Wir Menschen brauchen Nahrung, Kleidung, Luft zum Atmen, Wasser, das nicht krank macht. Wir brauchen Kultur und Wissenschaft, Regeln des guten Zusammenlebens und Freiraum für Gestaltung. Anerkennung, Respekt und Freundschaft erachten wir als ebenso unverzichtbar wie spirituelle Erfahrungen. Diesen vielfältigen Bedürfnissen steht der karge Satz «Gott allein genügt» gegenüber. «Solo Diós basta.» Diesen Satz prägte einst Teresa, 1515 im kastilischen Avila in eine ursprünglich jüdische Familie hinein geboren, die unter dem Druck der Verfolgung im katholischen Spanien konvertiert hatte. Von ihren vier Geschwistern war ihr Bruder Rodrigo der liebste und wildeste Spielgefährte. Die gemeinsamen Ritter und Märtyrerinnenspiele gegen «maurische» Feinde spiegeln die kampferfüllte Zeit, in der Teresa aufwuchs.
Kloster statt Ehe
Der Unterstellung unter die Herrschaft eines Ehemannes entzog sie sich durch den Eintritt in ein Kloster der Karmeliter*innen. Der Orden wurde 1150 am Fuss des Karmelgebirges gegründet. Seine strenge Lebenspraxis wurzelt in der eremitischen Tradition. Über mehr als zwanzig Jahre focht Teresa danach einen inneren Kampf mit sich selber aus und suchte im inneren Gebet den Weg, den sie gehen wollte. Sie fand ihn schliesslich in der asketischen Abkehr von der Welt im Geist des Karmel. Sie selbst beschrieb diesen Durchbruch als das «Leben Gottes in ihr»1 , das jetzt, in der Mitte ihres Lebens, begonnen hatte. Sie gründete danach siebzehn kleine Frauenklöster der Unbeschuhten Karmelitinnen sowie zwei Männerklöster und verbrachte ein sehr bewegtes Leben, immer auf Reisen zur Visitation ihrer Klöster, auf der Suche nach finanzieller Unterstützung und im Ringen um Anerkennung ihres Lebenswerkes.
Gott in allem
Dank des inneren Gebetes erfuhr sie die fortwährende Gegenwart Gottes, und je mehr sie darin eintauchte, umso klarer und kompromissloser wendete sie sich der Welt und den notleidenden Menschen zu. Das innere Gebet war nicht Selbstzweck, sondern setzte sich fort im fürbittenden und fürsorgenden Handeln für andere.
Gott allein genügt – Teresa bezog sich damit auf ihre persönliche spirituelle Entwicklung. Sie richtete ihre Wahrnehmung auf die göttliche Wirklichkeit mitten in der Welt aus und erfuhr Gott überall: in ihren Mitmenschen und deren Nöten, im Wasser, in der Blume und der Ameise und auch in der Küche zwischen den Töpfen. Das Übermass an Liebe, das ihr dabei von Gott her zuteil wurde, wandelte sie um in Liebe zu anderen Menschen. Kontemplation und Aktion gehörten für Teresa untrennbar zusammen.
Genug haben im christlichen Fasten
Und Gott liess mich wissen: «Lass dir meine Zuneigung genug sein. Gerade in den Schwachen lebt meine volle Kraft.» (2.Korintherbrief 12,9 nach BigS). Diese Bemerkung des Apostels zu seiner Gemeinde in Korinth wirft Fragen auf: Was genügt mir in meinem Leben? Wie könnte ich dieses «genügen» noch anders verstehen, als im Sinn materieller Fülle? Wie gehe ich um mit dem Gefühl der Schwäche, mit dem Gefühl, nicht zu genügen? Ist es schlimm, schwach zu sein? Wie könnte ich mich mit anderen Schwachen verbinden? Eine der Möglichkeiten, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, ist in der christlichen Lebenspraxis das Fasten. Beim Fasten reduzieren die Glaubenden ihr Bedürfnis nach Nahrung und richten ihre Sinne auf die Wirklichkeit Gottes. Sie verschaffen sich eine Pause von den Reizen und Anreizen des Konsumierens und gewinnen so Freiraum für Neues, seien es neue Verhaltensweisen, Gedanken oder spirituelle Impulse. Sie lernen die Erfahrung des Mangels kennen und entdecken, wie wenig es braucht, um genug zu haben. So verbinden sie sich auf sozialer Ebene mit anderen. Wer fastet, gibt von seinem Besitz etwas an Bedürftige ab.
Soziale Dimension des Verzichtens
Sowohl das Erste wie auch das Neue Testament betonen die soziale Dimension des Fastens. Fastenzeiten bieten die Chance, den Alltag auf vielfältige Art und Weise zu unterbrechen und sich Fragen zu stellen: Ich denke neu über Solidarität nach: Was ich habe, gehört nicht nur mir allein, sondern allen. Ich versuche, die Bedürftigkeit anderer Menschen in den Blick zu bekommen: Was ich zum Leben brauche, brauchen auch die anderen. Ich entdecke Autonomie neu: Was ich mir erarbeitet habe, versuche ich zu teilen. Teresas Motto «Gott allein genügt» heisst für mich: Die Wirklichkeit Gottes ist dann von Bedeutung, wenn sie im menschlichen und mitgeschöpflichen Miteinander Gestalt gewinnt.
Genug an Versöhnung aus jüdischer Sicht
In der jüdischen Tradition ist das Fasten nicht nur Sache von einzelnen, sondern einer ganzen Gemeinschaft. Bis heute verbringen Jüdinnen und Juden den Versöhnungstag Yom Kippur mit Fasten. An diesem Feiertag treffen sich die Glaubenden in der Synagoge und bitten Gott um Vergebung – aber erst, nachdem sie sich mit ihren Mitmenschen versöhnt haben. Diese Versöhnung geschieht so, dass sie zu den einzelnen Menschen hingehen, von denen sie etwas Persönliches trennt, und sie um Verzeihung bitten. Erst danach kann das Gebet in der Synagoge Wirkung haben. Das Fasten beschränkt sich also nicht auf persönliche spirituelle Erfahrungen, etwa die Versenkung im Gebet, sondern zielt auf das gute Zusammenleben in der Gemeinschaft. Gott allein genügt in diesem Sinne nicht, wenn nicht in den Menschen der Wille zur Versöhnung das Handeln bestimmt.
Zehn Tage für Versöhnung
In der Bergpredigt spricht Jesus von einem Menschen, der mit einem Opfertier unter dem Arm auf dem Weg zum Tempel ist, um dort ein Dankopfer darzubringen. Jesus sagt ihm, das sei schön und gut, aber er sagt ihm auch – und das ist das Wichtige: «Wenn dir aber einfällt, dass ein Mensch noch etwas gegen dich hat, dann lass dein Opfer liegen, geh und versöhne dich mit dem anderen und dann erst komm und bring deine Gabe dar» (Matthäus 5,23-24). Dass das wahnsinnig schwer ist, weiss Jesus; an anderer Stelle sagt er einmal: «Versuche die Versöhnung mit der Person, der du gram bist, 77 Mal. Das ist eine symbolische Zahl, die besagt, dass wir es immer und immer wieder versuchen sollen. Erst dann ist Gott Genüge getan im Sinne der Propheten Israels.» Ruth Lapide schreibt dazu: «Zwischen dem jüdischen Neujahrsfest und Yom Kippur liegen zehn Tage. Diese zehn Tage nennt man die zehn Busstage: Sie sind (…) bestimmt für die Bemühung um Versöhnung, zur Umkehr und zur Wiedergutmachung an den Mitmenschen. Dafür sind die zehn Tage gegeben. Und Yom Kippur dauert nur einen Tag. Mit Gott braucht der Mensch nur einen Tag zur Versöhnung, und für seine Mitmenschen zehn Tage – welch tiefe Symbolik!»2
Islamische Perspektive: Genug ist nicht genug
Nach Meinung der meisten Islam-Gelehrten ist es mit dem Glauben an Gott und seine Weisungen allein nicht getan. Ebenso wichtig sei es auch, das Geglaubte zu bekunden und entsprechend zu handeln. Die innere Überzeugung von Muslim*innen ist die, dass sie jederzeit im Angesicht Gottes leben. Gleichzeitig sehen sie die eigene Existenz als Verpflichtung, das Gerechte und Gute in die Tat umzusetzen. Sichtbar wird diese enge Verbindung von Glauben und Handeln in der vor unzähligen alltäglichen Verrichtungen gesprochenen Formel: «Bismillahi ar-rahmani rahim» («Im Namen des Erbarmers, des Barmherzigen»). Bevor man beginnt, den Brotteig zu kneten, sich in ein Buch vertieft, eine Teamsitzung eröffnet oder sich zum Gebet zurückzieht, immer stellen Glaubende ihre Aktivität unter den Namen Gottes.
Gott ist allgegenwärtig – und man könnte an Teresas Leitwort «Gott allein genügt» denken. Dennoch betont der Islamwissenschaftler Bülent Uçar, Dozent am Institut für islamische Theologie der Universität Osnabrück: «Nur wenn sich Überzeugung und Handlung decken, gewinnt die Behauptung des Glaubens an Glaubwürdigkeit.»3
Fasten und Zuwendung
Diese Verknüpfung spiegelt sich besonders klar in der Bedeutung des Fastens. Während des Fastenmonats Ramadan vergegenwärtigen sich die Glaubenden mit Gebeten und mit der Lektüre des ganzen Koran die Liebe, die Gott ihnen entgegenbringt. Sie achten von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang darauf, nicht zu essen und zu trinken, keine Rauschmittel zu sich zu nehmen, keinen geschlechtlichen Verkehr zu haben und sich auch in ihrem sonstigen Verhalten zu mässigen. Bewusst wenden sie sich ihren Mitmenschen zu. Gemeinschaft, Gastfreundschaft und Solidarität mit den Armen spielen eine besondere Rolle. Viele Muslim*innen entrichten im Ramadan die religiöse Pflichtabgabe, die Zakāt. Den Bedürftigen schenken sie Hoffnung auf ein Leben in Würde und stärken den Zusammenhalt. Sie tun dies in der Gewissheit, dass Gott ihre guten Taten während des Fastenmonats besonders belohnt. Ohne die liebevolle und achtsame Beziehung zu den Mitmenschen kann die Beziehung zu Gott nicht gelebt werden.
… dass alle genug haben
Was bedeutet es nun, an Gott genug zu haben? Für mich bedeutet es: die Dankbarkeit für jeden einzelnen Tag. Nichts ist für immer. Darum geniesse den Augenblick, der sich dir schenkt. Den Blick für den Menschen neben dir: Du bist nicht allein auf der Welt. Du teilst alles mit anderen. Du freust dich, und du weinst mit anderen. Die Zuneigung zu allen lebenden Wesen: Du atmest die gleiche Luft, du trinkst vom gleichen Wasser, du lebst mit ihnen vom Segen des sechsten Schöpfungstages. Den Durst nach Gerechtigkeit: Du weisst im Innern deines Herzens, dass du nur dann genug hast, wenn auch alle anderen genug haben.
1 Dagmar Müller über Teresa von Avila, in: dies., Begleiterinnen auf dem Weg nach innen, Mainz 2002, S.16.
2 Ruth Lapide, Walter Flemmer, Kennen Sie Adam, den Schwächling?, Stuttgart 2003, S. 62.
3 https://www.deutschlandfunk.de/sure-4-vers-173-glaube-allein-reicht-nicht-aus-100.html