisse unseres Gesprächs. Glück hängt von der mentalen Einstellung ab. Viele Leute, die nur gerade das besitzen, was sie brauchen, sind glücklich, ohne es zu merken. Und doch können auch sie in die Falle des «ImmermehrWollens» tappen, wenn sie plötzlich dieser Wahl ausgesetzt sind. «Wenn sie sich bewusst wären, was sie alles haben, dann würde das nicht passieren», meint Khodia. «Wenn du dir selbst sagst, dass du glücklich bist, bei Gott, dann bist du es. Aber das ist etwas, was viele Leute nicht verstehen.»
Es geht also darum, seine Mentalität zu entwickeln. Man muss lernen, was Khodia die «Würde der Entscheidung» nennt. Man muss herausfinden, was einen wirklich glücklich machen kann, und zwar langfristig. Wenn man das herausgefunden hat, dann erlaubt einem das, dieses Ziel zu verfolgen und sich nicht gleichzeitig noch nach allem anderen zu sehnen, was man eventuell auch haben könnte. Khodia schliesst unser Gespräch mit folgenden Worten: «Die Menschen mühen sich ab mit der Frage, was sie alles besitzen könnten, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass das Essentielle nicht das ist, was man haben, sondern das, was man werden kann. Und die einzige Person, mit der man sich hierbei vergleichen sollte, ist man selbst. Man muss sich selbst treu bleiben und das tun, was einem entspricht. Jede Wahl, die man trifft, sollte der eigenen Persönlichkeit entsprechen und für sich selbst getroffen werden und nicht um jemand anderem zu gefallen. Und schlussendlich kann man nicht alles machen, was man entdeckt. Aber man kann entdecken, was man alles machen kann.»