Ausgabe 2022/3

Weniger, aber das Richtige | Die Kunst des Unterlassens

Noch heute lagert eine Tafel Milchschokolade meiner Grossmutter in meinem Kühlschrank. Sie ist nicht mehr zum Verzehr gedacht. Vermutlich wäre sie nicht verdorben, aber auch nicht mehr unbedingt ein Genuss. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, sie endlich zu entsorgen oder sie doch noch für eine Süssspeise oder für etwas anderes zu verwenden. Denn auf einem schmalen weissen Streifen, gezackt an einer Seite, steht in der Sütterlinschrift meiner Grossmutter mein Name.
Text: Jeannette Behringer / 14.04.2025

Die Tafel Schokolade, sie war ein Geschenk, zu Ostern, zu meinem Geburtstag, zu Weihnachten. Ich weiss es nicht mehr. Der Grund für die seltsame Lagerung ist ein anderer: Die Erinnerung an meine Grossmutter ist sehr lebendig, wenn ich ihre Schrift sehe. Vor allem aber dann, wenn ich diese auf dem schmalen weissen Streifen betrachte: Denn es ist die ausgestanzte Umrandung einer Briefmarke, die sie stets aufbewahrte, um sie für weiteres zu verwenden, was immer es auch war. Wir Enkelinnen und Urenkel wurden auf jeden Fall stets mit Briefmarkenumrandungennamensschildern beglückt. Was ich als Kind und Jugendliche einfach nur komisch und schräg fand, änderte sich für mich als Erwachsene, je länger ich mich mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen befasste.

Ende der Nebenschauplätze
Die Lebensweise meiner Grossmutter symbolisiert für mich nicht nur die Vergangenheit, sondern eine lebenssichernde Zukunft, für deren Gestaltung nicht mehr viel Zeit bleibt. Die Fähigkeit, in allem nicht Abfall, sondern schon den Rohstoff für das Neue zu sehen. Die Weisheit, dass wir Menschen nicht als «autonome Held*innen», sondern als von dieser einen Erde abhängige Wesen eine begrenzte Zeit auf ihr verbringen. Und eine Bescheidenheit der Ansprüche. In Verbindung mit dem Leben meiner Grossmutter sind dies ambivalente Feststellungen. Ihr Leben war geprägt von Krieg und Entbehrung. Die Fähigkeit, aus allem noch etwas zu machen, entstand aus schierer Not. Aber auch als sich mit der Zeit ein persönlicher bescheidener Wohlstand einstellte, blieb sie gegenüber den neuen materiellen Möglichkeiten auf Distanz. Heute handeln wir täglich auf eine Art und Weise, unter Rahmenbedingungen und in einer Kultur gefangen, die den buchstäblichen menschlichen Raubbau der westlichen Wohlstandsgesellschaften an und in der Natur und des «erfolgreichen» Exports in alle Welt stündlich wiederherstellt. Und wenn ich heute zum wiederholten Mal einem Vortrag oder einer Diskussion zum Thema Umwelt, Klima oder Nachhaltigkeit zuhöre, was je nach Milieu «Innovation», «Effizienz», «Kreativität» oder noch mehr «Start-ups» erfordere, dann denke ich – an meine Grossmutter. Ich habe den Eindruck, dass wir dem eigentlich Notwendigen, einer Suffizienzkultur, noch nicht einmal ansatzweise die dringend notwendige Beachtung schenken. Und ich denke, dass die immer neuen Worthülsen des «noch zu Entwickelnden» nicht nötig sind. Denn Wissen und Evidenz für Veränderung sind da, seit langem.

Wissenschaftlerinnen als Avantgarde
Als die Meeresbiologin und Journalistin Rachel Carson im Jahr 1962 ihr Buch «Silent Spring» veröffentlichte, das auf das Sterben der Vögel als Folge des schädlichen Pflanzenschutzmittels DDT verwies, gab sie damit einen entscheidenden Anstoss zur Entstehung einer weltweiten Umweltbewegung. 1972 erschien «Limits to Growth» im Auftrag des Club of Rome. Die Hauptautorin Donella Meadow und ihre Kolleginnen und Kollegen zeigten bereits vor 50 Jahren auf, dass die Tragfähigkeit ökologischer Grenzen längst überschritten ist und zwar durch eine Wirtschafts- und Lebensweise, die diese Grenzen permanent negiert. 2012 entwarf die britische Ökonomin Kate Raworth ihr Modell einer «Donut-Ökonomie», die den sicheren sozialen und ökologischen Raum identifiziert, in dem eine zukunftsfähige Entwicklung der Menschheit noch möglich ist. Die Wissenschaftlerin Linn Persson weist 2022 nach, dass von neun planetaren Belastungsgrenzen bereits fünf – Klima, Biodiversität, Landnutzung, Eintrag von Chemikalien, Phosphor- und Nitratüberdüngung – überschritten sind.

Suffizienz als rechtes Mass
Die Frage nach Suffizienz wird in Umweltdebatten erst seit wenigen Jahren wieder systematischer gestellt. Mit Hingabe widmen wir uns der «Effizienz» und «Konsistenz», erfinden wortgewandt immer neue Begriffe für immer mehr technische Lösungen, die uns zum Erfolg führen sollen. Hartnäckig umrunden wir grossräumig die Frage nach Suffizienz, die an der Gesamtmenge der Güter ansetzt. Und damit an unserem kulturellen Verständnis von Wohlstand als Ansammlung von Materie. Dabei bedeutet das Wort «sufficere», aus dem Lateinischen stammend, nicht «Verzicht», sondern «genügen». In der Medizin wird Suffizienz für das ausreichende Funktionsvermögen eines Organs verwendet, im Bildungsbereich für Zulänglichkeit und Können, in der Statistik für die Eigenschaft, einen guten Schätzwert zu finden. Die ursprüngliche Bedeutung von Suffizienz ist demnach nicht Verzicht, sondern die Suche nach dem, was genügt und ausreicht. Schon verrückt: In der reichen Schweiz könnten wir fast überall von Gebrauchtem leben.

Kulturelle Revolution
Suffizienz stellt nicht die Frage nach Verzicht, sondern fordert uns auf, uns der täglichen masslosen Verschwendung bewusst zu werden, sie zu beenden und hierfür neue Regeln aufzustellen. Viele Praktiken kennen wir. Die Frage nach dem richtigen Mass ist so alt wie die Menschheit selbst. Immer schon musste sich die Menschheit mit Rahmenbedingungen und damit auch mit Begrenzungen auseinandersetzen. Und die Geschichte des Zusammenlebens führte zu verschiedenen Antworten auf die immer wiederkehrende Frage, wie sich individuelle Freiheiten zugunsten eines notwendigen Gemeinwohls in Relation setzen lassen. Wann, wenn nicht jetzt, in der Corona-Pandemie, haben wir die grosse Chance, nicht weiterhin atemlos «Innovation» zu produzieren, sondern innezuhalten und uns zu erinnern, was wir bereits ke(ö)nnen: einsparen, teilen, weniger arbeiten und Arbeit gerecht verteilen, reparieren, wiederverwerten, zusammenkommen. Dies könnten Chancen sein, neue Grenzziehungen zum Wohle aller, aber auch für unser eigenes gutes Leben vorzunehmen.

Trauer und Konflikt
Eine Veränderung solchen Ausmasses führt zu Verdrängungsmechanismen. Eine ehrliche Bilanz der uns noch zur Verfügung stehenden Umwelträume beziehungsweise «Umweltverbräuche» führt uns zum Beispiel vor Augen, dass die Schweiz in diesem Jahr den ihr zustehenden Umweltraum bereits am 13. Mai verbraucht hat. Der «Earth Overshoot Day» führt dies für jedes Land getrennt vor Augen. Ab diesem Datum leben wir von den Ressourcen der anderen und über unsere Verhältnisse. Lange diskutiert, dringend benötigt ist die ökologische Wahrheit der Güterpreise. Damit werden einige Güter für manche unerschwinglich und nur noch für Wohlhabende zur Verfügung stehen. Wir müssen uns davon verabschieden, dass Konsum ein demokratisches Recht ist und gleichzeitig müssen wir für Ausgleichsmechanismen bei Gütern für die Deckung von Grundbedürfnissen sorgen. Aufgrund der Grösse der Aufgabe, so scheint es mir, wissen wir gar nicht, wo anfangen. Eine Anhäufung von Wissen und ein Setzen auf «Wissensvermittlung» allein jedenfalls hat ausgedient. Im besten Fall geht es hier noch darum, eine Mehrheit davon zu überzeugen, dass Veränderung unausweichlich ist. Es geht darum, genau zu analysieren, wer und was den Raubbau und die Verschwendung antreibt, und welche Regeln und Gesetze notwendig sind, um dies zu stoppen. Die Schriftstellerin Carolin Emcke ruft in ihrer Kolumne der Süddeutschen Zeitung dazu auf, zu trauern, damit wir bereit sind, grosse Veränderungen in Angriff zu nehmen: «Wir müssten zu trauern wagen, anstatt uns selbst zu belügen darüber, wovon wir Abschied nehmen müssen. Trauern über das, was bereits verloren ist: die Landschaften, die entstellt sind und ihrer Artenvielfalt beraubt, die Ressourcen, die ausgebeutet und erschöpft sind, die Gegenden, die unbewohnbar gemacht wurden, und vor allem die Menschen, die ihr Leben verloren haben.»

Kultur der Resonanz
Trauer als Voraussetzung für einen radikalen Neubeginn. Es geht um nichts weniger, als uns daran zu erinnern, wonach wir eigentlich streben, zumindest wenn wir unseren eigenen Umfragen glauben: nach Gesundheit, Glück, Freundschaft und Familie und nach Sicherheit (wovon Geld ein wichtiger Bestandteil ist). Es geht darum, neue kulturelle Ziele der Entwicklung zu definieren: Wie sieht das Ziel des Wohlergehens für alle aus? Wie das Bruttonationalglück in Bhutan, bestehend aus guter Regierungsführung, Gleichheit vor dem Gesetz, einer gerechten wirtschaftlichen Entwicklung und der Förderung eines freien Kulturlebens? Beispiele für neue Leitbilder, die Gesellschaft und Demokratie in neuen planetaren Grenzen denken, gibt es genügend. Grundlage für vieles, so scheint es mir, ist jedoch, die Mündigkeit des Menschen neu zu begreifen, feministisch zu denken: Das Leben in guten, tragfähigen, schwingenden Beziehungen zu denken. Beziehungen zu Menschen im gesellschaftlichen und privaten Raum. Beziehungen zu Tätigkeiten und Gegenständen sowie Beziehungen zu gemeinschaftlichen Gütern, wie Ideen, Religion, Kultur, Natur oder Geschichte. Die Grundidee der Resonanz, die Hartmut Rosa einbringt, lenkt das Spotlight des Lebens auf ein wirkmächtiges neues Lebensziel, das für viele Menschen erstrebenswert und sogar entlastend in der gegenwärtigen Leistungsgesellschaft sein kann: den Sinn des Lebens als reichhaltigen Beziehungs- und Erfahrungsraum, in dem Materielles als Sinn- und Statusgegenstand zur Nebensache wird.